Ich ist ein Anderer: Wie Facebook meine Online-Identität zerstörte

8 Minuten Lesedauer

Chronik der Entfremdung


Donnerstag, später Nachmittag. Erste Chat-Fenster poppen auf. Facebook-Freunde schreiben, dass sich ein gewisser Gerhard Auzinger mit ihnen anfreunden wollte. Er verwende mein Profil-Bild. Ich bin irritiert, aber nicht panisch. Der Sachverhalt scheint evident und einfach. Ein Fake-Profil hat sich mein Profil-Bild genommen und stellt damit Menschen aus meiner recht umfangreichen Freundesliste Freundschaftsanfragen. Einige steigen darauf ein, einige wundern sich und melden sich bei mir. Ich bitte sie diese mir unbekannte Person bei Facebook zu melden und klarzumachen, dass es sich dabei um ein gefälschtes Profil handelt, das vorsätzlich täuschen will. Die Absicht hinter der Aktion der Fake-Person Gerhard Auzinger bleibt mir jedoch unklar.
Am nächsten Morgen, noch vor dem Frühstück, überschlagen sich die Ereignisse. Dutzende weitere Facebook-Nachrichten von Freunden poppen auf. Ich versuche ein paar davon gleich via Smartphone zu beantworten. Ich komme damit nicht sehr weit. Denn wenige Minuten später ist mein Facebook-Profil bereits gesperrt – oder gar gelöscht und entfernt. Das bemüht-freundliche Facebook-Team schreibt mir, mein Konto wurde offenbar entfernt, zumal ich mich als jemand ausgegeben hätte, der ich nicht bin.
Jetzt steht Wort gegen Wort. Dieser Gerhard Auzinger hat, darüber kann ich nur spekulieren, wiederum die Echtheit meines Kontos in Frage gestellt. Facebook kann sich nicht entscheiden. Bis zum heutigen Tag nicht. Ein Profil, das seit mehreren Jahren besteht und seit Jahren hochaktiv ist hat nicht mehr Glaubwürdigkeit als ein Konto, das erst wenige Stunden alt ist.
Wie es Facebook von mir fordert entschließe ich mich dazu einen Scan meines Reispasses zu schicken um meine Identität zu belegen. Zwei Tage später bekomme ich die Nachricht, dass dieses Dokument nicht dazu geeignet sei, um meine Identität festzustelllen. Ich verfüge aber tatsächlich über kein weiteres Dokument, das meine Identität eindeutig belegen könnte. Ich fühle ein Unbehagen beim Gedanken daran, meine Geburtsurkunde oder gar meine Heiratsurkunde einzuscannen und der Daten-Krake Facebook zu schicken. Ich beharre darauf, dass der Reisepass laut den eigenen Richtlinien ein gültiges Dokument sei um die Idenitität zu belegen. Darauf folgte langes Schweigen und bislang keine Antwort.


…und hinter tausend Stäben keine Welt


Bis auf Weiteres existiere ich in der Social-Media-Welt nicht mehr. Meine Frau ist auf Facebook neuerdings nur noch verheiratet. Unklar ist aber mit wem. Meine EPU-FB-Seite steht still und ist im Moment ebenfalls nicht zu finden. Tausende Kontakte sind nicht zu erreichen. Termine verstreichen, Konzerteinladungen können nicht wahrgenommen werden, da bei einigen Kontakten schlicht die E-Mail-Adressen nicht vorhanden sind. Mein Arbeitsalltag ist erschwert und zum Teil unmöglich gemacht worden. Und das, weil jemand wohl in der Nähe von Berlin in Namen von Facebook eine irrationale Entscheidung getroffen hat.
Ich bekomme verstärkt E-Mails von Freunden und Bekannten. Warum ich sie geblockt hätte. Ich muss mich jedes Mal erklären. Das kostet Zeit und Kraft. Ich kann nur darauf hinweisen, dass die Entscheidung bald getroffen und mein Konto bald wiederhergestellt wird. Wann das sein wird weiß ich nicht. Ich fühle mich ausgesetzt. Vermisse Facebook überraschend wenig. Genieße gar die Ruhe nicht ständig erreichbar zu sein.
Doch der Gedanke, dass ein riesiger Konzern irrationale Entscheidungen trifft und es keine Möglichkeit gibt, mit einer realen Person in Kontakt zu treten ist beunruhigend. Ich weiß nicht, mit wem ich es zu tun haben. Die Nachrichten wirken nicht so, als habe sie eine Person formuliert. Sie sind standardisiert. Die Prozesse, die dahinter ablaufen sind intranspartent und unklar.
Die Frage, was wirklich geschehen ist und mit welcher Absicht mich dieses Fake-Profil ins Social-Media-Abseits stellen wollte ist unstellbar. Ich kann nicht erkennen, was sich tatsächlich ereignet hat, sonder nur mutmaßen. Es gibt keine Möglichkeit sich telefonisch irgendwo zu beschweren. Keine Aussicht darauf, sollte mein Profil wirklich verloren und gelöscht sein, eine Klage anzuhängen. Möglich könnte es sein, aber der Hinweis darauf fehlt. Facebook entscheidet autoritär und im stillen Kämmerchen, in das es keinen Einblick gibt.
Mir wird bewusst, wie leichtfertig ich war. Wie leichtfertig ich Daten und Informationen weitergegeben habe. Wie sehr ich darauf vertraute, dass sich via Facebook eine Online-Identität aufbauen ließe. Als Schreiber ohne große Konzerne und viel Geld im Hintergrund ist Facebook auch ein Möglichkeit, seine Texte zu verbreiten, Diskurse anzuzetteln und ganz generell Reichweit zu generieren. Die Online-Identität gleicht einer Marke, die den Rahmen für einen Text bildet. Zirkuliert dieser Text ohne Online-Identität verliert er sich. Da ich seit Jahren schreibe und seit Jahren meine Texte auf Facebook poste werden meine Texte aufgrund meiner Online-Identität gelesen – oder eben ignoriert. Sie sind aber zumindest nicht gleichgültig. Fällt dieser Kanal weg, fehlt der Rahmen und die Texte werden in der Flut an anderen Texten gleichgültig.
Ich habe einen Fehler gemacht. Ich habe Facebook als welthaltig angesehen. Als definierend für meine Identität. Zum Teil so sehr, dass ich die brüchtige Online-Welt über die eigentliche Welt stellte. Diese Online-Identität ist aber überaus fragil. Sie ist Mechanismen ausgesetzt, die sie weder verstehen noch beeinflussen kann. Wir treffen nicht auf reale Menschen, mit denen wir über möglicherweise falsche Entscheidungen diskutieren können, sondern auf einen gesichtslosen Apparat, der sich nicht in die Karten schauen lässt und keine persönliche Kommunikation zulässt.
Wir sollten nachzudenken beginnen. Ob wir unsere Online-Identität wirklich einem solchen Apparat aussetzen wollen. Ob wir wirklich riskieren möchten, dass jahrelange Aufbauarbeit autoritär und undurchsichtig plötzlich zunichte gemacht wird. Womöglich sollten wir Facebook auch widersprechen, das uns suggeriert, dass es hinter der blau-weißen Scheinwelt keine reale Welt gäbe, in der wir ebenfalls kommunizieren und existieren könnten.
Facebook ist im wesentlichen eine Plattform, die Kommunikation und Austauch ermöglicht. In letzter Zeit, siehe ungerechtfertigte Löschung von Postings und dem Zulassen von Hass-Postings, ist Facebook aber immer mehr zur restriktiven Plattform geworden, die undurchsichtig bestimmt, welche Kommunikation erwünscht ist und welche nicht.
Mein Zugang zu Facebook wird jedenfalls nie mehr derselbe sein. Nahm ich Facebook früher, trotz besseren Wissens, als mehr oder weniger neutrale Plattform mit kommerziellen Interessen an, so ist es jetzt der riesige Daten-Moloch für mich geworden, dem ich misstraue. Womöglich ist das gut so. Denn wir sollten auf der Hut sein.

