Plattenzeit #14: Vektor – Terminal Redux

8 Minuten Lesedauer

Was ist Metal? Und wenn ja: Wie viele?


Es ist schwer eine Aussage darüber zu treffen, was Metal überhaupt ist. Schließlich spaltet sich das Gesamt-Genre in verschiedenste Mikro-Genres, Spielarten und Zugänge auf. Wer möchte und nichts Besseres zu tun hat, kann sein gesamtes Musikhör-Leben damit verbringen, sich darüber Gedanken zu machen, welche Spielstrategien welchem Mikro-Genre zuzurechnen sind.
Darf man im Black-Metal überhaupt Stakkato-Riffs spielen oder sind da nur verwaschene Gitarren mit ganz viel Tremolo-Picking erlaubt? Ist dieser „Gesang“ für Death-Metal nicht schon viel zu hoch und deutlich zu schreiend und zu keifend? Darf Thrash-Metal auch Aspekte aus dem Progressive-Rock übernehmen oder verliert er dadurch seine Direktheit, Klarheit und Härte?
Damit ist auch so ziemlich genau das Problem von Metal insgesamt benannt. Die Grenzen des Metals sind für viele Genre-Hörerinnen die Grenzen der eigenen Hör-Welt.
Anstatt nach fließenden Übergangen zu suchen und zu sehen, wie sich die jeweiligen Sub-Genres gegenseitig beeinflussen, befruchten und zu einem großen Gesamt-Entwurf werden könnten, der auch außerhalb der Genres für Aufmerksamkeit sorgt, wird nach Grenzen und Unterscheidungsmerkmalen gesucht. Es ist längst nicht selbstverständlich, dass sich ein Melodic-Death-Metal-Fan auf ein Black-Metal-Konzert traut. Dort würden zu wenig vertraute Spielstrategien und Motive auf ihn warten.
Metal funktioniert nach Codes, die der Fan wiederkennen will. Zu welchen Riffs darf man zum gepflegten Headbanging ansetzen? In welchen Passagen wird es Zeit sein immer dünner werdendes Haupthaar eher nachdenklich und langsam zu schütteln? Und wo und wann ist es an der Zeit, seine Freundin, sofern vorhanden, in den Arm zu nehmen oder ein Feuerzeug zu schwenken? Sub-und Mikro-Genres bieten Orientierung um nur ja nichts falsch zu machen.


Vektor: Die Verwirrung der Codes und Genres


Es gibt im Heute vor allem eine Strategie, um Metal als Kunstform wieder relevant erscheinen zu lassen und künstlerisch aufzuladen. Er muss sich aus seiner Funktion lösen, die einzelnen Interessen und Wünsche der Mikro-Genre-Hörer wichtig und bedenkenswert zu finden und erfüllen zu wollen. Er darf nicht Codes, die sich über die Jahrzehnte eingeschliffen haben und mit bestimmten Spielarten assoziiert werden, perpetuieren, sondern muss mit ihnen spielen. Es sollte ihm mehr an der Verwirrung der Codes als an der fortschreitenden Einzementierung liegen.
Im Mai dieses Jahres hat die amerikanische Band Vektor mit „Terminal Redux“ ein Album veröffentlicht, das genau das tut. Die Band bedient sich aus einer Überfülle an Strategien und Spielarten, die sie allem voran dem sogenannten Thrash-Metal entnimmt, der wohl für alle Zeiten mit den 80er-Jahren assoziiert werden wird. Er eignet sich aber nach wie vor dazu, als Trägermedium anders Stile und Ideen zu inkorporieren.
In manchen Momenten fühlt sich das Album mit seiner aberwitzigen Euphorie und Spielfreude so an, wie sich damals „Reign in Blood“ von Slayer angehört und angefühlt hat. Das Album plagiiert aber nicht, sondern öffnet die Möglichkeiten des Thrash-Metal und macht dieses Mikro-Genre so offen und anschlussfähig, wie es vielleicht niemals zuvor gewesen ist. Dabei wäre die Aufgabe die Euphorie der frühen Slayer mit anderen Mittel und ohne verklärende Nostalgie ins Heute zu transferieren schon eine fast unmögliche Aufgabe. Vektor begnügen sich jedoch nicht damit das zu tun. Sie wollen nicht das Mirko-Genre Thrash-Metal wiederbeleben. Sie wollen die damit verbundene Energie nehmen um sich wieselflink und virtuos durch so gut wie alle Möglichkeiten des Metal zu bewegen.
Es macht hier somit keinen Sinn mehr, nach Codes und Vertrautem zu suchen. Zumindest sollte das nicht der primäre Zugang sein. Klarerweise wird der Kenner Anspielungen an die „gute alte Zeit“ wieder erkennen. Ebenso sehr wie es darum geht, aus dem Vollen der Vergangenheit und der Tradition zu schöpfen, geht es hier aber auch um Brüche mit ebendieser und um Neuschöpfungen an sich.
Ein wenig lässt sich dieses Album auch wie eine Jazz-Platte hören. Für eine Platte, die sich doch dem Thrash-Metal zugehörig fühlt durchaus untypisch. Ebenso sehr wie dieses Album einfache und durchschlagkräftige Riffs etabliert, werden hier auch „genre-fremde“ Texturen und Akkorde wie im Vorbeigehen und fast schon unbemerkt eingeschliffen. Vor allem wer dem Gitarristen Erik Nelson folgt wird überrascht sein. Eine solche Reichhaltigkeit an Sounds, Akkorden und Motiven findet sich so gut wie nie auf vergleichbaren Produktionen.
Das macht „Terminal Redux“ so besonders: Es ist eine Platte, die auf der intuitiven Ebene ganz hervorragend funktioniert. Ja, es ist auch eine Platte zu der sich, zumindest nach mehrmaligem Hören, gepflegt der Kopf schütteln lässt. Ebenso gut kann man diese Platte bei zahlreichen Hördurchgängen unter seinen hochpreisigen Kopfhörern genießen und stets neue Elemente, Spielereien und liebevolle Details entdecken.


Fazit


Man wird sich über dieses 73-minütige Ungetüm noch länger Gedanken machen müssen. Es ist, so wage ich zu behaupten, ein zukünftiger Klassiker, der auch in vielen Jahren noch nichts von seiner Faszination verloren haben wird. Im Gegenteil: Vielleicht werden wir erst dann alles genau gehört und analysiert haben. Mit der Energie einer Thrash-Metal-Band überfährt einen Vektor erst einmal. Aber nicht nur mit Härte und Brachialität, sondern mit Komplexität und schier endlosem Einfallsreichtum.
„Terminal Redux“ ist ein wichtiges Album. Für den Metal insgesamt. Es hätte sich auch Aufmerksamkeit aus gänzlich anderen Genres verdient. Denn solch enorme Musikalität kennt eigentlich kein Genre.
Nicht zuletzt gibt es auch noch eine schmackhafte und narrativ tragfähige Sci-Fi-Geschichte. Die Band selbst nennt die eigene Musik deshalb auch mal gerne „Space Metal“. Mag sein, dass sich das vor allem auch auf die Themenwahl beziehen lässt. Womöglich lässt sich das aber auch wie ein Konzept lesen: Der Blick von Außerhalb auf das große Ganze ist der Band wichtiger als der Blick von Innen, der sich in Streitereien und Spitzfindigkeiten in Genre-Fragen verliert.

Hier geht es zu der vorhergegangenen Folge von "Plattenzeit".

Zum Reinhören



Titelbild: (c) Vektor, Promo-Bild, Bearbeitung: Felix Kozubek

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

*

code