"Europa entscheidet sich am Stacheldraht"

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Er fragt mich, ob ich ihm die „Haymon“ Buchhandlung zeigen könne und ob es da in der Nähe nicht ein nettes Kaffeehaus gäbe? Ich nicke freundlich, wie es ein guter Gastgeber tut. Auf dem Weg erzählt er mir  wie toll es für eine Stadt sei, wenn viele junge Leute hier leben. Das sei nicht nur für die kulturelle Vielfalt enorm wichtig. Innsbruck sei lebendig. Das gefalle ihm. Kurz darauf sitze ich mit einem Schweizer, der in Deutschland lebt, in einem typisch österreichischen Kaffeehaus. Auch wenn hier vor kurzem das Rauchen verboten wurde, ist es sehr gut besucht. Wir finden einen Platz für Zwei. Ganz im Eck. Es gibt Espresso und einen Mokka.
AFEU: Herr Lüscher – wer ist Jonas Lüscher?
Jonas Lüscher: (denkt nach) Das ist eine ganz schwierige Frage. Ich sage es mal so. Jonas Lüscher ist der „Innsbruck liest“-Autor 2015. Ein Schweizer Autor, der schon fünfzehn Jahre in Deutschland lebt.
AFEU: Welche Bedeutung, welchen Stellenwert hat „Innsbruck liest“ für Sie?
Lüscher: „Innsbruck liest“ ist eine schöne und gute Aktion. Für Literaturvermittlung bin ich immer zu haben und helfe gerne mit.
AFEU: Sie haben in einem Interview mit DIE ZEIT einmal gesagt, dass es in Ihrer Novelle „Frühling der Barbaren“ (aktuelles „Innsbruck liest“-Buch) hauptsächlich um das Thema Nicht-Handeln geht. Wem werfen Sie dieses Nicht-Handeln vor?
Lüscher: In der Novelle ist es die Hauptperson Preising selbst, die nie handelt. Das war eigentlich die Ausgangslage, als ich damit begonnen habe. Ich wollte eine klassische Novelle schreiben, in der der Protagonist kein einziges Mal von sich aus handelt. Dieses Nicht-Handeln ist in gewisser Weise auch ein Symptom unserer Zeit und unserer Gesellschaft. Es wird uns leicht gemacht, nicht zu handeln. Es wird ja immer gesagt, es sei alles viel zu kompliziert und zu komplex, so dass es ohnehin keine Rolle spiele ob wir handeln oder nicht. Das empfinde ich als komplett falsche Einstellung.
AFEU: Ist dieses Nicht-Handeln Ihrer Meinung nach also dem System geschuldet, oder doch dem Einzelnen?
 Lüscher: Es ist schon dem Einzelnen vorzuwerfen. Aber das System macht es uns eben auch leicht, uns auf diese bequeme Position zurückzuziehen. Das geschieht auch von Seiten der Politik. Wenn zum Beispiel die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel im Verlauf der Finanzkrise sagt, die Maßnahmen wären alternativlos – dann entmündigt sie den Bürger. In dem Moment kann ich mich zurücklehnen, brauche weder zu handeln, zu entscheiden, noch darüber nachzudenken. Aber die Verantwortung liegt letzten Endes immer beim Einzelnen.
AFEU: Papst Franziskus meinte in einer Rede vor dem Europäischen Parlament in Straßburg, dass ihm Europa von außen betrachtet wie „eine alte Großmutter vorkomme, die unfruchtbar und müde sei.“ Spricht er da die gleiche Problematik an?
Lüscher: Ich sehe es nicht ganz so pessimistisch. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass wir in Europa ein neues Narrativ brauchen und dass die Erzählungen die wir über Europa haben, vor allem für unsere Generation, nichts mehr taugen.
AFEU: Wie soll das funktionieren? Welche Rezepte gibt es dafür? Woher müssen die Impulse kommen? Aus der Jugend? Sollen wir raus auf die Straße gehen und Zeichen setzen? Oder braucht es ein neues Denken?
Lüscher: Neues Denken klingt immer gut. Rezepte – klingt schon weniger gut. Denn da erscheint es immer so, als würde einer vordenken und sagen was zu tun sei. Im Grunde genommen brauchen wir eine neue Erzählweise. Wenn wir über Europa sprechen, dann wird nach wie vor das Kriegsnarrativ bedient. So hören wir andauernd, dass wir wieder in längst vergangene Zustände stürzen, wenn die EU scheitert. In Zeiten – in denen sich Deutsche und Franzosen als Erzfeinde begegnet sind. Mit dem kann unsere Generation aber nur mehr wenig anfangen.
