"Circus Roncalli" in Innsbruck: "Papa, träume ich oder ist das echt?"

9 Minuten Lesedauer

Der Blick eines Kindes


Wir parken unser Auto und gehen in Richtung Zirkuszelt. Bereits vor dem Eingang begrüßt uns der Clown Anatoli. Er wirkt aufgeregt und läuft kreuz und quer durch die Menge der wartenden Zuschauer. Damit spiegelt er die Aufregung unserer beiden Mädels. Es ist nicht ihr erster Zirkusbesuch. Dennoch ist ein solches Ereignis für sie ganz und gar nicht alltäglich. Anspannung und Neugierde liegen in der Luft. Was uns erwartet ist unklar.
Wie oft hat man schon davon gehört, dass man im Zirkus wieder ganz Kind sein könne. Oder ganz Clown. Für einen Vater von zwei Töchtern ist das etwas anders. Nicht man selbst wird augenblicklich ganz Kind und Clown, sondern man findet und sieht sich, mehr noch als sonst, in seinen Kindern. Kinder zeigen einem bei einem Zirkus-Besuch, wie man staunen kann. Welcher anderer Blick auch noch möglich wäre. Wie man unbefangen einen Abend genießt ohne Vergleiche zu ziehen und zu analysieren.
Bei einem der Auftritte des Clowns Paolo Carillon sagt unsere Jüngste, noch keine fünf Jahre alt, einen bedeutungsschweren Satz. „Papa, träume ich oder ist das echt“? Ein Erwachsener würde davon sprechen, dass im Zirkus eine Art „Traum-Logik“ vorherrscht. Womöglich würde er dabei an ein Album des schwedischen Musikers Eivind Aarset denken, das den Titel „Dream Logic“ trägt.
Er käme zu der Behauptung, dass es genau diese traumwandlerische und poetische Qualität ist, welche die Auftritte von Paolo Carillon so ent-zeitet wirken lassen. Man fühlt sich in die Vergangenheit zurück versetzt und ist doch in der Gegenwart. Zeitschichten überlagern sich und neue Räume tun sich auf, in denen Fragen nach zeitlicher Verortung, Logik und eindeutigem Sinn abgleiten.
Ein Kind stellt die Frage nach Vergangenheit und Gegenwart erst gar nicht. Es ist im Moment. In der Gegenwart und im Hier und Jetzt des Zirkus-Erlebnisses, in der Träume und Wirklichkeit ineinander verschwimmen. Es schaut zu. Oftmals mit offenem Mund. Es staunt ungefragt und unhinterfragt. Es fragt sich nicht, wie es dabei aussieht. Es reagiert unmittelbar auf die staunenswerten Ereignisse.


