Türkisch. Brillant. Gefeiert. Verdient…

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Fazil Say spielte gestern in Innsbruck im Rahmen der „Meister & Kammerkonzerte“. Immerhin mit dem Orpheus Chamber Orchestra aus New York. Hat es jemanden wirklich interessiert? Ja, schon. Aber halt fast nur die üblichen „Verdächtigen“. Schade eigentlich, denn ich habe nicht wirklich Menschen gesehen, die ich ansonsten bei solchen Konzerten nicht sehe. So traf ich auch konsequenterweise auch Franz Gratl und Karlheinz Siessl beim Konzert, die direkt eine Reihe vor mir Platz nahmen. Wir kannten uns aus diversen Kontexten, wünschten uns vor dem Konzert viel Vergnügen und begaben uns in den Klangrausch, den Fazil Say zusammen mit dem Orpheus Chamber Orchestra erzeugen sollte.
Vorausgeschickt: Das Orpheus Chamber Orchestra hat eine Besonderheit: Einen Dirigenten wird man bei ihnen nicht finden. Dafür gibt es so etwas wie eine teamorientierte Struktur und ein Abstimmungsverhalten innerhalb des Ensembles, der als „Orpheus Process“ bezeichnet wird. Das klingt und ist spannend und kann auch mit ein bisschen Recherche sehr leicht im Detail nachgelesen werden.
Unterstützt wurden sie von Fazil Say, einem türkischen Pianisten und Weltenbürger, der nicht vor der großen Geste zurückschreckt. Ganz so schlimm wie bei Lang Lang wurden seine Gesten und seine Posen zwar gestern nicht, aber dennoch fühlte ich mich hin und wieder an eben diesen Pianisten erinnert. Ich hatte aber das Gefühl, dass die Gesten und die Verhaltensweisen von Fazil Say ein anderes Grundprinzip verfolgten als bei Lang Lang. Es ging ihm nicht darum möglichst eindrucksvoll zu posieren, sondern darum, der Musik noch eine weitere inszenatorische und emotionale Dimension zu verleihen.

Enorm ausdrucksstark, enorme und direkte Emotionen: Fazil Say.
Enorm ausdrucksstark, enorme und direkte Emotionen: Fazil Say.

Kommentare in den Weiten des Internets unterstellen ihm jedenfalls, dass er in seinen Konzerten ganz mit der Musik verschmilzt und ja ohnehin eher die Herzen als den Klang im Sinn hat. Das wäre ein wenig unfair zu behaupten. Dennoch ist da schon was dran: Fazil Say zielte auch an diesem Abend nicht darauf ab, die originellste Interpretation aller Zeiten hinzulegen oder gar mit seinem Klavier Klangfarben zu erzeugen, die so noch nicht gehört worden sind.
Sein Spiel ist aber auch nicht effektheischend, nicht nur auf die bloße Wirkung fixiert. Sein Spiel war subtil und in den richtigen Momenten klar, direkt und hoch emotional. Dass er mit genau diesem Anspruch eben nicht in das Pathos hinein rutschte, ist wohl sein Genie. Das Publikum dankte es ihm mit tosendem Applaus.
Ich war ebenfalls, das muss ich schon zugeben, schwer angetan, obwohl ich das sprichwörtliche Haar in der Suppe entdecken wollte. Von wegen: Wer eine Masse so mitreißt, der kann eigentlich nur ein Showman sein, dem die musikalische Substanz fehlt. Interessanterweise fehlte sie ihm nicht. Fazil Say ist ein brillanter Musiker, der seine Virtuosität in den Dienst der Werke stellt: Er ringt ihnen Schattierungen und Aspekte ab, die insgesamt nicht neu, aber intensiver wahrgenommen werden als gewöhnlich. Sein Spiel sucht nach Verstärkung, Intensivierung, nach Nuancen.
Er durchleuchtet die Stücke förmlich und weiß nicht nur mit seinem Spiel zu überzeugen, sondern findet auch die „richtigen“ Emotionen für jedes Motiv. Das mag seine Genialität sein: Die absolute Verknüpfung von technischer Brillanz mit dem richtigen Händchen für die große, nicht pathetische oder überkandidelte Emotion. Die Gefühle sind echt, authentisch und glaubwürdig. Aufgesetzt ist hier so gut wie gar nichts. Ich denke, dass ihn allein das schon von Lang Lang unterscheidet.
Das "Orpheus Chamber Orchestra": Dirigent? Fehlanzeige!
Das „Orpheus Chamber Orchestra“: Dirigent? Fehlanzeige!

