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Urlaub wie früher

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Kaum werden wir aus der bequemen Ödnis unseres Erwerbsjobs für ein paar Sommerwochen entlassen, brechen unsere Urinstinkte durch. Wir werden wieder zu Jägern und Sammlern.

Die wenigsten gehen zwar, wie in Urzeiten, mit Pfeil und Bogen auf lebensgefährliche Großwildjagd. Doch man jagt mit ebenso viel Aufwand irgendwelchen versprochenen Urlaubsabenteuern in unbekannten Gefilden nach, um sich wieder einmal einen Kick zu holen. Man nimmt Unbequemlichkeiten und Gefahren sondergleichen auf sich: stundenlangen Stau in der Hitze auf der Brennerautobahn, das Bangen, ob das Flugzeug wirklich abheben und ob die Koffer auch dort landen werden, wo man mit ihnen hinwill; Magenverstimmungen, Sand in Kleidern und Schuhen und Hitzeausschlag, wofür man auch noch bezahlen muss. Man ignoriert Pandemie-Gefahren, testet sich vor der Reise extra nicht, um dann vielleicht in einem Hotelzimmer tagelang auf eigene Kosten in Quarantäne zu schmachten oder gleichgesinnten Abenteurern in Hotel und auf Flughäfen ein weiteres unerwartetes Abenteuer zu bescheren. Also, ehrlich betrachtet: Bequem und erholsam ist das Reisen zurzeit nicht. Doch der echte Jäger giert ja gerade nach diesem Wegfall der zivilisatorischen Sicherheiten. Man erlebt alles Mögliche, das man sich zuhause ersparen würde, doch der nomadische Urtrieb ist stärker. Früher trampte man mit Rucksack und unbekanntem Ziel zu diesem Zweck. Das war zumindest noch gratis.

Der zweite Typus, der Sammler, streift einsam durch die Wälder, angelockt von Beeren und Schwammerln, und buckelt sich dumm und dämlich beim Anlegen von Vorräten für den Winter, welche dann eh keiner aufisst. Andere Sammler-Typen, welchen weder Wald noch Garten zur Verfügung steht, kaufen wenigstens Schuhe oder Taschen oder T-Shirts im Dutzend beim sommerlichen Ausverkauf, bevor aufgrund der Inflation alles sicher teurer wird. Wenn man die Sachen im nächsten Sommer dann nicht brauchen sollte, egal. Man hat zumindest einen Vorrat daheim.

Sobald der Urlaub vorbei und mit ihm auch der Rückfall in die Frühzeit der Menschheit überwunden ist, sitzen wir wieder glücklich im kühlen Büro, und uns streift die Erkenntnis, dass die Zivilisationsgeschichte doch letztlich immer darauf hinauslief, uns das Leben bequemer und ungefährlicher zu machen: Mit möglichst wenig körperlicher Anstrengung und Ungemach Geld verdienen, mit diesem Geld im Winter im Supermarkt einkaufen, anstatt auf die sommers gesammelten Beeren und Nüsse angewiesen zu sein; kein Holz für ein qualmendes Winterfeuer sammeln zu müssen; abends im Fernsehen die Welt samt allen erdenklichen Abenteuern bereisen zu können, ohne sich von der Couch und dem kühlen Glas Wein wegbewegen zu müssen – Wie gut es uns doch geht! Wir brauchen den Urlaub, um das zu begreifen.

Geboren 1954 in Lustenau. Studium der Anglistik und Germanistik in Innsbruck Innsbruck. Lebt in Sistrans. Inzwischen pensionierte Erwachsenenbildnerin. Tätig in der Flüchtlingsbetreuung. Mitglied bei der Grazer Autorinnen und Autorenversammlung Tirol, der IG Autorinnen Autoren Tirol und beim Vorarlberger AutorInnenverband. Bisher 13 Buchveröffentlichungen.

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