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Sie reden von dir

6 Minuten Lesedauer

Wenn die Bücher richtig gut sind, reden sie von dir, von deiner Welt, und damit reden sie zu dir, und mir scheint, dabei spielen Alter und Herkunft dieser Bücher keine Rolle. Im Gegenteil, man bekommt als Draufgabe Lektionen in Geschichte und Geographie, die man sonst nicht kriegen könnte, jedenfalls nicht so billig und unkompliziert.

So habe ich die letzten Monate zuerst im östlichen Europa des mittleren 18. Jahrhunderts unter einer schwer skurrilen jüdischen Sekte verbracht, dann unternahm ich einen Abstecher ins moderne Nigeria der Zeit um 1980.

Eine gute Bekannte, mit der ich gelegentlich Bücher tausche, hatte mir nämlich als letzte Lieferung „Die Jakobsbücher“, den sehr dicken Ziegel der Nobelpreisträgerin von 2018, Olga Tokarczuk, gegeben und als Draufgabe „Blauer Hibiskus“ von Chimamanda Ngozi Adichie. Beide Bücher sind, für unsere heutigen landläufigen Begriffe, voller unfaßbar frommer Leute, und „Blauer Hibiskus“ hätte mich zirka auf halber Strecke fast ausgespuckt, weil der Vater der Heldin mir zunehmend so stark auf den Wecker ging, daß der rasche Abbruch der Lektüre als einzige Methode erschien, ihn loszuwerden. Jetzt bin ich doch froh, es fertiggelesen zu haben, das Ende ist geradezu genial und befreit den Leser aus der unaushaltbaren Klaustrophobie, die er über die 300 Seiten erdulden mußte.

Momentan verbringe ich die Abende mit einigen vornehmen Familien in Moskau und St. Petersburg, schätzungsweise etwas nach der Mitte des 19. Jahrhunderts. Es ist jener überaus berühmte Roman mit dem überaus berühmten ersten Satz: „Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Art.“ Diesem Satz merkt man an, wie stolz der Autor darauf war, ihn gefunden zu haben, denn mit dem zweiten Satz geht der Roman zügig los und würde das auch ohne den ersten tun, aber der erste ist eben der berühmte. Gleich im dritten Kapitel kommt eine großartige Stelle, wo einer der zahlreichen Helden des Buches charakterisiert wird: „Und obwohl er sich im Grunde genommen weder für wissenschaftliche Belange noch für Kunst und Politik interessierte, vertrat er in allen diesen Fragen mit Entschiedenheit die gleichen Ansichten, die von dieser Mehrzahl und von seiner Zeitung vertreten wurden; er änderte sie nur, wenn die Mehrheit sie änderte, oder, richtiger gesagt, nicht er änderte sie, sondern sie änderten sich von selbst in ihm, ohne daß er es merkte.“ Die Quizfrage lautet natürlich: Wie heißt der betreffende Herr mit Vor- und Vatersnamen?

Und, wie es bei Monty Python heißt, now for something completely different. Wir befinden uns bei der Lektüre von Kate Atkinsons neuem Roman „Weiter Himmel“ (DuMont Verlag, Köln 2021) im nördlichen Yorkshire unserer Tage bei einer typischen Kleinfamilie unserer Tage, in deren Schoß gerade ein hoffnungsvoller Knabe sich durch ausgesucht blödes pubertäres Gehabe profiliert. Die Mutter meint entschuldigend: „Teenager zu sein ist schwer, ihre Hormone veranstalten ein Chaos, sie sind oft erschöpft …“ Im Vater denkt es sich dazu: „Aber was war mit Generationen von Teenagern, die mit vierzehn (nur wenig älter als Nathan!) die Schule verlassen und in Fabriken und Stahlwerken und Kohlezechen gearbeitet hatten? (Jacksons eigener Vater und dessen Vater vor ihm zum Beispiel.) Oder Jackson selbst, mit sechzehn zum Militär, eine Jugend, die von Autoritäten in Stücke gebrochen und später, als er schon ein Mann war, von ihnen wieder zusammengesetzt worden war. War diesen Teenagern, darunter ihm selbst, die Schwäche chaotischer Hormone erlaubt gewesen? Nein, das war sie nicht.“ Von diesem Roman, der als Krimi firmiert, kann ich ihnen nicht einmal andeuten, wie er ausgeht; ich bin nämlich noch kaum weiter als bis zu dieser Stelle gekommen. Ich habe aber diesbezüglich ein gutes Gefühl, und der erste Roman von Kate Atkinson, „Familienalbum“, hat mir vor vielen Jahren sehr, sehr gut gefallen, zumal darin Visocchi’s Cafe in Dundee eine gewisse Rolle spielt. Vor vielen, vielen Jahren, als ich an jenem fernen Ort ein Jahr verbrachte, war Visocchi’s der einzige Platz in der ganzen Stadt, wo wir Kontinentalen einen Hauch von Europa bekommen konnten in Form einer Tasse Kaffee, der zumindest entfernt so wie Kaffee aus Italien schmeckte. Aber das nur nebenbei.

Zum Abschluß unseres heutigen Plauderstündchens noch ein Zitat von einem Herrn aus Kolumbien, im Geistesleben berüchtigt wegen stark vom Mainstream abweichender Ideen: „Die Kultur ist Familenerbe. Oder Geheimnis unter Freunden. Der Rest ist Geschäft.“

Walter Klier, geb. 1955 in Innsbruck, lebt in Innsbruck und Rum. Schriftsteller und Maler.
Belletristik, Essays, Literaturkritik, Übersetzungen, Sachbücher. Mitherausgeber der Zeitschrift "Gegenwart" (1989—1997, mit Stefanie Holzer). Kommentare für die Tiroler Tageszeitung 2002–2019.
Zahlreiche Buchveröffentlichungen, u.a.: Grüne Zeiten. Roman (1998/Taschenbuch 2014), Leutnant Pepi zieht in den Krieg. Das Tagebuch des Josef Prochaska. Roman, 2008. Taschenbuch 2014). Der längste Sommer. Eine Erinnerung. 2013.
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