Wir brauchen positive Begründungen und positive Geschichten, wieso dieses Europa so wichtig ist. Es muss uns endlich gelingen Europa als einen Freiraum zu beschreiben. Das funktioniert nur, wenn wir Europa als offenes Konstrukt verstehen, das auch für Impulse von außen, für Immigranten und Flüchtlinge, offen ist. Es ist auch die Aufgabe von uns Autoren nicht nur Geschichten aus dem Inneren Europas zu erzählen, sondern ein großes Augenmerk auf die Ränder zu legen und zu schauen was außerhalb der Grenzen geschieht. Europa entscheidet sich auch in Ceuta und Melilla. Europa entscheidet sich am Stacheldraht.
AFEU: Gerade an den Grenzen geht es in Europa aktuell sehr turbulent zu. Ich denke konkret an die Ukraine, an Griechenland und an den Süden Europas generell. Sind das Zeichen dafür, dass man in Europa lange Zeit nicht gehandelt und weggeschaut hat?
Lüscher: Wir waren mit anderen Dingen beschäftigt. Gerade das Thema mit Russland hat uns alle sehr kalt erwischt. Ich denke nur wenige Leute hätten sich vorstellen können, dass dieses Thema in dieser Art und Weise auftaucht und so virulent wird. Tatsächlich hat die Russland-Thematik meinen Blick auf Europa wahnsinnig verschoben. Da muss ich zugeben, dass ich auch wirklich pessimistisch bin. Ich war im Herbst sechs Wochen in Russland und Weißrussland. Und kam eigentlich entmutigt zurück. Die Lage ist sehr besorgniserregend.
AFEU: Was hat Sie entmutigt?
Lüscher: Der Zustand der Zivilgesellschaft ist erschreckend. Überhaupt der Zustand des ganzen Landes. Man hat das Gefühl, dass all das worüber gerade diskutiert und viel Geld und Energie investiert wird, überhaupt nicht das Problem des Landes ist. Am deutlichsten sieht man das bei der Diskussion, dass Russland mehr Größe brauche, geographische Größe. Da denkt man sich, nein. Genau das ist euer Problem. Ihr seid schon viel zu groß. Das ist das Letzte was ihr braucht. Ihr müsst euch um Föderalismus kümmern und schauen, dass nicht nur Sankt Petersburg eine schöne Stadt ist – sondern dass auch die Provinz funktioniert. Dieser Nationalismus, der mit einem unglaublichen Nicht-Wissen über die Welt daherkommt, hat mich entsetzt. Die Art und Weise wie über Amerika gesprochen wird, ist höchst besorgniserregend. Das hat nichts mit der Realität zu tun. Da gibt es zu viel Hass und Wut. Es gibt kaum Presse in der die Opposition eine Stimme bekommt.
AFEU: Was braucht Europa für die Zukunft? Mehr Anständige? (Anm.: Essay – „Die unanständige Mehrheit„)
Lüscher: Mehr Anstand ist immer gut. Wir brauchen definitiv eine Abkehr von der sozialen Kälte. Eine Abkehr von der Politik der Angst, die jedoch in ganz Europa von den populistischen Parteien gehegt, gepflegt und instrumentalisiert wird. Zu viele Leute ruhen sich auf ihren Ängsten aus. Dabei ist die Angst ein unkonkretes Gefühl und nicht objektbezogen. Das hat in der Politik nichts verloren. Wir müssten eher von der Furcht sprechen und unsere Befürchtungen in Konkretes übersetzen. Erst dann kann all das wieder Bestandteil des politischen Diskurses werden. Das Operieren mit Ängsten ist wahnsinnig fatal. Damit kommen wir nicht weiter. Das führt letzten Endes zu einer Diffamierung des Gedankens der Solidarität. Und wir sind auf dem besten Weg dorthin.
AFEU: Was kann ich als Einzelner aus ihrer Novelle „Frühling der Barbaren“ mitnehmen? Dass ich mehr hinschauen soll? Sozial denken, fühlen und agieren?
Lüscher: Das würde ich mir wünschen, ja. Es wäre schön, wenn der Begriff des Gutmenschen nicht mehr das Schimpfwort Nummer eins wäre.
AFEU: In ihrem Buch gibt es eine Szene in der ihr Hauptdarsteller mit ansieht wie sämtliche Tiere eines Kameltreibers bei einem Unfall umkommen und dass dadurch die Existenz des Mannes akut gefährdet ist. Er schaut hin, denkt nach, spielt mit dem Gedanken zu helfen und tut es doch nicht.
