Innsbruck: Die Stadt, in der man nur hassen kann

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Ohne feste Bezugnahme wird gerne mit dem Begriff „hater“ herumgeworfen. Ganz so als ob Hass überall zu jeder Zeit auf der Welt vergleichbar oder gar ähnlich wäre. Fast so als ob er bezugslos wäre und nur mit der Innenwelt des Hassenden zu tun hätte. Als ob er nicht an der Außenwelt geschult und geschärft wäre und sich nicht an dieser entzündet hatte. Auch auf den feinen Unterschied zwischen pöbeln und hassen wird keine Rücksicht genommen.
Eine mögliche Szene um den Unterschied zwischen hassen und pöbeln zu skizzieren ist ein Thrash-Metal-Konzert. An einem x-beliebigen Ort in einer x-beliebigen Stadt. In den richtigen Passagen der Songs wird eifrig das Haupthaar geschüttelt. In den passenden Augenblicken kommt es zu einem „Moshpit“.
In diesem ist es auch erlaubt, ohne dass es als aggressive Geste verstanden werden würde, das Gegenüber körperlich „anzupöbeln“, es dezent mit leichtem bis mittelschwerem Körperkontakt zu rammen. Obwohl es keine festgeschriebenen Regeln gibt, gibt es implizite Übereinkommen, was mögliche Gewalt betrifft. Die Grenzen werden nur selten überschritten. Chaos wird symbolisiert, bricht aber nicht aus. Alles bleibt im Rahmen, der nicht nur örtlich, sondern auch metaphorisch verstanden werden kann.
Es gibt ein stilles Einverständnis. Die Menge im Moshpit hat denselben Bezugspunkt: Die Band, das Konzert, die Riffs, die diesen Moshpit erst provoziert und generiert haben.
Somit gehe ich davon aus, dass sich der Pöbelnde innerhalb eines Bezugsrahmens befindet. Der Pöbelnde stellt nicht in Frage, sondern bewegt sich innerhalb eines definierten Rahmens, den die Akteure in diesem gesetzt haben. Die Ansammlung der Akteure in diesem Rahmen könnte im obigen Kontext „Fans“ genannt werden. Genauso gut kann aber von einer „Szene“ gesprochen werden, innerhalb derer Übereinkommen über ästhetische Kriterien, Qualität und Gut oder Schlecht herrscht.
Pöbeleien in der Szene müssen im Rahmen bleiben. Sie müssen impliziten Kriterien folgen. In Innsbruck etwa beherrscht ein unterschwelliger Diskurs weite Teile des Kulturlebens: Man muss froh sein, dass es überhaupt etwas gibt. Lange habe man sich etwas erkämpfen müssen. Weil es ja vorher nichts gegeben hätte außer Hochkultur, klassische Musik und ein bisschen Alte-Musik-Geklimper. Die heutige Off-Szene ist das Ergebnis von langen und langwierigen Prozessen des Einforderns von Raum und Räumlichkeiten.
Ähnlich verhält es sich mit der Szene, die sich im Moment gerne hip, gut gekleidet und großstädtisch gibt. Hier wird der Rahmen dadurch definiert, dass Innsbruck lange eine Provinz-Stadt gewesen sei, in der es nur grau in grau und die ewig gleichen, langweiligen Läden gegeben hätte. Dass jetzt Berlin, Hamburg & Co. Einzug halten sei ein wichtiger Fortschritt.
Im Rahmen dieser jeweiligen Rahmen sind Pöbeleien nicht schwer zu definieren. Es wäre eine dezente, liebevolle Kritik von innen. Schließlich muss man sich unterstützen. Die Grenze ist klar gesetzt: Drinnen sind möglicherweise ein paar kritische Pöbler, draußen warten die „Hater“ darauf alles schlechtzureden. Obwohl sie von dem Innen der Szene keine Ahnung haben.
Daraus folgt, dass es nur ein Innerhalb oder ein Außerhalb geben kann. Fundamentalkritik von „Außen“ wird nicht als sich im Rahmen befindliche und somit produktive Pöbelei, sondern als purer Hass empfunden. Die Grenzen der eigenen Szene sind die Grenzen der möglichen Kritik und des Sagbaren innerhalb ebendieser. Das Außerhalb der eigenen Kriterien und Annahmen ist unverständlicher Hass.
Das macht Innsbruck zu einer Stadt, deren Kulturszenen mehr Hass verdient haben. Nicht Hass im Sinne eines irrationalen Gefühls, das kaputtschlagen und vernichten möchte. Sondern die Fundamentalkritik von Außen, die sich außerhalb der Szenen aufhält und einen objektiven, scharfen und kritischen Blick auf die jeweiligen Szenen und deren über die Jahre eingeschliffenen Denkverbote wirft.
Es täte so mancher Szene gut, wenn sie sich nicht nur liebevoll selbst auf die Schulter klopfen würde, sondern wenn sie in einen echten und kritischen Dialog über Potentiale eintreten würde. Es täte ihr gut, wenn sie sich nicht nur dezent gegenseitig anpöbeln würde, sondern, angestachelt durch vermeintlichen „Hass“, alles von Zeit zu Zeit radikal selbst in Frage stellen würde.

Titelbild: All-Inn.at

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

5 Comments

  1. Ich steh ja als Einmal-Im-Jahr-Besucher total auf Innsbruck, aber ich kann deinen Standpunkt nachvollziehen. Das ist das Problem in vielen mittelgroßen Städten. Man kann hier relativ einfach was auf die Beine stellen und schon ist man der große Zampano. Aber nicht alles, was so entsteht ist per se schon spitze, sondern manchmal halt auch nur Mittelmaß. Zum Machen gehört das Scheitern halt dazu…
    Aber dann laut auszusprechen, dass nicht alles, was mit dem Etikett Kultur gelabelt wird, automatisch kulturell wertvoll ist, finden nicht immer überall alle gleichermaßen konstruktiv.
    Außerdem ist jeder Text, der mit Trashmetal zu tun hat, immer sofort wertvoll 😉

  2. Ich geb dir recht und hate in den eigene Grenzen und Reihen gegen die ewig verborten gleichen Scheiss-Clubs die der Meinung sind irgend n Scheiss-Rad (mit scheiss 8er) neu erfunden zu haben! Scheiss!
    Liebe.

  3. Das ist sehr richtig: „Es täte so mancher Szene gut, wenn sie sich nicht nur liebevoll selbst auf die Schulter klopfen würde, sondern wenn sie in einen echten und kritischen Dialog über Potentiale eintreten würde.“ Es sollten überhaupt mehr Potientiale genutzt werden. Und vor allem die Potentiale von MEHR Menschen sollten mehr genutzt werden…

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