Manege frei fürs Leben

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Unser Tagesablauf ist streng geregelt. Termine bestimmen unseren Alltag. Von früh bis spät Verpflichtungen. Kaum eine Stunde, in der nichts ist. Zeit für Muse, Zeit für Müßiggang, Zeit für Ruhe. Die Arbeit hat sich langsam und unbemerkt immer weiter ausgebreitet und gibt ganz klar den Ton an. Kein Wunder, dass immer öfter Ausflüchte gesucht werden. Möglichkeiten all dem zu entgehen. Es gibt einen Ort, an dem das wunderbar möglich ist. Einen Ort, an dem die Etikette und all die Regeln für wenige Augenblicke vergessen werden können. Der Zirkus.
Zirkus. Was für ein Wort. Kindheitserinnerungen werden wach. Bilder von bunten Managen, bunten Künstlern und bunt geschmückten Tieren. Es gibt kaum ein Kind, das nicht einmal Artist werden und mit den Wohnwägen durch die Welt reisen wollte. Zirkus. Das ist ein Ort mit einer ganz speziellen Aura. Eine Oase der Heiterkeit. Eine Quelle der Lebensfreude. Hier weiß man nie so recht, was ernst und was spaßig gemeint ist. Hier sind die Dinge nicht vorhersehbar. Man wird überrascht, erstaunt, verzaubert.

© Circus Roncalli Foto: Bertrand Guay
© Circus Roncalli Foto: Bertrand Guay

So auch im Circus Roncalli, der gerade seine 40 Jahre Jubiläumstour beendet. Im Augenblick gastiert Roncalli in Innsbruck, direkt am Gelände der Olympiaworld. Unmittelbar neben Eishalle, Langlaufbahn und Fußballstadion. Auch im Circus werden sportliche Höchstleistungen geboten, doch im Kern, geht es um etwas ganz anderes. Um das zu verstehen, lohnt es sich, auf die Wurzeln des Roncalli zu achten. Bernhard Paul war vor 40 Jahren noch Art Director des österreichischen Nachrichtenmagazins profil und arbeitete im Anschluss bei einer internationalen Werbeagentur. 1976 tauschte er Büroalltag gegen Manege und erfüllte sich mit der Gründung des Roncalli seinen Kindheitstraum.
© Circus Roncalli GmbH 2012 Foto: Bildarchiv Circus Roncalli
Bernhard Paul als ZIPPO. © Circus Roncalli GmbH 2012
Foto: Bildarchiv Circus Roncalli