Der Blick eines Vaters


Der Zirkus ist eine Heterotopie. Ein „anderer Ort“. Dazu gilt es Passagen zu durchqueren. Das weiß man auch beim „Circus Roncalli“. Es gilt zuerst eine Karte zu  erwerben. Der Eintritt bleibt ansonsten verwehrt. Nicht jeder kann somit eintreten. Es ist ein Ort des Ein- und des Ausschlusses.
In der Passage auf dem Weg zum eigentlichen Zirkuszelt gibt es Rituale, die den Übergang von der „Wirklichkeit“ zur „Traumwelt“ erleichtern.  Unseren beiden Mädels wird von einer Artistin ein roter Punkt auf die Nase gemalt. Jetzt sind sie nicht nur innerlich, sondern auch äußerlich auf dem besten Weg zum Clown zu werden. Wir bleiben von diesem Ritual unbehelligt und betreten das Zirkuszelt ohne rote Nasen. Wir berauschen uns stattdessen an der Musik, an der Artistik der Jongleure und an der durchinszenierten Gegen-Realität, die bereits vor der Vorstellung um sich greift.
So ganz werden wir nicht hineingezogen. Aber von Auftritt zu Auftritt mehr. Wir wahren dennoch meist Distanz. Das Zitat von David Bowie spukt durch unserer Köpfe. Diesem ist das Jubliäumsprogramm schließlich gewidmet. Es dient uns als Interpretations-Rahmen. Er spricht von seinem Clown-Sein. Davon, dass bei ihm alles nur Theater sei und es ihm darum gehe, die Wahrheit der jeweiligen Zeit darzustellen und auszumalen. Der Zirkus wird uns damit nicht nur zur Gegen-Realität, sondern hat uns auch etwas über unsere Wirklichkeit zu sagen. Indem er anders strukturiert und organisiert ist als unser Alltag und unsere vermeintliche Realittät wird ihm das überhaupt erst möglich.
Wir staunen nicht, wir beobachten. Lassen uns jedoch bezirzen von der strahlenden Schönheit und Körperbeherrschung von Lilli Paul. Für unsere Mädels ist sie eine Prinzessin. „Wow“ ist das einzige, was sie unisono aussprechen als sie die Manage betritt. Im Verlauf des Abends sehen wir viel Akrobatik, Wagemut und poetische Schönheit.
Besonders begeistert sind wir von der Seiltanz-Nummer. Nicht nur vom Geschick der Seiltänzerin. Sondern von der metaphorischen Ebene dieses Auftritts. Das Seil ist über eine Art von Boot gespannt. Es gilt das Gleichgewicht zu halten, nicht nur am Seil, sondern auch bei bei der Anzahl der Schritte. Schreitet die Seiltänzerin zu weit und gibt es kein Gegengewicht auf der gegenüberliegenden Seite, dann kippt das Boot, sie gleitet vom Seil und stürzt unweigerlich. Ist der Ballast zu groß, ist die Ansteigung zu anstrengend und kaum zu bewältigen.
Das sind dann Augenblicke, in denen wir unsere Kinder nicht mehr ansehen. Wir schauen nicht mehr auf ihre staunenden Münder und Augen und wünschen uns nicht mehr, auch so unbefangen staunen zu können. Wir sind selbst in die Inszenierung involviert. Wir stellen uns Fragen über unser eigenes Leben. Endlich sind wir von der mehr oder weniger vorhandenen Distanz des kritischen und informierten Blicks zur unmittelbaren Betroffenheit im Hier und Jetzt gelangt.


Der Blick als Familie


Als Familie verlassen wir das Zelt begeistert. Die Kinder sind wie verzaubert. Die relative Langsamkeit und der leichte Nostalgie-Anstrich des Zirkuses funktioniert also noch bei ihnen. Sie kennen Kino, 3-D-Filme, schnelle Schritte und die gewaltsame Überrumpelungs-Taktik der gegenwärtigen Animations-Filme. Und doch verstehen sie die Faszination Zirkus. Das gibt uns Gewissheit als Eltern, doch irgendetwas richtig gemacht zu haben.
Am Schönsten aber ist die Tatsache, dass wir etwas gemeinsam erlebt haben, das uns auf ganz unterschiedliche Art berührt und begeistert hat. Wird wurden zum Teil wirklich wieder Clown und Kind. Sahen unsere Kinder noch einmal mit anderen Augen. Und sie sahen, wie wir zeitweise unsere rationale Sichtweise aufgaben und tatsächlich mit strahlenden Augen den Auftritten beiwohnten.
Wir näherten uns an, verstanden uns wie selten zuvor. Damit schwand auch die Distanz zwischen Erwachsenem und Kind, die üblicherweise den Alltag bestimmt. Die verschiedenen Blickwinkel wurden für uns sichtbar. Keine davon ist bessere oder schlechter. Es gibt nur verschiedenen Rollen und Ebenen, die man von Zeit zu Zeit hinterfragen sollte.
Ein Besuch im Zirkus, zumal wenn er von der Qualität des „Circus Roncalli“ ist, ist eine wunderschöne Gelegenheit um das zu tun. Oder ganz einfach einen gemeinsamen Abend im Zeichen des Staunens und des Berührt-Werdens zu verbringen. Einfach so. Als Familie.

HIER lest ihr etwas über den Blick auf den Zirkus aus der Sicht eines gestressten Angestellten und Selbständigen.

Impressionen


 

(c) Circus Roncalli, Bertrand Guay
(c) Circus Roncalli, Bertrand Guay

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(c) Circus Roncalli, Bertrand Guay

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(c) Circus Roncalli, Bertrand Guay

 Titelbild: (c) Circus Roncalli

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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