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Durchsichtige Manöver und Provokationen

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Die chinesische Armee hat nicht lange gebraucht, um ein riesiges bedrohliches Seemanöver zu starten. Natürlich, so sagen sie, ist das bloß die Reaktion auf die amerikanischen Besuche in Taiwan.

Das Muster wiederholt sich fast täglich. Denn natürlich haben Putin und seine Seilschaften bei den Ukrainern wie auch die chinesische Führung (alle so wahnsinnig männlich!) nur auf irgendeine sogenannte Provokation gewartet, um endlich, endlich mal so richtig zuschlagen zu können und sich dabei richtig gut und mächtig zu fühlen. Die Berichte beschreiben solcherart durchsichtige Manöver, die nichts anderes als bereits offene Aggression sind, ja richtigerweise auch immer als „Muskelspiele“, „Machtdemonstrationen“, Man(n) wolle „Stärke zeigen“.

Es ist immer wer anderer schuld, wenn Mann* ausrastet. Und natürlich passiert das ganz spontan. Nie ist es geplanter Mord, immer bloß Totschlag im Affekt. Nie übernimmt Mann dafür die Verantwortung. Und das Opfer, beziehungsweise der Auslöser der Gewaltorgie dieser sich so stark fühlenden Männer, ist nie ein gleichwertiger Gegner, an dem sie sich messen, sondern garantiert jemand Schwächerer. Nancy Pelosi selbst ließ man damals unangetastet, denn sie hat die Wirtschafts- und Militärmacht der USA hinter sich. Sonst hätte man sie wahrscheinlich unter einem Vorwand als politische Geisel verhaftet wie die amerikanische Basketballspielerin Brittney Griner. So machen das die Männer in der Weltpolitik. Im Großen wie im Kleinen läuft es leider gleich: Inzwischen sind im ersten Halbjahr in Österreich bereits 23(!) Frauen von Männern ermordet worden. Und der Täter, männlich, wird dann vor Gericht ausführen, dass er provoziert worden ist.

Auch eine Ärztin, die bei einem Machoverein wie der oberösterreichischen Polizei (man entschuldige die natürlich unzulässige Pauschalierung) um Beistand bat, wurde von diesen sogenannten starken Männern sauber im Stich gelassen, als von einem anderen „starken Mann“ aus feiger Anonymität heraus ihr Leben vernichtet wurde. Auch da meinten alle beteiligten starken Männer, das Opfer sei schließlich selber schuld. Sie habe durch ihre öffentlichen Wortmeldungen halt provoziert.

Ja, hat der wirklich Starke es denn nötig, seine Muskeln bei jeder Gelegenheit zu zeigen? Muss sich der denn ständig provoziert fühlen? Und muss der alle Verantwortung auf das Opfer schieben?

Ich sehe da immer die Bilder rechtsradikaler männlicher Fettklöße vor mir, die Körpergewicht und ein paar Tattoos mit Stärke verwechseln. Und auf der anderen Seite sehe ich zierliche Frauen, wie die todesmutige Belarussin Swjatlana Tichanovskaja samt Mitstreiterinnen, oder die Regierungschefinnen von Finnland und Schweden, welche ohne die geringste Freudenmimik das Nato-Beitrittsansuchen unterzeichnen, mit ernsten Gesichtern und im vollen Bewusstsein einer fast unerträglichen Verantwortung. Ganz ohne Muskelspiele. Ganz ohne die Demonstration von Stärke.

Um aus unseren diversen Krisen noch irgendwie herauszufinden, brauchen wir ganz sicher keine muskelspielenden Männer, sondern starke Frauen (oder Menschen anderen Geschlechts), die sich der Zerbrechlichkeit der Existenz bewusst sind.

  • „Mann“ definiert sich im Folgenden sozialpsychologisch und nicht biologisch. Denn gottlob gibt es auch „richtige Männer“, die sich nicht über Gewalt und Aggression definieren müssen. Doch leider mancherorts noch zu wenige.

Geboren 1954 in Lustenau. Studium der Anglistik und Germanistik in Innsbruck Innsbruck. Lebt in Sistrans. Inzwischen pensionierte Erwachsenenbildnerin. Tätig in der Flüchtlingsbetreuung. Mitglied bei der Grazer Autorinnen und Autorenversammlung Tirol, der IG Autorinnen Autoren Tirol und beim Vorarlberger AutorInnenverband. Bisher 13 Buchveröffentlichungen.

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