Eine romantische Geschichte, die ihresgleichen sucht. In jedem von uns schlummert ein Kindheitstraum, der erfüllt werden möchte und sich immer wieder lautstark bemerkbar macht. Doch meist fehlt der Mut, sind es die profane Ausreden, die die Erfüllung verhindern. Der Roncalli blieb zum Glück kein Traum, sondern wurde Wirklichkeit. So wirklich, dass heute Angestellte, Selbstständige, Pensionisten, Kinder und Jugendliche in die kleine Manege kommen können und eine Auszeit nehmen. Eine Auszeit vom all zu ernsten Leben, außerhalb der Zirkustore.
„Kommen Sie herein und lassen Sie ihre Sorgen gleich draußen“, wird man zu Beginn der Vorstellung begrüßt. Eine Begrüßung, die manch einem ein ungläubiges Lächeln ins Gesicht zaubert. Wie bitte soll man Sorgen, die einen durchgehend beschäftigen, die an einem Haften, wie ein unangenehmer Geruch, so plötzlich abstreifen und draußen lassen? Das geht doch nicht. Es geht! Spätestens nach der ersten Nummer, sind die Sorgen vergessen, das Hirnkastl damit beschäftigt alles wahrzunehmen. Die bunt gekleideten Artisten, die in rhythmischen Bewegungen tanzen, klettern, drehen und sich verbiegen.
Nach der zweiten Nummer, als die Tochter des Zirkusdirektors, hoch oben über den Köpfen des Publikums, in einem Reifen turnt, muss der eigene Mund mit der Hand geschlossen werden. Der Alltag ist nun komplett verschwunden. Allmählich breitet sich ein wohliges Gefühl in einem aus. Der Druck fällt ab, die Nervosität verschwindet. Der Zirkus hat einen in seinen Bann gezogen. Erwachsene klatschen nun aufgeregt, wenn einer der vier Roncalli Clowns durch die Mange zeiht, Schabernack treibt, Streiche spielt oder mit den Fingern flötet. Aus Bürohengsten und manch einem verbitterten Erwachsenen, werden Kinder. Aus Sorge wird Heiterkeit. Aus grauer Realität, bunte Fantasie.
Spätestens als Paolo Casanova alias Carillon, der Clown am Einrad und mit den Maschinen mit Herz, die Manage betritt, werden die Augen glasig. Nicht nur, dass Carillon einen auf eine Zeitreise mitnimmt, in ein Zirkuszelt des viktorianischen Englands, sondern weil seine Darbietung im tiefsten Inneren berührt. Die Seifenblasen schweben durch die Luft, das spricht Emotionen an, die längst vergessen schienen. Wie ein poetisches Liebesgedicht, dessen Kraft direkt ins Herz strömt. Man wird mit sich selbst und seinen Emotionen konfrontiert. Auf bescheidene, einfache, aber magische Art und Weise.
Nach knapp drei Stunden in der Zirkuswelt, fehlt das eine große Highlight. Was nicht an der Leistung der Darsteller liegt, sondern schlicht aufzeigt, wie überfordert, wie entzaubert unser Alltag schon geworden ist. Wir glauben alles gesehen zu haben und haben tatsächlich schon viel gesehen. Aber. Diese Vorstellung berührt und sie entführt. Sie entführt in eine fantasievolle Realität und Echtheit. Hier zaubern nicht Maschinen oder visuelle, digitale Effekte. Hier zaubern und begeistern Menschen. Echte Menschen, die sich Fähigkeiten antrainiert haben, die zum Staunen bringen.
Das ist wohl die größte Stärke dieses Zirkus‘. Bis auf einige Pferde, fehlen Tiere (Gott sei Dank!) komplett. Menschen sind es, die die Show abliefern, in Rollen schlüpfen, begeisternde Leistungen vollbringen, ein Lächeln schenken. Die Distanz zwischen „Bühne“ und Zuschauerrängen schwindet mit jedem Akt, wird immer kleiner. Am Ende wird die erste Publikumsreihe sogar zum Tanz aufgefordert. Fast so, als wolle man die Sorgen nicht nur außen vor dem Zelt lassen, sondern beschwingt, ein wenig Zirkusgefühl für den Alltag schenken.
Sich auf den Zauber von Schlangenfrauen, Clowns und Artisten einzulassen, schenkt  nicht nur einige Stunden Lebensfreude. Es öffnet Türen zu Orten, die tief im Inneren unseres menschlichen Daseins schlummern. Orte, an denen Kindheitserinnerungen und Kindheitsträume wohnen. Fantasien, denen der Alltag längst die Lebensgrundlage genommen hat. Fast nie, kommt man mit ihnen in Berührung. Fast nie, gelingt das so gut, wie in einer dreistündigen Zirkusvorstellung. Nehmen Sie sich die Zeit. Zeit für die bunte Show, Zeit für sich selbst, Zeit für Ihre Träume. Das Geld ist gut angelegt. Manch einer, wird sich den Psychotherapeuten sparen können. Mange frei fürs Leben. Fürs echte Leben. Für Ihr Leben, Ihren Lebenstraum!

Impressionen:

© Circus Roncalli Foto: Bertrand Guay
© Circus Roncalli, Foto: Bertrand Guay

© Circus Roncalli Foto: Bertrand Guay
© Circus Roncalli
Foto: Bertrand Guay

© Circus Roncalli Foto: Bertrand Guay
© Circus Roncalli
Foto: Bertrand Guay

© Circus Roncalli Foto: Bertrand Guay
© Circus Roncalli
Foto: Bertrand Guay

© Circus Roncalli
© Circus Roncalli

© Circus Roncalli Foto: Bertrand Guay
© Circus Roncalli
Foto: Bertrand Guay

HIER lest ihr wie es ist, mit Kindern den Circus Roncalli zu besuchen. Spannend!

Ein Leben zwischen Schreibmaschine und Fußballplatz. Eigentlich Betriebswirt. Heute mal Autor, mal Sportmanager. Hat das ALPENFEUILLETON ursprünglich ins Leben gerufen und alle vier Neustarts selbst miterlebt. Auch in Phase vier - "Diskursplatz für Selbstdenker" - aktiv mit dabei und fleißig am Schreiben.

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