Ewig rufender Heldenplatz, nie vergehender Schmerz

9. Feber 2026
1 Minute Lesezeit
(c) Marcella Ruiz Cruz

Das Tiroler Landestheater gibt aktuell den „Heldenplatz“ von Thomas Bernhard. Ein Theaterstück mit Geschichte, mit Skandalen, fast schon sagenumringt. Ein Umstand, der sich nicht toppen lässt.

Denn dass die Inszenierung in Innsbruck sich nicht mir einem der größten Theaterskandale in Österreich überhaupt messen lassen würde, war klar. Es würde nicht, wie damals 1988 bei der Uraufführung in Wien, eine regelrechte Flut an Empörung auf das Tiroler Landestheater hereinbrechen. Was einerseits daran liegt, dass Empörung und Skandal in der gegenwärtige Kunstwelt ganz generell schwer bis gar nicht zu provozieren ist, andererseits daran, dass sich handfeste Theaterskandale so gut wie nicht aufwärmen lassen.

Das dachte sich wohl auf Regisseurin Jessica Glause. Denn grundsätzlich gibt es bei diesem Stück zwei Möglichkeiten des Zugriffs: Entweder man setzt auf eine recht konventionelle Regie, bei der nichts vom Text ablenkt. Das Publikum mag in diesem Fall dann selbst überprüfen und schließlich entscheiden, wie viel Sprengkraft der Inhalt dann noch haben mag. Oder eben: Ein Zugriff mit Aktualisierungen, mit künstlerischen Eingriffen, womöglich gar mit neuem Material, das dem „Urtext“ zur Seite gestellt wird.

In Innsbruck passiert zweiteres: Mit Liedern und Musik der Wiener Musikerin Mira Lu Kovacs und zusätzlichen Texten des Wiener Schriftstellers Elias Hirschl kommen weitere Ebene mit hinzu. Die Songs von Kovacs kommentieren das Geschehen, fassen zusammen, holen den Text von Bernhard zudem auch in ein Hier und Jetzt. Die Texte von Hirschl, die hier einem neu etablierten „Besorgte Bürger:innenchor“ auf den Leib geschrieben werden, arbeiten hingegen geschickt den individuellen Schmerz heraus, der dem Bernhard-Werk immanent ist.

Und just mit diesem Kunstgriff gelingt das, was die Heldenplatz-Version in der Tiroler Landeshauptstadt wirklich auszeichnet: Ein Zurechtrücken der Intention des Bernhard-Textes, der nicht nur erbitterte Anklage eines von Nazis verseuchten Österreichs der Nachkriegszeit ist. Er ist nämlich auch Ausdruck das Leides und des Schmerzes von Bernhard und seiner Protagonisten, die sich irgendwo zwischen Weltekel und Schimpftiraden selbst verorten. Die Figuren von Bernhard brauchen ihre Welt- und Österreichbeschimpfungen, um sich selbst nicht zu verlieren und ihr „Ich“ im großen, unerträglichen „Wir“ zu behaupten.

Dass der „Heldenplatz“ in Innsbruck dennoch noch immer ein großer, anklagender Text ist, der dem ewig „rufenden“ Heldenplatz, welcher einen zentrale Rolle bei der nationalsozialistischen Machtergreifung spielte, verewigt, bleibt überdies bestehen. Dieser Platz und dessen Geschichte ist genau so unveränderlich und ewig wie der Schmerz der bernhardschen Figuren.

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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