Asyl in Tirol: Gebt den Asylwerbern eine Stimme!

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Es klingt nach einer einfachen und überaus logischen Rechnung. Lasse Flüchtlinge und Asylwerber davon erzählen, was sie so alles erlebt haben. Lasse sie ihre Geschichten erzählen. Und zwar nicht irgendwo in einem hermetischen Rahmen, wo man unter sich bleibt. Die Geschichten sollen stattdessen in einer Art von politischem Theater auf die Bühne gebracht werden, das sich sehr an den Methoden des „Forumtheaters“ von Augusto Boal orientiert. Daraus entstand das „Theater zum Leben“ von David Diamond, das eng an diese Methoden anschließt. 
Dadurch soll das Theater aus der vermeintlich rein ästhetischen Funktion herausgeholt und in einen gesellschaftlichen und gesamtpolitischen Zusammenhang gestellt werden. Theater hat auf dieser Ebene die Möglichkeit, Zustände und Missstände zu verändern oder zumindest Denkanstöße und Handlungsanleitungen zu geben, um diese zu verändern. Wenigstens sollen diese aber als veränderlich und nicht naturgegeben dargestellt werden. Beim gestrigen Abend in der Bäckerei Innsbruck wurde beim „Forumtheater: Asyl in Tirol“ genau das versucht.

Dieser Mann steht hinter den Methoden, die gestern eine große Rolle spielten: Augusto Boal (Bild: AnnMari)
Dieser Mann steht hinter den Methoden, die gestern eine große Rolle spielten: Augusto Boal (Bild: AnnMari)

Der Andrang am gestrigen Abend in der Bäckerei in Innsbruck war erwartungsgemäß groß. Die Bäckerei hatte wohl nur selten einen solch großen Ansturm an Menschen erlebt. Das Thema ist virulent. Möglicherweise das Thema, welches Europa im Moment beherrscht. Auch im Vorfeld der Aufführung wurde richtigerweise festgestellt, dass die Thematik von den Grenzen Europas nicht nur geographisch absolut in der Mitte der Gesellschaft angekommen sei.
Diese Diagnose erweist sich auch als richtig wenn man die Zusammensetzung des Publikums analysiert. Jung und Alt, offenbar auch ein guter Querschnitt durch alle Bevölkerungs- und Bildungsschichten. Möglicherweise gab es ein leichtes Ungleichgewicht was die anwesenden Politiker betraf. Dort ließ sich nur allzu leicht die Omnipräsenz von Grün-Politikern bei gleichzeitigem fast vollständigem Fehlen anderer Parteifarben feststellen. Das Thema schien immer noch ein „linkes Thema“ zu sein.
Ersann das "Theater zum Leben": David Diamond (Bild: www.bcscene.ca)
Ersann das „Theater zum Leben“: David Diamond (Bild: www.bcscene.ca)

Der Punkt ist aber ein anderer: Linke These und Weltanschauungen hatten in der Frage des Abends Einzug bis weit hinein und die bürgerliche oder gar konservative Weltanschauungen gehalten. Die Krise, die Europa seit einigen Monaten erschüttert, hatte Weltbilder zusammenbrechen lassen. Ob „linke“ Thesen dabei eine überzeugende Antwort geben können bleibt fraglich. Für den Moment sind sie aber offenbar mehrheitsfähig.
Probleme und Erlebnisse von Asylwerbern werden bei "Asyl in Tirol" thematisiert (Bild: Stefan Freytag)
Probleme und Erlebnisse von Asylwerbern werden bei „Asyl in Tirol“ thematisiert (Bild: Stefan Freytag)

Ziel an diesem Abend war es daher auch, die derzeit weitestgehend mehrheitsfähige „Willkommenskultur“ zu etablieren. Noch bevor die Geschichten der Asylwerber auf die Bühne gebracht wurden stand daher zur Debatte, in welcher Sprache überhaupt gespielt und gesprochen werden sollte. Man entschied sich dann trotz allem dafür, dass es, wenn möglich, weitestgehend Englisch sein sollte. Auch wenn selbst diese Sprachverwendung Ausschlüsse schaffen würde. Zumindest waren es aber weniger Ausschlüsse als jene, die sich bei der Bühnensprache Deutsch ergeben hätten.
Die Methode des „Forumtheater“ an diesem Abend ist leicht beschrieben. Asylwerber, die niemals sich selbst spielen, erzählen und spielen wahre oder wahrhaftige Geschichten in kurzen Szenen. Alltagserlebnisse. Meist kurze Blitzlichter auf Alltagssituationen der Entmenschlichung und der Ungerechtigkeiten. Die gespielten Szenen werden je zwei Mal aufgeführt. Einmal ohne Unterbrechung zur reinen Rezeption des Publikums. Beim zweiten Mal kann sich das Publikum einmischen und mit einem lauten „Stop“ in die Szene eingreifen, auf die Bühne gehen und für eine Figur einspringen.
Bei dieser Theaterform spielt auch das Publikum eine wichtige Rolle (Bild: Forumtheater Asyl in Tirol)
Bei dieser Theaterform spielt auch das Publikum eine wichtige Rolle (Bild: Forumtheater Asyl in Tirol)

