Das große Europa im kleinen Ambras

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Von der politischen und kulturellen Bedeutung, die Innsbruck in der frühen Neuzeit hatte und die sich im pittoresken Schloss Ambras verdichtete, merkt man ja allerorts nur mehr wenig – wenn sich Bedeutsames tut, dann im Sport, maximal noch in der massentauglichen Populärkultur.
Und Ambras? Ist in erster Linie zu einem – zugegeben sehr hübschen, wenn auch etwas verstaubten – Kuriositätenkabinett geworden, das auch hin und wieder einmal Bühnenbild für diverse Kulturschauspiele sein darf.
Wenn der zugehörige Park aber in frühsommerlicher Üppigkeit aufgeht und in den kleinen Kräutergärtchen alles blüht und duftet, kann man sich in der leicht schläfrigen Atmosphäre allerdings sehr wohl fühlen!
Ambras’ jüngstes Projekt, das „Museum der Träume“, spielt sehr gekonnt mit dieser Idylle – und bricht sie auch äußerst gekonnt auf.
Was als Konzept im Kunsthistorischen Museum Wien als „Ganymed“ schon mehrere Jahre ausgesprochen gut funktioniert, soll jetzt auch in Innsbruck für Aufmerksamkeit sorgen und vielleicht (?) auch ein breiteres Publikum anziehen.


Ambras reloaded


Nun ja, das KHM ist Ambras natürlich nicht, und noch nicht einmal eine harmlose und provinzielle Variante davon. Aber das „Museum der Träume“ ist auch ganz und gar auf Ambras zugeschnitten und nicht einfach eine Wiederholung des Immergleichen in einem anderen Ambiente.
Und eine nennenswerte eigene Tradition hat der Ort ja schon – da fallen Namen wie Dante und Boccaccio, Velázquez und Tizian. Da bekommt man eine Ahnung von weitreichenden politischen Entscheidungen und tiefschürfenden gesellschaftlichen Veränderungen, für die Ambras Schauplatz war. Auf genau diese Traditionen beziehen sich mit dem „Museum der Träume“ elf europäische Künstler in neun szenischen Darbietungen, mit einfachsten Mitteln, minimalistisch in der Form, aber umso barocker und profunder im Inhalt. Und es ist ganz wunderbar, dass Ambras mit so flüchtigen und offenen Formaten wie Theater, Tanz und Musik – also rein performativ – aus seinem märchenhaften Schlaf gerüttelt wird.
Wenn man als Besucher einen Abend lang mit einem Klappstühlchen von einem Schauplatz zum nächsten wandert, wird man mit zahllosen Anspielungen auf die europäische Kulturgeschichte konfrontiert; aber das angenehm intelligent und spielerisch – zumindest dieses eine Mal wird in Tirol die Vergangenheit nicht gravitätisch und ehrfurchtsvoll heraufbeschworen, sondern infrage gestellt und neu verhandelt.


Scharfschütze und Schmerzensmann


Da mokiert sich Boccaccio in einem köstlich flapsigen Monolog von Sabine Gruber über Dante und sein langweiliges Paradies, breitet seine Frauengeschichten aus und erklärt, alter Humanist, der er ist, wie er mit aller Kraft gegen den Tod und die Verzweiflung anschreibt – und man beginnt zu verstehen, wieso der Decamerone erst einmal auf dem Index stehen musste, bevor er Eingang in jeden noch so antiquierten Literaturkanon fand.
Da beschwört ein Scharfschütze im Krimkrieg unter dem Titel „Der Harnisch der Gerechtigkeit“ (Victor Martinovich) in der Rüstkammer allerhand hässliche Männlichkeitsmythen herauf – und welcher Ort in ganz Innsbruck könnte da geeigneter sein (außer vielleicht das Kaiserjägermuseum)?
Da wird anhand des äußerst charmanten Porträts der Prinzessin Ahrenberg aus dem 18. Jahrhundert die bornierte Selbstinszenierung der Aristokratie thematisiert und problematisiert, mitsamt der impliziten Frage, wo der Unterschied zum zeitgenössischen Selfie besteht.
Da wird, passend zum Sternenhimmel-Fresko, das astrologische Vermächtnis des alten Europa im Contemporary Dance neu inszeniert, in einer kraftvollen Choreographie von Esther Balfe und Emanuel Obeya, zwei internationalen Größen im Tanz.
Da spielt das Duo Ramsch & Rosen in der neugotischen St. Nikolaus-Kapelle ein ebenso archaisches wie zeitgemäßes Medley auf Violine, Zither und Trompete und schafft unter dem Titel „Hochzeit“ eine so feierliche Stimmung, wie es sie an diesem Ort wohl schon einige Zeit nicht mehr gegeben hat.
Und da wird auch mit großem Ernst eines der ältesten und zeitlosesten Motive der europäischen Kunstgeschichte, das „Ecce Homo“ behandelt, in einer ebenso starken wie nachdenklichen Performance von Akkordeonist Harald Pröckl und Tänzer Pál Szepesi nach einer Komposition von Johanna Doderer – vielleicht der eindrucksvollste, mit der größten Hingabe gespielte Programmpunkt von allen.
Der ganze Abend lebt im Übrigen vom Talent und der Leidenschaft der beteiligten KünstlerInnen – besonders löblich erwähnt muss David Oberkogler als Boccaccio sein, und auch Günther Lieder, der im Garten einiges über das berühmte Ambras-Schwein und seine Symbolik zu erzählen hat. 


