Empathisches Hamsterrad

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(c) Florian Prischl, Würstelstand II, flickr.com

„Postfaktisch“, „Filterblase“, „Wahlkampf“, „Lügenpresse“…die Liste für das Unwort des Jahres 2016 scheint ziemlich lang zu sein. Das Jahr neigt sich dem Ende zu und so auch endlich die Bundespräsidentschafts-Wahl. Elf besondere Monate liegen hinter uns: von der Wahl mit vielen Kandidaten, über die knappe Stichwahl, bis zur Aufhebung dieser, dem neuen Wahltermin der auf Grund zu schlecht gepickter Wahlkarten verschoben werden musste, bis zu diesem einen Sonntag Anfang Dezember. Und dieser Wahlkampf hat viel mit uns gemacht.
Die Gesellschaft scheint politisch gespaltener denn je. Die einen appellieren an die Vernunft, decken unermüdlich auf, weisen mit Fakten auf Probleme hin, während die anderen die „Elite“ abstrafen wollen, denen „da oben“ endlich eins auswischen wollen um dem kleinen Mann endlich wieder Gehör zu verschaffen. In den sozialen Medien regiert die vielzitierte Filterblase, die dem gemeinen User Inhalte hinspeibt und mehr oder weniger unreflektiert stehen lässt. Aber ganz sicher nicht unkommentiert.
Denn gerade auf Facebook gehen Dinge viral, die einfach so stehen bleiben. Ohne eine Sekunde der eigenen Recherche. Dinge werden geteilt, machen so die Runde und werden richtig groß. Am Ende bleiben die Behauptungen einfach so stehen, es muss ja auch stimmen wenn es 113 mal geteilt und 4000 mal kommentiert wurde.
Wir, als Gesellschaft, entfernen uns von Diskussionen, wir werden resistent gegenüber Fakten und vertrauen niemanden mehr. Außer dem einen Post, der zig mal geteilt und kommentiert wurde.

Sind wir schon verloren?

Protest ist die ehrlichste Ausdrucksform. Wir müssen gar nichts. Wir haben den Luxus in einer Gesellschaft zu leben, wo wir können. Wir können zusammenleben, wir können dies und jenes Scheiße finden, wir sind in der privilegierten Situation uns Gehör zu verschaffen und vor allem können wir miteinander reden. Wir können das Gespräch suchen.
Wenn Wörter wie „Bürgerkrieg“ fallen, mag uns, der Generation Y, kein kalter Schauer über den Rücken laufen. Wir leben weiter, amüsieren uns womöglich noch über den nächsten Rülpser aus dem Lager der Schreier und machen weiter wie bisher. Weil wir es nicht besser kennen. Weil wir privilegiert sind, in Frieden aufgewachsen zu sein.
Ich verstehe dass die Hoffnung schwindet, dass man müde wird und nicht mehr mag. Dass man oft hinschmeißen will und sich verloren fühlt. Weil alles aus den Ufern läuft. Neulich erzählte mir eine Freundin von ihrem „Hamsterrad“ in dem sie funktioniert, in dem sie ihrer Arbeit und ihrem Studium nachgeht und sich vermeintlich geborgen fühlt.
In wenigen und seltenen Momenten, sagt sie, bricht sie aus und hat Angst vor der Zukunft, weil alles den Bach runter geht. „In Amerika ist ein Präsident gewählt worden, der die lang erkämpfte Errungenschaften, wie etwa den Klimaschutz, mit Füßen tritt. Warum also Kinder in eine Welt setzen, die nicht auf einem Miteinander, sondern auf Rücksichtslosigkeit aufgebaut ist?“ Sie verstehe die Menschen einfach nicht, die sich von einfacher Rhetorik, inhaltslosem Gewäsch weichspülen lassen und sich nach dem einen großen Führer sehnen. „Wieso der ganze Hass gegenüber Flüchtlingen. Sieht denn niemand das Leid?“


Szenenwechsel, ein uriges Lokal im Norden Innsbrucks, ebenfalls späte Stunde wenn auch früher, Ende Oktober


