Der Pilot Herr Fridolin: Wie Kinder tatsächlich fliegen lernen können

5 Minuten Lesedauer

Fliegen


Jazz hat womöglich vor allem die eine große Sehnsucht: Er möchte fliegen. Nicht nur er selbst will dabei abheben, sondern auch dem Zuhörer sollen Flügel gegeben werden. Nach Belegen dafür muss man nicht lange suchen. Einer der größten Jazz-Musiker überhaupt hatte den Spitznamen „Bird“, eine zeitgenössische Jazz-Band nennt sich kurzerhand „Hildegard lernt fliegen“. Ein anderer Zeitgenosse, Thomas Borgmann, hat auf einer Aufnahme mit seiner Band „Boom Box“ überhaupt die Vögel und deren Flug in den Mittelpunkt gestellt. „Little Birds May Fly“ konstatiert das Quartett im ersten Track um weiters zu fragen „How Far Can You Fly“ und dann die Frage „And To Where?“ nachzulegen.
Das Motiv des Fliegens liegt auf der Hand. Die Improvisation im Jazz möchte befreien und zur maximalen Freiheit gelangen. Das improvisierte Solo ist dabei das größtmögliche Freiheitsversprechen. Es nimmt Motive und Melodien auf und transzendierte sie. In Augenblicken des „Fluges“ gelangt man an „fremde Orte“. Orte, die sich vielleicht nur für kurze Momente zeigen. Hat man sie aber einmal, ob als Musiker oder als Zuhörer, auch nur kurz gesehen, überkommt einen die Sehnsucht auch beim nächsten Mal wieder abzuheben und zu fliegen, um abermals kurze Eindrücke von diesen möglichen Orten zu erlangen.


Kindern Flügel geben


„Der Pilot Herr Fridolin“ verfolgt damit ein hehres Ziel. Er will Kindern die Wunder und Möglichkeiten des Jazz „beibringen“. Dazu wird auch beim gestrigen Konzert in der Probebühne des Tiroler Landestheaters gleich zu Beginn zum Flug angesetzt. Auch die Sehnsucht wird geweckt. Das Titellied verspricht, dass die Mitreisenden bald in „fremden Ländern“ sein werden. Folgerichtig setzt die unaufgeregt aber famos musizierende „Crew“ das auch musikalisch um – etwa mit Andeutungen von „fernöstlichen“ Tonleitern. Es gibt also nicht nur viel zu sehen, sondern vor allem auch viel zu hören.
Das mag faszinierend, kann aber auch beängstigend sein. Das „Fremde“ und das „Unerhörte“ sind in der Lage dazu Irritation und Furcht auszulösen. So landen der Pilot Herr Fridolin und seine frischgebackene Co-Pilotin Florentina in „Fürchtistan“. Dort hausen die „Schrecksigittolupen“. Fridolin nimmt auf dieser Insel den Kampf „Mann gegen Bestie“ auf und verjagt diese. Die Furcht ist vertrieben, die Sehnsucht gewinnt. Bald kann man sich, jetzt furchtlos und unbedingt abenteuerlustig, wieder aufmachen fremde Länder zu bereisen und sich unerschrocken in neue musikalische Abenteuer stürzen.
Getragen wurde diese kurze Erzählung von den gesanglich und schauspielerisch auf hohem Niveau agierenden Protagonisten Florentina und Fridolin, aberwitzig und höchst unterhaltsam verkörpert von Juliana Haider und Benedikt Grawe. Dazu agierte die restliche Musikmannschaft souverän – allem voran Florian Bramböck und Christian Wegscheider, aus deren Feder auch ein großer Teil der Musik stammt.
Musikalisch wurde dabei eindrucksvoll gezeigt, was der Jazz so alles kann. Er kann unterhaltsam sein und Parties zum Kochen bringen. Er ist aber auch dazu in der Lage, Traurigkeit und Furcht bis in die kleinste Facette auszuleuchten. Er ist Musik des punktgenauen Ausdrucks und der Differenzierung. Wer den Jazz kennt, der kennt auch feine Nuancen und Zwischentöne.


Fazit


„Der Pilot Herr Fridolin“ ist ein zeitgemäß-unzeitgemäßes Musik-Projekt. Wer mag, darf es auch in seiner politischen Dimension betrachten. Es ist eine Aufforderung sich die Welt anzusehen, deren Schönheit und deren Wunder kennen zu lernen und die eigenen Ängste angesichts des „Fremden“ abzustreifen.
Es ist das Beharren darauf, dass das Feine und das Subtile über das Laute und Banale zu stellen sind. Letzten Endes geht es um alles: Darum, die Lebensfreude zu bewahren, hungrig nach Abenteuern zu bleiben und die Hoffnung auf Freiheit und Schönheit niemals aufzugeben. Das sind „Werte“, die man Kindern tatsächlich mitgeben sollte. Grandioses Musiktheater wie „Der Pilot Herr Fridolin“ ist bei diesem Vorhaben ein höchst willkommener Begleiter und Unterstützer.

Titelbild: (c) Caroline Mercedes Hochfelner

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

*

code