Moderne Kunst im öffentlichen Raum


Und während man all das auf sich wirken lässt, finden sich immer wieder ausreichend stille Momente, um darüber zu sinnieren, was der gemeinsame Nenner ist, was es in Europa für eine Fülle an immergültigen Bildern, Ideen, Konflikten und Fragen gibt – historisch und aktuell. Sich darauf zu besinnen ist nicht nur, wie im Kontext des „Museum der Träume“, vergnüglich und interessant, sondern auch dringend nötig, wenn unsere schwierige und komplexe, aber deshalb umso reichere Identität nicht einfach den Bach runter gehen soll. Wider Erwarten findet sich in Ambras dieser Tage eine geeigneter Rahmen für solche Meditationen.
So etwas ist schön, und auch sehr wichtig für den inneren Zusammenhalt einer Stadt und ihrer Bevölkerung. Aber es sollte nicht aufgebauscht werden müssen, mit einer großen Marketingkampagne, die Exklusivität und Pomp verspricht, so wie das jetzt der Fall war.
Es sollte, wenn möglich, so gefördert werden, dass nicht nur die schnieke gehobene Mittelschicht hingehen kann. Kunst im öffentlichen Raum sollte zu einer Selbstverständlichkeit werden. Wenn eine Stadt im Allgemeinen, und Innsbruck im Speziellen, auch in Zukunft ein Ort der Begegnung, des gemeinsamen Arbeitens, Feierns, Diskutierens,… bleiben soll, muss unbedingt und in jedem Fall der Kunst genügend Raum gegeben werden.
„Die Stadt sollte eine Schule sein, in der man lernen kann, ein ‚zentriertes’ Leben zu führen“, meint der Soziologe Richard Sennett in seinem Buch Civitas. „Sich aus dem, was man in der Welt sieht, ‚etwas zu machen’, führt zur Mobilisierung der eigenen schöpferischen Kräfte. Unserer Kultur braucht eine Kunst der ‚Selbstpreisgabe’; diese Kunst wird nicht den einen zum Opfer des anderen machen, sie wird aus jedem von uns Erwachsene machen, die besser imstande sind, ihr Gleichgewicht zu halten, mit Komplexität umzugehen und aus ihr zu lernen.“
In Ambras geht man zur Zeit in kleinen Schritten in genau diese Richtung. Und das  Beste daran: Wenn man hingeht und sich das „Museum der Träume“ ansieht, ist man hinterher nicht ausgefüllt und erschöpft von zu viel Konzept und Inhalt, sondern ganz in der richtigen Stimmung, selbst ein paar solche Schritte zu machen.
Das „Museum der Träume“ wird am 02. und 08. Juli, jeweils ab 19.00, noch einmal aufgeführt. Tickets sind hier erhältlich – für Studenten übrigens ermäßigt (19 €, Normalpreis: 34€). Hier könnt ihr euch vorab ein gut gemachtes Promo-Video ansehen.

Titelbild: (c) KHM-Museumsverband

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