Zuschreibungen für das „Orpheus Chamber Orchestra“ zu finden fällt mir hingegen schwerer. Kann man das Spiel flüssig nennen? Hintergründig? Ausdrucksstark? Subjektiv würde ich behaupten, dass es eines der besten Orchester war, die ich bisher in meinem Leben gehört habe. Über die wahre Qualität mögen aber Experten entscheiden. Zum Beispiel die beiden Personen, die vor mir saßen: Franz Gratl und Karlheinz Siessl. Ohne die beiden jetzt dauernd beobachtet zu haben bilde ich mir ein, dass Franz Gratl nach dem „Siegfried-Idyll“ das Wort „fantastisch“ auf den Lippen hatte. Sicher bin ich nicht. Ich glaube aber die beiden waren begeistert. Ansonsten mögen sie mir bitte widersprechen.
Fazil Say und das Orpheus Chamber Orchestra: Begeisterungsstürme beim Publikum!
Möglicherweise ist das genau das Problem: Bei den „Meister & Kommerkonzerten“ hat sich über die Zeit ein Publikum herausgebildet, das selbst die ganzen Feinheiten und Nuancen der Interpretationen heraushört. Zu einem sehr großen Teil besteht das Publikum selbst aus Experten oder zumindest aus Menschen, welche die gespielten Werke in und auswendig kennen. Es ist denkbar, dass genau dieser Zugang ein neues Publikum abschreckt. Wie genau soll man selbst Kriterien entwerfen, die sich aus dem Hören von möglichst vielen Konzerten und möglichst viel Musik ergeben?
Es wirkte so, als ob das Publikum gestern schon entschieden hatte, Fazil Say zu lieben und zu feiern. Seine eigen Komposition, die direkt nach der Pause zur Aufführung gelangte, erntete ebenfalls tosenden Applaus, obwohl sie mit deutlich mehr Dissonanzen und zeitgenössischeren Mitteln arbeitete als die Stücke, die ansonsten an diesem Abend auf dem Programm standen.
Für mich zweifellos: Das Publikum hatte an diesem Abend absolut Recht. Ich habe gestern Mozart gehört, wie ich ihn bisher nicht gehört hatte. Endlich habe ich seinen Witz verstanden und endlich wurden mir die feinen, melancholische Untertöne selbst in der überschwänglichsten Passage zugänglich. Ich sage es direkt: Ich mochte Mozart zwar immer durchaus, gestern hat mich aber seine Musik zum ersten Mal richtig berührt und ergriffen. Das ist schon mal nicht nichts.
Emotion. Ganz ungeschminkt: Fazil Say.
Emotion. Ganz ungeschminkt: Fazil Say.

Was bleibt über diesen Abend zu sagen? Vielleicht dass er absolut fantastisch war? Mitreißend und berührend? Ja, schon. Aber das können auch andere schreiben. Für mich blieb aber ein eigenartiger Beigeschmack: Gerade jemand wie Fazil Say könnte ja „Brücken bauen“. Eine blöde Formulierung, ich weiß. Aber er könnte tatsächlich auch Menschen für klassische und zeitgenössische Musik begeistern, die ansonsten damit wenig anfangen können. Er hat das Talent und das emotionale Repertoire, um auch komplexere Werke für ein breiteres Publikum zu entschlüsseln, zu öffnen. Fazil Say vollbringt in dieser Hinsicht eine enorme interpretatorische und musikalische Leistung. Ich denke, dass das seinen weltweiten Erfolg ausmacht.
Aber: Warum konnte er diese Wirkung gestern nicht entfalten? Warum durfte er nicht Leute zu dieser Art von Musik bringen? Er schlüsselte Werke auf, die das anwesende Publikum schon längst entschlüsselt hatte. Ich will das zumindest ein wenig bedauerlich finden. Und eigentlich möchte ich auch nicht akzeptieren, dass man nicht auf ähnliche Weise auf ein Konzert mit klassischer oder zeitgenössischer Musik geht wie man auf ein Stoner-Rock-Konzert geht.
Fazil Say hätte das Zeug dazu zu vermitteln. Wie er in verschiedenen „Welten“ und Kulturen beheimatet ist, so ist er in verschiedenen musikalischen Genres zuhause. Auch Jazz ist Fazil Say ganz und gar nicht fremd. Sein Hang zu Melodie und Folklore machen seine Musik reichhaltig und zugänglich. Er ist ein Musikvermittler allerster Güte.
Aber vielleicht ist es einfach zu akzeptieren: Jeder bleibt bei „seiner“ Musik. Experten und Kenner unter sich. Bleibt eigentlich nur noch für mich die Option, selbst ein Experte zu werden und immer mehr Leute in diesem Kontext kennen zu lernen. Das ist ja schön und gut. Lieber hätte ich eine stärkere Durchmischung des Publikums. Aber das bleibt vermutlich eine Utopie. Dennoch: Wenn dann will ich eine Veränderung dieses Zustands mit Personen wie Fazil Say erleben. Er wäre jemand, der es könnte, wenn man ihn ließe.

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

1 Comment

  1. Lieber Markus, ich stimme bei den meisten Punkten mit Dir überein. Nur eines glaube ich nicht: Dass die Meisterkonzerte ein ExpertInnenpublikum haben. Eher zu einem hohen Prozentsatz ein Societypublikum – welche/r Student/in kann sich die Karten schon leisten? Mir scheint gerade das Meisterkonzertepublikum am wenigsten an der Musik selber interessiert, sondern eher am gesellschaftlichen Anlass. Bei den Symphoniekonzerten gehen schon mehr Leute um der Musik willen. Mich wundert auch grundsätzlich immer, dass man bei gewissen Konzertformaten und -reihen dem Publikum grundsätzlich alles bieten kann, es wird eigentlich ritualisiert frenetisch geklatscht. Das Konzert von Fazil Say und dem Orpheus Chamber Orchestra war ja wirklich erstklassig, aber sonst gilt das durchaus nicht immer – mein Schluss daraus: der bürgerliche Konzertbetrieb ist der Gottesdienst des Bildungsbürgertums, Kunst wird überhöht und sakralisiert, das Drumherum ritualisiert.

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