Mein lieber Markus: Gräben sind nur da, wo man sie gern hätte

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Ich glaube deinen prinzipiellen Gedankengang zu deinem letzten Text zu verstehen. Oft beschäftigst du dich mit Jazz, erklärst mir und all den anderen Lesern was „gute und was schlechte Musik“ ist, dass Wanda und Madsen der Untergang der Popmusik sind und dass Filippa Gojo deren Rettung ist. Nicht selten berichtetest du von Konzerten, die in ihrem Umfang vollkommen waren, von Abenden an denen Magie spürbar war, aber einfach keiner hinging. So auch letzte Woche, als zwei Weltmusiker ein Konzert spielten und keiner sich dorthin verirrte. Und wer ist Schuld? Wir, die Studenten. Denn wir gehen ja lieber ins Freiluftkino oder gar Fußballschauen.
Nein, ich habe kein Problem damit an einem Jazz-Abend teilzunehmen. Ganz im Gegenteil, auf den paar Jazz-Konzerten auf denen ich war, herrschte wirklich gute Stimmung, die Musik war ansprechend, getrunken wurde auch genug. Quasi ein normales Konzert. Kein Student hat ein Problem damit. Eher sieht man einen Studenten im „Early Bird“, als dich im Weekender. Weil wie sagst du immer: „Indie ist ja scheisse, FM4 noch mehr.“ Da stell ich mir die Frage – wen interessiert das?

Ich weiß noch, wie ich im August zu dir gesagt habe: „Markus, morgen spielt Fiva im Treibhaus. Ich habe keine Zeit zum hingehen, geh du, ich kenne keinen der auf einem Fiva-Konzert war und nicht von ihr geschwärmt hat.“ Und tatsächlich, du bist hin, hast mir schon während des Konzerts Nachrichten über die tolle Stimmung, das Publikum und den Auftritt der Rapperin geschrieben und mir versichert: das war ein geiles Konzert, da schreib ich drüber. Richtig gefreut habe ich mich.
Der Text hat mich dann enttäuscht. Sechs Absätze lang beschreibst du, warum man Fiva nicht mögen muss. Sechs lange Absätze und FM4 Hass, ja gar Ö3 kommt noch vor. Die Hälfte des Textes handelt nicht vom Konzert, das dir Gefallen hat, sondern von deinen Vorstellungen von Musik. Von deiner Wahrnehmung der „Jugend“ und des „Indie- Senders“ FM4. Ich stelle mir oft die Frage, für wen du deine Texte schreibst. Für dich? Für Bekannte? Für ein Nischenpublikum? Für Intellektuelle? Die Antwort darauf ist mir ehrlich gesagt nicht wichtig, mir geht es mehr um deine Auffassung von Kunst, die du dem Leser Nahe legst, wenn nicht aufzwingst.
Für wen ist Kunst eigentlich? Wer darf Kunst konsumieren, wer produzieren? Wer darf beurteilen was Kunst ist? Wo verläuft die Grenze zwischen einem „Schmarrn“ und „echter Kunst“? Beim Lesen deiner Texte bekomme ich häufig den Eindruck, nur Intellektuelle dürfen gewisse Formen von Kunst nützen. Die anderen – oft namentlich Studenten – saufen und kiffen lieber, verwandan oder verbilderbuchen Abende, gehen ins Freiluftkino und zerstören das Innsbrucker Bild durch ihre Vollbärte, Brillen, Jute-Beutel, Burritos und Sonnendecks. Quasi Kultur vom Pöbel für den Pöbel.

Die zentrale Frage die ich mir beim Lesen deiner Artikel stelle ist eine einfache: warum? Warum spielt man immer wieder gezielt Stilrichtungen gegeneinander aus? Warum ist nahezu alles Neue in der Stadt automatisch schlecht – hier unterscheide ich explizit zwischen „nicht feiern/hypen“ und „niedermachen“. Wir, hier vom Alpenfeuilleton sind keine besseren Menschen. Ich maße mir nicht zu, Menschen vorzuschreiben, was sie mögen dürfen und was nicht. Ich muss nicht immer provozieren um im Gespräch zu sein. Aber ich muss mir von unseren Lesern sehr oft anhören, warum wir diesen und jenen Text in dieser Form so bringen. Ich kann meistens nicht viel dazu sagen, außer, dass ich mich sehr darüber ärger, wenn immer derselbe Eindruck vermittelt wird: Provokation um jeden Preis und „deine“ Musik ist nicht für jedermann.
Intellekt scheint ein großes Thema zu sein. Du suchst immer nach Lösungen zu deinen Fragen. Im Text schreibst du von Gräben und von Bands die Musikrichtungen miteinander verschmelzen. Ich bin der Meinung, ein Graben ist nicht vorhanden, sondern einfach nur unendlich viele unterschiedliche Geschmäcker. Ein Graben entsteht dann, wenn man Dinge miteinander vergleicht, Gruppen gegeneinander ausspielt, manches nicht nachvollziehen kann. Ich verstehe dich und kann deinen Frust manchmal auch nachvollziehen, wenn gute Musiker zu Gast sind und nur wenig Publikum vor Ort ist, ist das natürlich schade. Selten hat es aber mit einer Ablehnung der Jugend gegenüber eines Genres zu tun, sondern viel mehr mit banalen Dingen, wie: Ankündigung, Platz, Arbeit, Uni, Leben, Zeit. Sicher, wer keinen Jazz mag, geht dort nicht hin. Du gehst ja auch nicht jeden Freitag ins Tivoli, trotzdem schreibe ich nicht vorwurfsvoll: „Liebe Magister und Doktoren, vielen Dank für eure Nichtunterstützung unserer auf dem ersten Platz liegenden Innsbrucker Fussballmannschaft. Furzt weiter in euren Chefsessel und hört weiter eure Klassik oder euren Free Jazz!“
https://www.youtube.com/watch?v=U6fnU3ja9M0
Bringt nichts, hat auch mit der Sache nichts zu tun. Verallgemeinerung und einfach eine Unwahrheit bringt nichts. Sind ja auch viele Magister und Doktoren im Stadion anzutreffen, so wie auch viele Studenten auf den Konzerten sind, die du beschreibst.
Von mir aus sind „wir“ faul, saufen zu viel und bedienen uns unserer eigenen Sprachcodes. Trotzdem sind „wir“ nicht deppat, nur weil wir halt verschiedene Musik anhören die du nicht magst/du nicht verstehen kannst warum man das hören will. So ist das im Leben und so ist das auch hier beim ALPENFEUILLETON. Du schreibst was, ich kann antworten. Wir haben eine Mischung. Danke an die Leser. Danke an die Schreiber.
Sieh’s lockerer und lass andere auch leben
Martin

Ps: die Videos zwischen den Absätzen sind die Top 3 der aktuellen FM4-Charts. Find die ziemlich cool.

 

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