Flüchtlingsbetreuung in Innsbruck: Eine tragische Reise in das Reich des Dilettantismus

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Ursprünglich nahm ich an, mein Artikel würde ein Bild zeichnen, das von großem Bemühen vieler Freiwilliger geprägt ist, von Flüchtlingen, die trotz ihrer harten Schicksale überraschend freundlich und fröhlich sind, und von Unverständnis und Widerständen einzelner. Das ist alles richtig, und es ist wichtig, davon zu schreiben, aber es leider nur ein Teil des Ganzen. Der andere Teil des Puzzles zeigt uns drei weitere Dinge, nämlich erstens: Das Krisenmanagement von Land und Bund, aber in besonderen Maß der Stadt Innsbruck, ist von einer groben Struktur-, und Konzeptlosigkeit geprägt, so dass in der Praxis dilettantische Zustände herrschen, die von uns als alltäglich hingenommen werden. Zweitens versuchen private Personen und Vereine, die groben Fehler und Mängel der öffentlichen Flüchtlingsbetreuung zu kompensieren, was zwar immens wichtig ist und moralisch Gebot der Stunde, aber durch die fehlende Koordination der öffentlichen Hand oft nicht das bewirkt, was es soll, in manchen Fällen sogar das Gegenteil. Drittens bedingt der Dilettantismus der öffentlichen Hand einen Teufelskreis, indem der Eindruck eines Problems unnötig heraufbeschworen wird, was den Rechten nutzt und ein politisches Klima schafft, das weiteres dilettantisches Handeln noch wahrscheinlicher macht.
I. Die Flüchtlingsbetreuung in Innsbruck besteht aus zwei Heimen in der Rossau bzw. Hötting, einem „Verteilerzentrum“ an der Technik sowie einem Übergangsquartier in einer aufgelassenen Tennishalle in der Wiesengasse. In beiden letztgenannten Einrichtungen sind Flüchtlinge nur provisorisch untergebracht bis sie einen dauerhaften Platz in einem Heim irgendwo in Tirol erhalten. Das Verteilerzentrum wird vom Bund betrieben und ist eine Containersiedlung, die zuletzt von der Universität genutzt wurde. Die Tennishalle wird von der Stadt Innsbruck zur Verfügung gestellt und im Folgenden soll es vor allem um sie gehen, da sie einen unmenschlichen Umgang mit Flüchtlingen repräsentiert, an den wir uns längst gewöhnt haben.
Die Einrichtung von Unterkünften, in denen Flüchtlinge nur provisorisch untergebracht sind, scheint selbst schon bedenklich, weil sie Flüchtlinge vor eine schwierige Situation stellt. Sie wissen nicht, wie lange sie in der Tennishalle bleiben, wann sie weiter müssen und wo sie hinkommen. Bei meinem Besuch in der Tennishalle konnte ich keine Erfahrungswerte feststellen; manche sind seit dem ersten Tag hier, manche waren bald wieder weg. Es wird versucht, Frauen, Familien und unbegleiteten Flüchtlingen bevorzugt zu vermitteln, was den öffentlichen Eindruck bestärkt(wie in manchen Stammtischdiskussionen dann argumentiert wird), dass Flüchtlinge hauptsächlich junge Männer ohne ihre Familien sind; in der Tennishalle ist das jedenfalls der Fall. Umgekehrt ist auch nicht klar, wie lange die Tennishalle von der Stadt betrieben werden muss; denn eigentlich sollte es sie gar nicht geben.
Dass aus einer aufgelassenen Tennishalle eine Unterkunft für Flüchtlinge wurde, hat – wie mir von Leuten erzählt wurde, die in diesen Entscheidungsprozess eingebunden waren – hauptsächlich mit der mangelnden Handlungsbereitschaft der Stadt zu tun. Eine Gemeinderätin, die nicht öffentlich zitiert werden will, berichtete, dass es eine Liste von rund zehn Gebäuden im Besitz der Stadt gab, von denen einige durchaus geeigneter gewesen wären; allein, zunächst wollte man sich nicht einigen, dann war es zu spät, andere Gebäude zu adaptieren. So musste es eine Tennishalle werden, die dann noch von Flüchtlingen und Asylwerbern selbst adaptiert wurde (was integrativ klingt, aber man stelle sich vor, Schüler müssten ihre Schulen, oder Alte ihr Altersheim selbst herrichten). Dass die Tennishalle nicht besonders geeignet ist, zeigte sich, als rund eine Woche später die Tiroler Tageszeitung von einer Überbelegung der Tennishalle berichtete (statt 160 befanden sich 300 Flüchtlinge darin) und Gerhard Fritz als zuständiger Stadtrat selbst die Baupolizei einschaltete, um die Überbelegung mehr oder weniger zu legitimieren. Zwei Wochen nach dieser Geschichte befanden sich nach mehreren Schätzungen (und auch meinem persönlichen Eindruck) noch immer deutlich mehr als 160 Flüchtlinge darin. Es werden wohl in Zukunft auch nicht weniger. Aber wie kann man sich so verkalkulieren?
In der Tennishalle haben die Flüchtlinge sich ein bisschen Privatsphäre verschafft, indem sie Betten viereckig angeordnet haben und dazwischen kleine Holzwände eingezogen haben. Es sieht aus wie kleine Inseln, zwischen denen ein Gang frei ist, und in dessen Mitte meist ein paar Tische und Schränke stehen. Jeweils zehn bis fünfzehn Leute wohnen in einer solchen „Wohnung“, wie sie ein Flüchtling nennt; doch diese Wohnungen sind nach oben offen und die Wände der Tennishalle sind dünn. Als Winterquartier ist sie definitiv nicht geeignet, sie ist zu hoch, um anständig beheizt zu werden, die Isolierung schlecht. Jedoch wird der Flüchtlingsstrom so bald nicht abreisen, der Bedarf an Plätzen wird eher zu-, als abnehmen. Das ist Georg Mackner, dem Leiter der Immobilienverwaltung der Tiroler Sozialen Dienste, auch bewusst. Allein Pläne, wo diese zusätzlichen Plätze herkommen, gibt es soweit keine. Zumindest offiziell, denn in Wahrheit gibt es natürlich Pläne. Aber man möchte sie nicht öffentlich machen.

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Die Tennishalle von aussen betrachtet

 

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