Vergessene Perlen #2: Ein frühzeitiger Abgesang

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Lange habe ich mir überlegt, welche vergessene Perle ich sonst noch dem Vergessen entreißen könnte. Lange habe ich in der Musikgeschichte herumgekramt, alte Platten und CDs gewälzt, mir überlegt welche Platten, Aufnahmen und Künstler mir etwas bedeuten und welche sich somit also lohnen vorgestellt zu werden. Ich bin zu einem einfachen Schluss gekommen: So funktioniert es nicht. Musikgeschichte und Musik funktionieren nämlich gänzlich anders.
Ja, klar doch. Ich könnte jetzt einige wahre Prachtexemplare hervor zaubern, die von den Kanonisierungsprozessen und der Deutungshoheit der Musikpresse vorschnell in den Abgrund des Vergessens und der Marginalisierung gestoßen wurden. Aber so einfach ist es nicht.
Ein solches Modell würde davon ausgehen, dass wir es mit einem Mainstream und einer Form von Underground zu tun haben. Etwas, das an der Oberfläche für jederfrau und jedermann sichtbar ist, ohne dass sich dieser intensiver mit Musik beschäftigen muss. Es würde ihm durch die gängigen Kanäle ganz einfach zugespielt werden. Die gängige Meinung ist es außerdem, dass unter diesen Oberfläche etwas existiert, das nicht von allen Menschen wahrgenommen wird. Es braucht einen Zugang, der zumindest intensive Recherche und ganz viel Musikhören bedeutet.
Ich zweifele dieses „Schichten-Modell“ aber schlichtweg an. Es gibt Musik. Nicht mehr und nicht weniger. Diese Behauptung zielt wiederum ganz und gar nicht darauf ab zu behaupten, dass Musik generell gleichwertig in Sachen Innovation, Originalität und Struktur sei. Ganz und gar nicht. Absolut im Gegenteil. Es gibt immense Unterschiede was Musik betrifft.
Nur: Die Kanonisierungsprozesse sind von Fragen der Qualität und der Originalität mittlerweile fast vollkommen unberührt. Es gibt eigentlich nur einen Grund, warum „Avalon“, das ich letzte Woche vorgestellt hatte, als vergessene Perle einzuschätzen ist: Die Platte wurde von den beiden Künstler selbst veröffentlicht. Keine große Plattenfirma mit großem Namen stand dahinter. Kein bekannter Produzent, der die Platte produziert hatte.

Für mich der Inbegriff eines Musiker, der sich nicht um Genre-Grenzen und Konventionen kümmert: Der Pianist Vijay Iyer.
Für mich der Inbegriff eines Musiker, der sich nicht um Genre-Grenzen und Konventionen kümmert: Der Pianist Vijay Iyer.

Vom „Underground“ bis hin zur Szene für die Eingeweihten…
Die Folge daraus ist einfach: In dem Veröffentlichungswust entscheidet sich der Musikkritiker für die Aufnahme, die von einer namhaften Plattenfirma herausgebracht wurde. Nicht nur weil diese damit als gefestigte Marke Qualität gewährleistet und deshalb allein schon den Rezeptionsprozess lenkt, nein auch deshalb, weil der Kritiker von solchen Plattenfirmen bevorzugt mit Promo-CDs versorgt wird. Die kleinen Labels leisten es sich nur ungern, an die weite Welt der Kritiker Promo-CDs zu verschenken. Und wenn schon werden die Promo-CDs an Kritiker und Menschen verschickt, von denen geglaubt wird, dass sie der Platte positiv gegenüber stehen und überhaupt Interesse an dieser Art von Musik haben.
Die Konsequenz: Plattenfirmen gehen zielgerichtet vor  um den „Streuverlust“ möglichst zu verringern. Legitim. Aber das was daraus entsteht ist fatal: Platten, sagen wir einfach mal im Bereich der improvisierten Musik, werden von selbst ernannten Experten besprochen und beschrieben. Was wiederum zu einer absoluten Mono-Kultur der Deutungen und Interpretationen führt. Die Platten werden in sogenannten Fachmagazinen für Menschen besprochen, die ohnehin schon eingeweiht sind.
Die Maschinerie der vermeintlichen Fachpresse steht also in der Funktion die eigenen Leser in ihrem Geschmack zu bestätigen. Ein Außerhalb dieser Szene gibt es nicht, solche Platten werden nicht oder nur kaum außerhalb dieser „Szene“ wahrgenommen.
Wird eine Musikerin wie Gillian Welch in der Fachpresse besprochen? Sollte sie aber werden. Weil es nur eine Fachpresse geben sollte: Die für originelle und gut gemachte Musik.
Wird eine Musikerin wie Gillian Welch in der Fachpresse besprochen? Sollte sie aber werden. Weil es nur eine Fachpresse geben sollte: Die für originelle und gut gemachte Musik.

Das schlimmste an der Sache: Die Musik scheint sich ihrer eigenen Selbstbezüglichkeit bewusst zu werden und ist schon fast so langweilig geworden wie die Besprechungen dieser Musik. Und das gilt nicht nur für die improvisierte Musik, sondern so gut wie für jede Musik, die eigentlich einem „Fachpublikum“ vorenthalten ist. Damit ist auch die Behauptung entzaubert, dass Musik Recherche und Beschäftigung braucht, damit man eben zu den Eingeweihten zählen darf. Nichts ist langweiliger als Experte zu sein.
Meine Konsequenz die ich aus diesen Überlegungen ziehe: Kein Mensch der Welt braucht meine vergessenen Perlen. Nicht weil es schlechte Musik wäre, die da zu Tage befördert werden würde. Sondern weil es damit genau in der Funktion der „Musik-für-Eingeweihte“ wäre.
"Alte Musik?`"Neue Musik"? Keine Widersprüche. Für Patricia Kopatchinskaja ist alles Musik.
„Alte Musik?`“Neue Musik“? Keine Widersprüche. Für Patricia Kopatchinskaja ist alles Musik.

Die Aufzählung von „vergessenen Perlen“ bringt keine Erlösung. Keine Erkenntnis. Sie hat keine wirkliche Funktion die näher zur Musik an sich hin führen würde. Denn das ist mir vielleicht das Wichtigste. Das einzige das wirklich zählt ist das Hören selbst. Das Hin-Hören. Das Hören ohne Genre-Grenzen und ohne Einschränkungen. Das Hören von Musik verschiedenster Ausprägung ist maßgeblich dafür entscheidend, wenn es darum geht Musik zu „verstehen“, die komplexer und unzugänglicher ist, als es ein großer Teil der sonstigen Musik ist.
Zweifelsfrei wäre es aber denkbar, dass es Platten gibt, die Initialzündungen waren. MusikerInnen, die etwas in Bewegung gebracht haben. Die Gewissheiten und Annahmen erschüttert haben. Vielleicht wäre es eine Option, solche Platten und solche Musiker vorzustellen? Denn letztlich ist ja auch das Konstrukt Album brüchig und MusikerInnen per se treten verstärkt in den Vordergrund.
Ich bin noch unschlüssig. Vielleicht sind die in diesem Abgesang versteckten MusikerInnen ein paar Anhaltspunkte? Letztlich ist alles Musik. Und viel mehr als der Gedanke, dass es unter der „Oberfläche“ des Mainstreams verschüttete Glanzstücke gibt fasziniert mich der Gedanke dass es Musiker gibt, für die Genre-Grenzen und musikalische Grenzen generell nicht existieren. Sie waren mir wichtige Wegbegleiter.Vielleicht könnten sie diese Funktion auch für andere Menschen erfüllen?

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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