Der Wind im Spinnaker

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Mario Heinemann / pixelio.de

Wenn wir uns erinnern, so an Vergangenes, dann klammern wir uns fest an den flüchtigsten Eindrücken. Oft verbinden wir das Hören eines hallenden Gitarrentons oder das vertraute Spüren von feuchtem Sand in den Händen mit einem kleinen, unscheinbaren Moment. Im Rückblick bleibt uns die Prägnanz eben jener Augenblicke oft schleierhaft, wir verstehen sie nicht, und schaffen es nicht, die Verbindung zur Gegenwart zu schlagen. Ein italienischer Regisseur schrieb einst, dass ein wirklich großer Film fähig sein müsse, eine Klammer zu bilden, sodass erst das Ende dem Anfang die tatsächliche Tiefe verliehe. Es ist im Leben, wie im Film. Und vielleicht findet sich hier das Problem. An dieser Flüchtigkeit der Empirie lässt sich besagte Klammer nicht formen, das schaffen wir nicht. Das gelingt uns nur bei Geschichten.
Für mich gibt es diese eine Geschichte aus der Kindheit, eine Erzählung, die mich seither verfolgt oder begleitet, genau weiß ich das nicht. Ich nenne sie gerne „Die Legende vom alten Seemann“ und ich möchte sie Ihnen anvertrauen.
In Craco, einem Fischerdörflein in der italienischen Region Basilikata, am Mittelmeer gelegen, irgendwo zwischen der Stiefelspitze und dem -absatz, soll einst ein junger Segler gelebt haben. Obwohl die Stadt, sowie die ganze Gegend rund um Lukanien, eher in Armut lebte, hatte er ein durchaus lukratives Gewerbe im Schiffbau für die örtlichen Fischer gegründet. Im Dorf war er ein angesehener Mann, da ihm nicht der eigene Reichtum am Herzen lag, sondern der Erfolg seiner Mitbürger und der, des ganzen Städtleins. Hier und da nützten seine Mitmenschen das aus, doch das hielt sich in Grenzen, und obwohl es dem jungen Schiffsbaumeister durchaus bewusst war, ließ er es auf sich beruhen – es störte ihn nicht. Auch die Frauen im Dorf erkannten, dass der junge Segler mehr zu bieten hatte, als die meisten anderen Männer Cracos, doch abgesehen von bedeutungslosen, unschuldigen Liebeleien, ließ er sich auf nichts ein. Er war nicht der Typ Mann, der die Frauen bezirzen, und sich unsterblich verlieben wollte. Er war ein Mann, der für sein Leben gern träumte, das Dasein genoss und sich seiner Leidenschaft hingab: Dem Segeln.
Wenn ihn die Leute im Dorf fragten, warum er denn nicht heiraten und eine Familie gründen wollte, da wusste er selbst nie wirklich eine Antwort, doch gerne erklärte er, dass er Abenteuer erleben wollte, um davon in seiner Heimat später erzählen zu können – und um eine Familie würde er sich da zu sehr sorgen.
Eines Tages dann, er war gerade 21 geworden, da blieben die Aufträge für den jungen Schiffsbauer aus. Und anstatt Trübsal zu blasen, nahm er den frisch gezimmerten Mast und das feine Lainensegel, welches er unlängst testen wollte, und stach in See. Zuerst gen Süden, dann kehrte er um, und als er nach zwei Tagen und Nächten erkannte, dass ihm das Zuhause nicht fehlte, da segelte er einfach weiter. Zwischen der sizilianischen Ostküste und der Italienischen Stiefelspitze stach er ins Thyrrenische Meer, kreuzte im Anschluss den Engpass zwischen Korsika und Sardinien und passierte letztlich gar die Straße von Gibraltar. Und da war er nun, im Atlantik alleine in seinem Segelboot, lag nachts an Deck, blickte in den glasklaren Sternenhimmel empor, um mit diesem Bild einzuschlafen. Zuerst hielt er sich in Küstennähe, doch nach einigen Jahren überquerte er den Atlantik, kam in die Karibik und fuhr einfach weiter. Weltweit machte er Bekanntschaften, schloss Freundschaften und sah die Welt. Nach über 60 Jahren hatte er alle Weltmeere alleine befahren, die Welt gesehen, allen erdenklichen Gefahren getrotzt und hatte nun als alter Seemann unglaubliche Geschichten zu erzählen.
Er kam dann zurück nach Craco, hatte zwei Weltkriege verpasst und fühlte sich fremd. Seine Mitmenschen von damals waren alle fort. Und als er in Craco angelegt hatte, da war ihm noch etwas aufgefallen. Seine Mitmenschen sprachen nicht mehr dieselbe Sprache. Keiner verstand ihn. Er versuchte sich auch in den Fetzen der anderen Sprachen, die er auf seinen Abenteuern erlernt hatte, um sich zu artikulieren, doch nichts half. Keiner hatte ein Ohr für den alten Seemann und seine Abenteuer. Er wurde älter und begann zu vergessen. Irgendwann wusste er selbst nicht mehr, dass er je auf Reisen gewesen war und starb vereinsamt in den Straßen der Stadt. Auf seinen Grabstein meißelten die Leute: „Hier ruht der verrückte, alte Seemann“.
Ich weiß nicht, warum man mir diese Geschichte je erzählt hat. Sie liegt irgendwo zwischen Belehrung, Unterhaltung, Warnung und Appell, doch die Lehre, die ich aus ihr zog, ist eine andere: Geschichten sind zum Erzählen da. Ja, ich glaube sogar, dass ich wegen dieser kleinen Legende schreibe. Und irgendwann am Ende möchte ich, wie im Film, die Klammer bilden, zurückblicken und einfach verstehen – auch wenn das manchmal heißt, der verrückte, alte Seemann zu sein.

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