Lüscher: Das ist eine Szene die die Schwierigkeiten der Entwicklungshilfe karikieren soll. Die Entwicklungshilfe die wir betreiben ist ja nicht einfach nur gut, sondern auch problematisch. Wenn man sich ansieht was die Weltbank mit ihren Projekten verursacht und dass hier Millionen von Menschen vertrieben,  ganze Dörfer ersatzlos zerstört werden, ist das erschreckend. Entwicklungshilfe kann auch ganz entsetzlich in die Hose gehen.
AFEU: Kommen wir zu Ihrer Person. Zum Autor Jonas Lüscher. Sie haben mit Ihrer Novelle, die ja die Finanzkrise behandelt, genau den Zeitgeist getroffen. Wieso wurde es gerade dieses Thema?
Lüscher: Wenn man die Welt heutzutage verstehen will, dann muss man versuchen die Wirtschaft verstehen.
AFEU: Eine Novelle ist generell ein kürzerer Text. Sie sprechen davon, dass es Ihnen wichtig ist Texte zu verdichten. Wie funktioniert das? Wie verdichten Sie einen Text? Streichen Sie viel?
Lüscher: Ich schreibe sehr langsam. Die Dichte entsteht dadurch, dass ich an jedem einzelnen Satz sehr lange arbeite. Es kann vorkommen, dass ich eine Stunde lang über einen Satz nachdenke und verschiedene Versionen ausprobiere. Ich streiche kaum etwas, sondern versuche nur Relevantes aufs Papier zu bringen und mir über jeden Satz bewusst zu sein.
AFEU: Sie machen sich also beim Schreiben keinen Zeitdruck?
Lüscher: Vielleicht klingt das jetzt pathetisch, aber das Schreiben ist ein Krampf für mich. Es gibt Autoren die sich jeden Tag freuen, dass sie schreiben dürfen. Das ist bei mir anders. Ich muss es tun, aber es ist keine Freude. Wenn es dann getan und das Buch fertig ist, hingegen schon.
AFEU: Schreiben Sie am Laptop?
Lüscher: Ja. Das funktioniert aber nur mit dem Programm SelfControl.
AFEU: Wie geht es Ihnen damit eigene Texte (vor) zu lesen und Signierstunden abzuhalten?
Lüscher: Beim Lesen hängt das stark von der Tagesform ab. Bei Signierstunden komme ich mir hingegen meist seltsam vor. Aber es ist Teil des Jobs. Die Leute freuen sich. Wenn ich das sehe, dann ist das auch schön.
AFEU: Eingangs meinten Sie bei der Selbstbeschreibung, sie seien ein Schweizer Autor der früh nach Deutschland gegangen ist. Welche Rolle nehmen Sie als Autor ein? Welche Funktion?
Lüscher: Ich bin stark daran interessiert neue Beschreibungen für soziale Probleme – für Probleme innerhalb der Gesellschaft zu finden. Das ist mein erstes Anliegen.
Das offizielle Gespräch ist beendet. Wir plaudern noch  zwanzig Minuten weiter. Jonas Lüscher fragt uns (Anm.: Felix Kozubek und Martin Senfter) welche österreichischen Autoren wir gerade lesen – ob es welche darunter gibt die sich mit der Gesellschaft kritisch auseinandersetzen. Wir antworten verlegen. Nach Thomas Bernhard sind uns nur wenige bekannt. Die österreichische Literatur-Szene scheint sich weniger mit globalen Themen zu beschäftigen. Regionales. Lokales ist gerade populär. Je turbulenter die Zeit, desto interessanter werden die Dinge in der eigenen, unmittelbaren Umgebung – so scheint es. Ländliche Krimis. Morde am Dorf. Provinzielle Ermittler. Jonas Lüscher geht einen anderen Weg. Den Weg eines Schweizers, der schon länger in Deutschland lebt. Er beobachtet die eigene Heimat mit einem scharfen Blick aus der Distanz. Er schaut hin, denkt nach, kritisiert, zeigt auf und hält den Spiegel vor. Nicht nur der Schweiz. Sondern ganz Europa.
Jonas Lüschers‘ Novelle „Frühling der Barbaren“ – 130 Seiten. Spannend, komisch, klug und böse. Verdichtet. Voller Wahrheiten die weh tun und zum Nachdenken anregen. Derzeit im Zuge der Aktion „Innsbruck liest“ kostenlos erhältlich.

Heute Abend liest Jonas Lüscher im Zuge des 13. Innsbrucker Prosafestival. Ab 20:00 Uhr in der Stadtbücherei Innsbruck. Weitere Veranstaltungen. 

Foto: Martin Senfter

Ein Leben zwischen Schreibmaschine und Fußballplatz. Eigentlich Betriebswirt. Heute mal Autor, mal Sportmanager. Hat das ALPENFEUILLETON ursprünglich ins Leben gerufen und alle vier Neustarts selbst miterlebt. Auch in Phase vier aktiv mit dabei und fleißig am Schreiben.

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