Kapitel 5: Ekelhafter Gestank und eine offene Türe

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Bei alten Menschen, die den Großteil ihres Daseins einsam zu Hause verbringen, muss man das behutsam angehen. Zwei oder gar mehr Polizisten gleichzeitig, das würde die Dame wohl verschrecken und den Redefluss nachhaltig unterbrechen. In Wahrheit aber wollte Stefano aus einem anderen Grund alleine mit der Alten sprechen. „Sie sind wieder zurückgekehrt!“ Diesen Satz hatte er heute nicht zum ersten Mal gehört.
Sein Großvater, der alte Enzo, hatte den Satz öfter gemurmelt, wenn er nach getaner Arbeit in den Weingärten, auf der Terrasse eingeschlafen war. Stefano hatte die Worte als kleiner Junge gehört, aber nie darüber nachgedacht, was sie bedeuten könnten. Nun hatte die Erinnerung daran in ihm etwas ausgelöst. Eine Neugier, die gestillt werden wollte und ein unangenehmes, ein beklemmendes Gefühl. Ihm war klar, dass die Information der alten Dame, nur für seine Ohren bestimmt war.
Er quälte sich durch die Menschenmasse. Alles andere, als eine leichte Aufgabe. In der Zwischenzeit waren noch mehr Menschen auf dem Platz vor der Metzgerei angekommen. Schaulustige Touristen und schaulustige Einheimische. Stefanos Kollegen hatte alle Hände voll zu tun, um den Tatort abzuschirmen. Mittlerweile waren auch der Krankenwagen, die Feuerwehr, die Spurensicherung und der Sekretär des Bürgermeisters eingetroffen. Stefano interessierte all das  aber nicht. Sein Ziel war das Haus gegenüber der Metzgerei. Dort wohnte die alten Dame.
Als er nach einigen wenigen Schritten und doppelt so vielen Schubsern an der Haustüre ankam, zögerte er einen Augenblick. War es wirklich gut, wenn er alleine zu ihr nach oben ging? Was, wenn die Alte in ihrer Panik völlig durchdrehte, um sich schug oder stürtzte? Er hätte dann keinen Zeugen dabei, niemanden, der ihm helfen könnte. Wäre es nicht schlauer eine Kollegin mitzunehmen? Weibliche Unterstützung, die für angenehme Stimmung sorgen und so der Alten mehr entlocken konnte, als ein 31-jähriger, dunkelhaariger Mann in Uniform und mit Drei-Tage-Bart?
Stefano entschied sich, allen Gedanken zum Trotz, dagegen, öffente die Türe und überwand die Treppe in den zweiten Stock in wenigen, großen Sätzen. Oben angekommen fiel ihm zu allererst der eigenwillige, penetrante Geruch auf, der aus der Wohnung der Alten zu kommen schien. Er erinnerte ihn an abgestandenen Urin. Wie, wenn in einer Kneipe die Spülung ausfällt und sich die Betrunkenen trotzdem, einer nach dem anderen, im Pissoir erleichtern. Reflexartig hielt sich Stefano den Arm vor die Nase. Wenn es am Gang schon so stinkt, wie würde es dann erst in der Wohnung riechen? Und was verdammt nochmal war das? Der Geruch des nahes Todes? Stefano klingelte.


Zu den vorhergehenden Kapiteln:
Kapitel 1: Jeder Tag ein Neuanfang
Kapitel 2: Risse an der Oberfläche
Kapitel 3: Bilder für die Ewigkeit
Kapitel 4: Sie sind wieder zurückgekehrt

Ein Leben zwischen Schreibmaschine und Fußballplatz. Eigentlich Betriebswirt. Heute mal Autor, mal Sportmanager. Hat das ALPENFEUILLETON ursprünglich ins Leben gerufen und alle vier Neustarts selbst miterlebt. Auch in Phase vier - "Diskursplatz für Selbstdenker" - aktiv mit dabei und fleißig am Schreiben.

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