Menschen am Strand beobachten

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Manchmal kommt es erst relativ spät im Leben vor, dass man seine Einstellung zu gewissen Sachen grundsätzlich ändert. So habe ich mit 18 den Kohlrabi für mich entdeckt, mit Mitte 20 die Leidenschaft fürs Autofahren verloren und diesen Sommer meine grundsätzliche Abneigung gegen Strände überdacht.

Bis dato habe ich zwar den einen oder anderen Tag im Mekka der Hautkrebskandidaten verbracht, empfand allerdings einzig die Strandbar als reizvoll. Sie verfügt über alle Notwendigkeiten der menschlichen Zivilisationskunst. So gibt es nicht nur Stühle und Tische (eine tolle Entdeckung, fast besser als das Rad), sondern auch gekühlte alkoholische Erfrischungsgetränke (ebenfalls ein Geniestreich) und ein Klo (wegen dem hastigen Genuss der alkoholischen Erfrischungsgetränke).

Nun ist in mir die Leidenschaft für den Strand erwacht! Zwar finde ich im Sand liegen immer noch recht sandig, auch lässt die Bequemlichkeit zu wünschen übrig und man muss sich mit allerlei Krempel (Schirm, Tasche, trockene Kleidung etc.) dorthin quälen. Dieses Jahr hat der Strand eine Mischung aus Voyeurismus und Forschertum in mir geweckt.

Zu beobachten gibt es wahrlich viel. Der Strand stellt eine Art Boulevard mit sehr leicht bekleideten Menschen dar. Das Spektrum der menschlichen Physiognomie scheint unerschöpflich und weit vielseitiger als Kretschmers lächerliche vier Konstitutionstypen. Doch ist die Physis nur die Basis für die weiteren Verhaltensmuster. Viel Freude bereitet mir etwa das länderspezifische Verhalten. So haben Italiener oft eine Neigung zur besonderen Dramatik. In Sardinien habe ich am Familienstrand eine italienische Herrenrunde beobachtet, die in einem einstündigen Akt ihre Profiausrüstung anzogen (Neoprenanzug, Harpune, Kampfflossen etc.) und dann nach sehnsüchtigen Abschiedsküssen ihrer Frauen (man meinte sie ziehen in den Krieg gegen Moby-Dick) nur eine halbe Stunde im flachen Wasser schnorchelten.

Oder der Unterschied zwischen Spaniern und nördlicheren Europäern. Werden Spanier besonders laut, haben sie es besonders lustig. Werden die anderen besonders laut, sind sie entweder besoffen oder es gibt Streit.

Am reizvollsten bei der Beobachtung am Strand finde ich das Spektrum der Hautfarben. Diese vermitteln nicht nur, ob noch After-Sun reicht oder bereits größere Mengen Kortisonsalbe nach dem Strandtag benötigt werden, sondern auch den Erfahrungsschatz im Umgang mit der Sonne. Unterstes Niveau der Sachkenntnis und somit als strandbildungsfern zu bezeichnen ist der sonnenverbrannte weißhäutige Mitteleuropäer, der innerhalb von wenigen Stunden versucht die totale Bräunung des nebenan positionierten hauptberuflichen Rettungsschwimmers zu erlangen. Besonders erheiternd sind dann herzliche Schulterklopfer von den Kollegen, die mit schmerzverzerrtem Gesicht und wolfähnlichem Geheul kommentiert werden. Also Strand lohnt sich wirklich für jeden…

Boris Sebastian Schön hat noch kein Buch geschrieben, welches hier beworben werden könnte. Aber er geht mit offenen Augen und Ohren durch die Welt und ist immerhin Mitgründer des ALPENFEUILLETON. Die “Lohnt sich das”-Kolumnen sind seine ersten AFEU-Veröffentlichungen.

Illustration (c) Felix Kozubek

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