Titelbild: flickr.com

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

8 Comments

  1. Mein Account wurde vor fast genau einem Jahr aus demselben Grund gesperrt. Ich kann mein Profil weder aktivieren/verifizieren noch löschen. Bis auf die standardisierten Nachrichten habe ich nie eine Antwort von Facebook bekommen.

  2. Schön, dass man wenigstens hier von dir noch lesen kann.
    Ich hatte bisher vor allem Bedenken wegen der Undurchschaubarkeit der Basis, auf der die fb-Algorithmen einem den Newsfeed vorsortieren, aber dieser Persönlichkeitsklau ist schon um einiges bedenklicher.

    • Liebe Brigitte, nicht der Persönlichkeitsklau an sich ist bedenklich. Vielmehr aber, wie Facebook damit umgeht. Da wird leichtfertig ein Profil entfernt, das schon sehr viele Jahre besteht. Ich finde das untragbar…

  3. Lieber Markus, genau das sind, wie Du ja nach mancherlei Diskussion zum Thema mit mir weißt, einige der Gründe für meine selbstgewählte Facebook-Isolation. Leider gehört es zum Wesen des Plattform-Kapitalismus, dass derjenige Anbieter, der die meisten Mitglieder/User bei sich versammelt, letztlich ein Monopol bildet. Es gilt das Matthäus-Prinzip: Wer hat, dem wird hier noch viel mehr gegeben, als in der analogen Wirtschaft (Amazon, Google, Airbnb usw.). Dass dergleichen Monopolstellung mit einer totalitär anmutenden Arroganz der Macht einhergeht, scheint mir nur logisch. Das wirklich Bittere hierbei: Es gäbe längst schon sowohl technisch wie sozialethisch ausgereifte Alternativen, gemeinnützige Initiativen, die, analog zur Mozilla Foundation oder wikipedia, ihre Software und ihren Content ohne kommerzielle Verwertungsinteressen durch Werbung und Datamining anbieten. Zu empfehlen ist diesbezüglich: https://diasporafoundation.org/
    Die politische Frage lautet, wie man dergleichen Initiativen über die kritische Schwelle einer Mindestmitgliederzahl hebt, um sie als Alternative zum Facebook-Kommerz zu etablieren …

    • Sehr coole Geschichte.
      Schau ich mir mal an. Aber leider habe ich damals schon so viel Zeit und Kraft in die dezentrale Suchmaschine Yacy gesteckt. Kennen tut sie deshalb auch keiner 🙁

  4. Das ist ja wohl bescheuert!!!!!! Da kriegt man echt Schiss. Ich werd sicher in der der MJ-Gruppe was darüber schreiben! Vielleicht solltest du auch möglichst viele Freunde auffordern, was zu schreiben oder Anfragen zu stellen.
    Aber unverständlich ist es letztlich schon!

  5. Nicht nur das, sondern auch Cambridge Analytical sowie die Hasspostings haben mich dazu gebracht, Facebook den Rücken zuzukehren. So ein „soziales“ Netzwerk möchte ich nicht unterstützen.

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