Dadurch wird klar, dass auf der Bühne zwar „Realität“ und „Wahrheit“ verhandelt wird, aber letztlich auch Realität veränderlich ist. Realität wird mit den Mitteln des Theaters auf die Ebene der Erzählung transferiert. Es ist stets möglich, auch und vor allem mit den Interventionen des Publikums, anders zu erzählen, andere Schwerpunkte zu setzen. Diese Veränderbarkeit der Erzählungen lässt wiederum die Realität „da draußen“ als Erzählung erscheinen, in die man bewusst eingreifen kann. Der Einzelne zählt. Er hat die Möglichkeit mit Worten, Taten und kleinen und ganz bewussten Handlungen in die Realität einzugreifen.
Der Abend war somit, kurz gefasst, durchaus eindrucksvoll. Was bleibt ist der Zweifel, ob die Fokussierung auf das Thema Menschlichkeit tatsächlich eine Veränderung herbeiführen kann. Ja, es gibt zweifellos Ungerechtigkeiten und Situationen der Unmenschlichkeit im Alltag der Asylwerber, die auch thematisiert werden müssen. Bringt uns dabei aber die an diesem Abend mehrmals implizit und auch explizit getroffene Formulierung, dass wir alles Menschen seien, wirklich weiter?
Ein wenig scheint die These dahinter zu sein, dass man den Asylwerbern nur ein Mikrofon in die Hand geben müsse, man ihnen lediglich die Möglichkeit geben solle ihre Geschichten zu erzählen – und schon wäre Gerechtigkeit und Menschlichkeit wieder möglich. Dahinter steht ein manchmal vereinfachender Humanismus, der Menschlichkeit als abstrakten Begriff absolut setzt und tendenziell zu wenig Augenmerk auf Strukturen, Entwertungs-Mechanismen und gesellschaftliche Diskurse der Ausschließung legt.
Wie auch immer das Verhältnis zwischen Menschlichkeit und der Beschreibung von struktureller Entwertung und Unterdrückung bewertet wird: Abende wie der gestrige tragen zumindest dazu bei, sich über dieses Verhältnis Gedanken zu machen. Sie machen darauf aufmerksam, wie der Einzelne trotz allem handlungsfähig bleiben kann.
Selbstverständlich kam dann zum Ende des Abends beim Applaus diese ganz konkrete, derzeit vorherrschende „Refugees Welcome“ Euphorie auf. Das ist natürlich schön. Und vermutlich gibt es derzeit keine plausiblen Alternativen zu dieser Form der unbedingten Willkommenskultur.
Ob sich aber mit offenen Grenzen und dem Traum eines multi-kulturellen Paradieses die virulenten Probleme tatsächlich sachlich und nachhaltig lösen lassen? Persönlich bezweifle ich das. Aber selbst Zweifel sind nach einem solchen Abend angebracht. Denn das ist die größte Stärke dieser Theaterform: Sie setzt auch auf produktiven Dissens.
Wollen wir hoffen, dass der Diskurs über Asylwerber und Flüchtlinge in den nächsten Monaten nach der ersten notwendigen und absolut richtigen Willkommens-Euphorie wieder zurück zu einer sachlichen, rationalen Ebene führt. Dabei muss nicht automatisch die Menschlichkeit verloren gehen – entgegen der derzeitigen offenbar vorherrschenden Mainstream-Meinung. Eine Frage ist nämlich zu stellen: Was kommt nach der Willkommens-Euphorie? Euphorie ist niemals dauerhaft. Danach werden wir nach nachhaltigen Lösungen suchen müssen, die Europa möglicherweise neu und anders definieren.

Titelbild: www.bscscene.ca

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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