Sextakkord statt Sex

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Die Ausgangslage


Klassische Musik ist etwas  für Menschen,  die gerne ihre schönen neuen Anzüge oder Kleider und ihre frisch geputzten Schuhe ausführen. Etwas für Musikhörer, die schon vor einigen Jahrzehnten ihr erstes grauen Haar entdeckt haben. Eine Aufführung mit einer Netto-Spielzeit von über zwei Stunden wird dann schon einmal zur herausfordernden Strapaze.
Da kommt es durchaus vor, dass nach getaner Hör- und Sitzarbeit die eine oder andere ältere Dame nach dem Konzert von Sanitätern die vielen Stufen hinunter begleitet werden muss. Da fällt es dem etwas jüngeren Beobachter nicht immer ganz leicht eine Unterscheidung zu treffen, ob der Sitznachbar gerade in musikalischer Ekstase seine Augen geschlossen hat oder eingenickt ist.
Gäbe es das wenig schmeichelhafte Wort „Sitzplatzmumie“ noch nicht, dann müsste es erfunden werden. Tendenziell sieht man bei solchen Konzerten wenig strahlende und lächelnde Gesichter. Vielmehr macht sich ein leicht gequälter Gesichtsausdruck breit. Ganz so, als würde ein sehr großer Teil des anwesenden Publikums darauf warten, dass endlich die Pause kommt. Für diese hat man, vorsorglich wie man ist, schon das Tischchen reserviert und das Sektchen steht bereit. Ab einem gewissen Alter präferiert man dann nicht mehr die Stehtische, sondern mag auch gerne in der Pause sitzen.
Es ist erstaunlich, dass in der Pause kaum hustende Personen zu vernehmen sind. Womöglich liegt das an dem doch sehr hohen Geräuschpegel, der sich durch zahlreiche Gespräche ergibt. Man trifft alte Bekannte wieder, tauscht sich kurz mit politischen Würdenträgern aus oder knüpft neue Kontakte. Unter Umständen liegt es aber auch daran, dass die Kehle in der Pause gut angefeuchtet ist. Neben Sekt steht zumeist auch ein kleines Bier an der Bar zur Auswahl. Alles andere wäre Exzess.
Die trockene Luft tut im Konzert-Saal tut dann aber stets ihr übrigens. In den allzu ruhigen Passagen wird ausgiebig gehustet. Die Pausen zwischen den Sätzen der Stücke sind außerdem regelrechte Inseln des kollektiven Hustenanfalls. Die Anspannung nicht husten zu dürfen und still zuhören zu müssen entlädt sich kathartisch in diesen kurzen Zeiträumen. Auch Sessel werden dann ein wenig gerückt. Die Sitzposition wird geändert. Beim Klatschen nach den Stücken wird darüber hinaus der eine oder andere aus seinem wohlverdienten Halbschlaf gerissen.


Die Idee


Die Idee hinter den „Meister & Kammerkonzerten Innsbruck“ ist in diesem Kontext leicht erklärt. Besonders interessante und begabte Solistinnen und Solisten der Klassik-Welt sollen dieses ritualisierte und für jüngere Menschen zweifellos wenig anziehende Szenario verändern.
Dabei nehmen immer wieder auch Interpretinnen und Interpreten hinter dem Klavier (oder wohinter auch immer) Platz, die sich nicht detailgetreu an überlieferte und somit in der Welt der Klassik-Kenner als richtig geltende Auslegungen halten. Man nennt diese hin und wieder auch „junge Wilde“. Eine solche ist auch die aus Georgien stammende und in Paris aufhältige Pianistin Khatia Buniatishvili. Ihre Interpretationen werden sowohl geliebt als auch verschmäht.
In Interviews gibt sie manchmal auch etwas leichtfertig zu, dass sie nicht nicht sämtlich Auslegungen der von ihr gespielten Stücke angehört hat, sondern die vor ihr liegenden Noten als eine Art „Liebesbrief“ wahrnimmt. Sie traut sich somit, in einen manchmal etwas ekstatischen, rauschhaften und hoch-virtuosen Dialog mit den zumeist schon toten Komponisten einzutreten.
Mittwoch-Abends zeigte sich die gute und gut-aussehende erwartungsgemäß von ihrer hochvirtuosen Seite. Tasten klimperten, Tempi wurden sehr frei genommen und insgesamt kannte sie absolut keinen Gegner. Zumeist nicht mal die zum Teil doch hohen Erwartungen an die Interpreten der jeweiligen Stücke.  Robert Schumann bot ihr mit seinem „Konzert für Klavier und Orchester a-Moll op. 54“ eine geeignete Spielwiese, um sich in sämtliche Richtungen zu bewegen.
Da wurde elegisch geschwärmt, sich gekonnt freigespielt und dann wieder vortrefflich in einem virtuos-respektvollen Dialog mit dem Orchester des Abends musiziert. Zu Solo-Piano Zugaben ließ Khatia Buniatishvili nicht lange bitten. Schließlich war sie die besagte Meisterin im Rahmen der Ideen ebendiesen eine Plattform zu bieten und die klassische Musik damit ein wenig aufzufrischen.


Die Realität


Die Ausgangslage, bestimmt vor allem von den eingeschliffenen Rezeptionsweisen von klassischer Musik, ist, gelinde gesagt, schwierig. Die Idee mit diesen zu brechen ist löblich. Allein: Es gelingt hier nicht wirklich.  Auch hier ist das Publikum stark überaltert. Junge Menschen verirren sich zumeist nur hierher, wenn sie selbst als Musiker aktiv sind. Unbedarfte Menschen zwischen 20 und 30 tanzen hingegen lieber zu harmonisch und rhythmisch weit simplerer Musik in Clubs oder Festivals für elektronische Musik. Statt Interesse am Sextakkord steht Sex im Mittelpunkt.
Die Einladung dieser Pianistin war also grundsätzlich kein Fehler. Die Frau ist tatsächlich sexy und Strahlt die Frische und Intensität von einer Frau diesseits der dreißig aus. Nicht nur mit ihr, sondern auch zum Beispiel mit Pianistinnen wie Olga Scheps hat die weibliche model-ähnliche Frau in den Konzertsaal Einzug gehalten.
Ob es aber so einfach funktioniert? Oder wird damit lediglich älteren Herren eine Vorlage für spätere Solo-Einlagen ohne Ehefrau geboten?
Womöglich steht die Zuspitzung auf einzelne Virtuosen dem Zeitgeist diametral entgegen. DJs geben den hämmernden Puls des kollektiven Verschmelzens vor und inszenieren damit zugleich auch, dass Musik zu produzieren keine Hexerei mehr ist. Jeder andere könnte ebenso zum Zelebranten des kollektivistischen Zeitgeistes werden, der Individualismus nur zum Schein vor sich her trägt. Die Unterscheidung der Interesse dient lediglich der kapitalistischen Logik des Verwertbarkeit.
Man muss es also befürchten. Menschen unter dreißig interessieren sich eher für Sex als für Sextakkorde. Eher für einfach Konsumierbares und weniger für Anspruchsvolles. Sie wollen eher im Rudel tanzen als sich in Abendgarderobe zwängen und den Vorträge von virtuosen Musikern zuhören.
Ein düsteres Szenario. Ob man noch gegensteuern kann? Keine Ahnung.

Titelbild: (c) Meister & Kammerkonzerte

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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