Die Barfrau gibt uns noch zwei Bier. Wir reden über Football, analysieren die letzten Spiele. „Letzte Runde!“, schreit die Bardame, eines geht noch.
Die Gäste verlassen das Lokal, nur noch ein Herr mittleren Alters stellt sich zu uns. Natürlich wird über Politik gesprochen. Er sei Unternehmer, seit über 20 Jahren, aber so etwas wie jetzt habe er noch nie erlebt.
Von was er denn genau rede, wollen wir wissen.
Die Masse an Flüchtlingen, diese Vielzahl von Schmarotzern sei so noch nie dagewesen. Wie er das meine?
„Die sitzen den ganzen Tag faul herum und bekommen dafür noch mehr Geld als meine Mutter Pension und die war über dreißig Jahre berufstätig.“
Ob er sich da sicher sei.
„Absolut, die Zahlen lügen nicht.“
Welche Zahlen er denn meine.
„Jene die man so hört.“
Man verweist ihn auf diverse verifizierte Internetseiten, auf denen könne er sich genauer ein Bild machen.
„Brauch ich nicht, ich weiß es eh. Und überhaupt, bist Du vom Innenministerium?“
Man verneint, man wolle nur Licht ins Dunkel bringen.
„Jaja, die Gutmenschen. Ihr werdet’s schon sehen was ihr davon habt’s.“
Wie er denn das jetzt meine?
„Na, mir is das egal, sollen kommen so viele wollen. Aber das ist dann euer Bier. Ich wähl den Hofer, der macht die Grenzen zu und tritt im besten Fall aus der EU aus. Wenn nicht, euer Problem.“
Das sei nicht sehr nett und ein wenig gar egoistisch.
„Mir egal. Die sollen da unten bleiben und kämpfen. Keiner braucht die hier.“
„Da unten“ herrscht Krieg, Städte sind keine mehr, nichts ist sicher.
„Ja aber dann sollen sie wo anders hingehen. Zu uns halt nicht.“
Ob er denn schon einmal mit einem Flüchtling gesprochen oder ihn bei sich arbeiten hat lassen?
„Ja einmal. Das war furchtbar. Der kam am ersten Tag zu spät und am zweiten Tag gar nicht mehr. Seitdem bekommen die von mir gar nichts.“
Das tut uns Leid, aber ob er wirklich glaube, dass alle Migranten dieselbe Arbeitsmoral hätten?
„Weiß ich nicht. Mir kommt so einer auf jeden Fall nicht mehr unter. Die Briten haben das richtig gemacht, die sind aus der EU ausgestiegen.“
Ob er uns, den Mittzwanzigern eigentlich nichts gönne?
„Warum denn? Ich gönn euch eh eure Flüchtlinge.“
Der Mann trinkt aus spricht noch ein wenig von der sozialen Ungerechtigkeit, ist ehrlich empört und scheint wirklich verloren. Jeglicher Versuch eines konstruktiven Gesprächs, einer möglichen Hilfe wird nicht erwidert. Er stellt sein Glas ab, verkündet noch einmal seine Wahl, die auf Hofer fällt, bestätigt noch einmal seine Flüchtlings-Gehalt-Zahlen indem er sich laut aufregt und steigt in seinen doch sehr teuren Audi Q2.
Verblüfft treten wir den Heimweg an.

Wer nimmt wem was weg?

Eine weitere Bekannte erzählt mir die Geschichte von Maria. Maria lebt am Land, eher mehr am Berg als im Tal, ist Hausfrau, frischgebackene Großmutter und Nebenerwerbsbäuerin. Hin und wieder muss Maria mit dem Zug nach Innsbruck, zum Arzt. „Aufgebracht“, erzählt meine Bekannte, sei Maria gewesen, „als dieser Flüchtlingsstrom durchs Land fuhr.“ Man fühle sich nicht mehr sicher und man hört und liest so schreckliche Dinge. Maria bekommt Angst und will sich schützen. Das nächste mal wenn sie nach Innsbruck fährt, wird sie einen Pfefferspray in der Handtasche haben. Man weiß ja nie. Als Norbert Hofer die mittlerweile aufgehobene Wahl verloren hatte, weinte Maria bitterlich. Als Donald Trump zum Präsident der USA gewählt wurde, freute sie sich, endlich einer, der die Flüchtlinge im Griff habe. Auf die Frage meiner Bekannten, ob ihr denn bewusst sei, dass die Flüchtlinge dann eben weiterhin in Europa leben würden, wusste sich Maria auch nicht mehr zu helfen. Selbst, das steht aber fest, hat Maria noch nie einen Flüchtling gesehen.
Jetzt kann man sich an den Kopf greifen, sich gegenseitig beschimpfen oder sich über das Gegenüber lustig machen. Und was haben wir davon? Es wird oft skandiert, die Gesellschaft würde von diversen Kulturen unterwandert werden. Die einzige Kultur die in unserer Gesellschaft unterwandert wurde, ist die Gesprächskultur. Wir können nicht mehr miteinander reden. Wir können auch nicht mehr miteinander streiten. Jeder weiß alles besser. Wir gönnen einander nichts. Das gilt natürlich auch für die Politiker, die in eindrucksvoller Weise einander nichts gönnen und auch lieber blockieren, als sich dass ein oder andere mal auf die Schulter zu klopfen und zu gratulieren.
Empathie, meine Freunde, hat keinen Platz mehr, zumindest scheint es oft so. Und dann wird man müde, träge und auch richtig verzagt. Weil man sich nicht mehr zu helfen weiß in dieser unendlichen Flut an Überzeugung, (Hass)Postings und Belegen. Eine Gesellschaft lebt unter anderem vom Austausch verschiedener Meinungen, mehr noch, Meinungen bilden den Grundstein unseres Zusammenlebens. Zuhören ist nicht nur ein Wort, sondern auch essentiell. In alle Richtungen.
Wir stehen vor entscheidenden Phasen, wir stehen jetzt an der Kreuzung. Wir leben in Frieden und uns geht’s gut. Immer noch nimmt niemand irgendwem was weg. So wird’s auch bleiben. Solange wir zusammenhalten. Und auch einmal ein bisserl mehr selber in die Hand nehmen und auch einmal selber ein wenig echtes Interesse zeigen. Die Killerclowns haben uns verschont. Die Chemtrails auch. Und der Flüchtling bekommt keine 2.600€. Aber im Pflegebereich gibt’s sicherlich Menschen mit Migrationshintergrund, die mir, wenn’s mir so richtig dreckig geht, auch den Arsch abwischen.


Wieder Würstlstand, etwa zehn Minuten später: „Sicher wähl’ i’n Hofer. Aber, wenn se n kebap warm machen, des mussch ihnen lassen, des machen se guat.“


 

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