Bild (c) Helmuth Schönauer

Flüstern

6 Minuten Lesedauer

Von einer Erzählung erwartet man sich eine doppelte Berührung. Einmal soll der Stoff eine unerwartete Nuance liefern wie eine Novelle, und zum anderen soll die Erzählung ein Stück Inszenierung sein. Eine Erzählung wäre damit eine verbalisierte Aufführung für einen einzigen Leser, der eingeladen ist, mit dem Text in der Hand den Abend zu bestreiten.

Klaus Rohrmoser greift auf seine universelle Theatererfahrung zurück, wenn er von der denkbar schärfsten Kante zwischen Leben und Tod erzählt. Die beiden Erzähl-Pole sind Täter und Opfer, Mann und Frau, Jüdin und NS-Scherge.

In dramatischer Konstellation treffen in einem Vernichtungslager der NS-Wärter Hans Miklautz und die Sängerin Ledith Lieblein aufeinander, wobei das Wort „treffen“ einen furchtbaren Hintergrund mit sich trägt. Bei einer Hinrichtungsaktion muss Hans die Erschossenen abgehen und fallweise einen Gnadenschuss setzen. Als sich eine Frau noch bewegt, schießt er daneben. Später beim Aufräumen sieht er ihre Blutspur im Unterholz verschwinden, geht ihr nach und findet die Verschonte.

In den nächsten Wochen pflegt er sie in der Materialbaracke, bringt ihr Essen und Morphium und schlüpft zu ihr unter die Decke um zu flüstern.

In Gegenschnitten entblättert sich die Biographie der beiden. Ledith ist eine geschätzte Sängerin gewesen, ehe sie von ihrer Familie getrennt ins Lager verbracht worden ist. Auf dem Gelände des Lagers befindet sich eine Repräsentations-Villa, in der das Regime Feste feiert, anlässlich eines Hitler-Besuchs muss sie singen und stellt fest, dass die Buchstaben ihres Namens die gleichen sind wie jene des Diktators. Sie ist mittlerweile stumm und antwortet nicht auf das Flüstern ihres „Sorgers“, wie sie den Retter nennt.

„Sorger“ Hans ist ein eifriges Rädchen in der Vernichtungsmaschinerie. Sein Flüstern ist der Versuch, das System zu verstehen, dem er dient, ohne wirklich Widerstand zu leisten. In seiner Geschichte geht es um die Sprache, die das System erst ermöglicht, darin versteckt sich der Begriff Endlösung, von dem Hans nur den hinteren Teil des Wortes sehen will.

Gleich zu Beginn erzählt er sich im inneren Monolog einen Judenwitz, und lacht darüber, dass der Begriff „Judensau“ fein gegendert ist. Aber niemand sonst aus seinem Erinnerungspool lacht dabei, auch später nicht, als die Fügung auftaucht vom „Engpass bei Gas“.

In einem Perspektivenwechsel wird die Baracke mit den Augen der stummen Ledith ausgeleuchtet. An der Barackenwand begreift man das Rätsel Sonne, wenn deren Licht einen Tagesbogen durchreitet. Alle Gedanken enden mit der Hinrichtung, als sie ihren Grabstein sieht, während sie bewusstlos wird. „Ledith Lieblein / 1918 – 1944 / Sängerin.“ Gegen die Schmerzen bringt ihr Sorger Morphium, dann beginnt er wieder mit dem Flüstern.

Täglich steigt die Gefahr, dass diese Rettungsaktion auffliegen könnte. Über Hans witzeln schon die Kameraden, dass er dreinschaue, als ob er einen fremden Eid geschworen hätte.

Als die nächste Feier in der Villa ansteht, setzt Hans den letzten Schritt. Er verbringt Ledith in einen leeren Güterzug, der nach der Anlieferung von Opfern wieder zurück ins Gelände geschoben wird. Sie steckt ihm einen Zettel zu, worauf ihr Name und „New York“ stehen.

Während sie aus dem Lager geschoben wird, begibt er sich zurück ins System zur Feier der Belegschaft. „Eine Fahne rotzt aus dem Fenster!“ Und jemand sagt, dass die Vernichtung der Schöpfung mindestens so anstrengend sei wie die Schöpfung selbst. Im großen System ist Hans in perfider Weise die einzige Verbindung zwischen Hitler und Ledith. Er wird zerrissen, wenn er darüber nachdenkt. Vielleicht ist das existentielle Flüstern rundum schuld, dass er es nicht mehr aushält. Er wird einen seiner Kumpanen töten müssen, wenn dieser das Flüstern laut werden lässt.

In einem Epilog schleppt sich eine ausgebrannte Figur durch New York City, am Abend verkriecht sie sich in eine düstere Unterkunft, an deren Wand geschrieben steht: Lösung! Die Reste von Hans sind auf der Suche nach Ledith, die am Ende der Erzählung verlorengegangen ist.

Klaus Rohrmoser erzählt in achtzig Positionen und Portionen von diesem Aufblitzen des Individuums, wenn das große System wortlos sein Spielbrett auswirft. Ja, die kleinen Schritte darin machen frei oder können jemanden befreien, aber gegen den Sturm der Vernichtung ist kein Kraut gewachsen.

Die Erzählung lässt sich als Versuch lesen, eine Passage zu finden durch die Geschichte von Tätern, Opfern und Vernichtung. Die Protagonisten sind an der Leseoberfläche einem historischen Kontext zugewiesen, aber bei weiteren Lektüren zeigt sich das Thema allenthalben, wenn es auch nicht immer leicht zu artikulieren ist, weil es ja um das Flüstern geht, das uns umgibt.

Klaus Rohrmoser: Flüstern. Erzählung.

Ulm: danube books 2022. 81 Seiten. EUR 18,50. ISBN 978-3-946046-28-8.

Klaus Rohrmoser, geb. 1953 in Innsbruck, ist Schauspieler und Regisseur.

TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2314, geschrieben am 28. März 2022

Geboren 1953. Ist seit Gerichtsverfahren 1987 gerichtlich anerkannter Schriftsteller, bis 2018 als Bibliothekar an der ULB Tirol. Als Konzept-Schriftsteller hält er sich an die These: Ein guter Autor kennt jeden Leser persönlich.

Etwa 50 Bücher, u.a.:
* Tagebuch eines Bibliothekars | Sechs Bände (2016-2019)
* BIP | Buch in Pension | Drei Bände (2020-2022)
* Nie wieder Tirol | Kampf-Roman (2018)
* Antriebsloser Frachter vor Norwegen | Austrian Beat (2021)
* Outlet | Shortstorys zum Überleben (2021)

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