Plattenzeit #35: Rihanna – Anti

9 Minuten Lesedauer

Das Jahr der „schwarzen Musik“


„Anti“ von Rihanna müsste eigentlich ziemlich dünn und bedeutungslos klingen. Vor allem wenn man es in den Kontext des gegenwärtigen Jahres 2016 stellt. Das zu Ende gehende Jahr war ein starkes Jahr für die sogenannte „schwarze Musik“. Beyoncé veröffentlichte mit „Lemonade“ ihr  bislang stärktstes Album. Ihre jüngere Schwester Solange stand ihr in absolut nichts nach.
Außerdem brachte Blood Orange mit „Freetown Sound“ ein bunt-schillerndes Album heraus, das die Unübersichtlichkeit der Gegenwart auf den Punkt bringt. Die Großartigkeit von „Black Messiah“ von D´Angelo hallt außerdem noch bis 2016 nach. Natürlich muss Kendrick Lamar noch genannt werden, der Hip-Hop fast im Alleingang revolutionierte und dieses Genre wieder mit Jazz-Einflüssen auffettete, verkomplizierte und damit ganz tief im reichen Fundes der „schwarzen Musik“ grub.
Kanye West hingegen scheint kürzlich endgültig den Verstand verloren zu haben. Nach einigen großartig-größenwahnsinnigen Alben ließ er vor kurzem auf der Bühne Schimpftriaden los, brach das Konzert wenig später ab ward seitdem nicht mehr auf den Bühnen der Welt gesehen. Mancherorts nennt man ihn den Picasso der Ego-Generation. Zu viel Ego-Zentrierung tut niemandem gut. Das sieht man bei Kanye. Und Kanye West ist das Vorbild und der Messias aller Ego-Menschen.
Es ist wohl kaum ein Zufall, dass Rihanna bereits mit Kanye West kollaborierte. Ihr Charisma und ihre Stimme passen perfekt zu den Song-Kreationen von West. Rihanna ist selbsbewusst, aber niemals überheblich oder mit übergroßem Ego ausgestattet. Dennoch wird sie, zu Recht, als eine der charistmatischsten Sängerinnen der Jetzt-Zeit gefeiert. Sie ist der Prototyp eines Popstars. Sie behält, im Gegensatz zu vielen anderen, den Überblick und die künstlerische Kontrolle.
Sie weiß was sie kann und was nicht. Sie ist keine große Songwriterin. Sie weiß aber die richtigen Leute zur richtigen Zeit um sich zu scharen. Sie weiß, wie sich an der Marke Rihanna arbeiten lässt. Und sie weiß, wie viel Verweigerungshaltung sie sich leisten kann. Sie spielt perfekt auf der Klaviatur der Pop-Welt und wirkt dabei sogar noch so, als hätte sie Spaß.


Der Pop-Star Rihanna verweigert sich


Trotzdem dauert es mehr als drei Jahre, bis „Anti“ als Nachfolger von „Unapologetic“ erschien. Es wurde, wie im Moment fast schon üblich, in nicht-haptischer Form via Tidal veröffentlicht. Erst Monate später konnte man ein Album mit kryptischem Cover in der Hand halten. Ein Kind ist darauf zu sehen. Es trägt die Krone über seinen Augen. Übt hier gar ein Weltstart Kritik an dem Pop-Zirkus, das junge und allzu junge Menschen zu Pop-Sternchen krönt und ihnen damit den klaren und vernünftigen Blick auf die Welt raubt? Man weiß es nicht.
Denn nach längerem Suchen finden sich nicht mal eine Track-List. Weder auf der CD-Packung noch im Booklet. Stattdessen gibt es Bild-Collagen, die nur fragmentarisch den Blick auf Rihanna freigeben. Brüste, Nippel und ähnliches finden sich nicht in dem beiliegenden Booklet. Keine Frage. Hier hat ein übersexualisierter Pop-Star genug von den üblichen Mechanismen. Auch auf ihrer Anti-Tour gibt sie sich, für ihre Verhältnisse, fast schon züchtig und vor allem recht geheimnisvoll. Natürlich wird dennoch von Zeit zu Zeit getwerkt. So viel Verweigerungs-Haltung darf sich die Marke Rihanna nicht leisten.
Die Musik darauf klingt ähnlich wie es das Cover vermuten lässt. Rihanna ohne offensichtliche Hits. Mit Songs die manchmal zu lang und manchmal deutlich zu kurz für Powerplay in den gängigen Formatradios sind. Rihanna kann es sich leisten. Sie muss nicht mal ihren Namen auf ihr CD-Cover schreiben. Die PR-Maschine läuft gut genug um das Cover von „Anti“ ikonographisch und selbsterklärend zu machen. Die Fans griffen dennoch zu. Einige waren irritiert. Die meisten aber verstanden, dass Rihanna zum ersten Mal ein koharänentes und ingesamt sehr gutes Album abgeliefert hat. Die Frau mit den genialen Singles aber durchwachsenen Alben hatte endlich eine Platte ohne Filler und Ausfälle vorgelegt.
Nun ließe sich das als Selbverständlichkeit bezeichnen. Warum sollte der wohl größte schwarze Pop-Star nicht das vollbringen, was anderen auch nicht allzu unbekannten Musikerinnen fast mühelos immer mal wieder gelingt? Außerdem ist es legitim zu bemängeln, dass das Songwriting zu keinem Zeitpunkt etwa auf dem Level von „A Seat at the Table“ von Solange ist. Ihr Engagement für für die Rechte von schwarzen Frauen ist verschwindend.
Lieber singt sie von Liebe, dem Konsum von weichen Drogen oder hartem Alkohol und insgesamt davon, dass es ihr bitte schön doch mal jemand besorgen sollte. Letzteres eignet sich darüber hinaus kaum als USP. Auch weiße Musikerinnen wie etwa Britney Spears können das. Mit „Glory“ hat sie im August 2016 ein Album vorgelegt, das sich fast schon als Sex-Konzeptalbum bezeichnen ließe – darüber hinaus aber tatsächlich überraschend gut und hörenswert ist.


Fazit


Warum also „Anti“ hören und nicht „A Seat at the Table“? Warum nicht stattdessen „Glory“ aus dem Hause Spears? In Sachen Songwriting einerseits und in Sachen Sex-Fixierung andererseits wären diese Alben die jeweils bessere Wahl. Die Antwort ist simpel: Weil „Anti“ eben beides zugleich kann. Schicht für Schicht entblättern sich die Songs auf „Anti“. Das vermeintlich Sperrige und Chaotische des ersten Höreindrucks verfliegt für den einigermaßen geübten Hörer sehr schnell. Unter der leicht aufgerauten Oberflächen brodeln wunderbare Pop-Songs, die sich auch bald mitsingen lassen. Es sind keine offensitlichen Hits, dafür aber verdammt gute Songs mit einer langen Halbwertszeit. Wer mag kann dazu auch tanzen oder gar twerken. Zu den Balladen dürfen Feuerzeuge geschwungen werden.
Zu dieser Platte lässt sich auch gut Liebe machen. Der Konsum von weichen Drogen und alkoholischen Kaltgetränken im Vorfeld ist dabei kein Fehler. Insgesamt hat das Album aber selbst schon einen lasziven und leicht vernebelten Charakter. Rihanna hat quasi schon für euch stellvertretend ganz viel Liebe gemacht, viel Alkohol getrunken und auch an der einen oder anderen verbotenen Substanz genascht. Darum ist sie ja ein Pop-Star. Sie lebt das Leben, das wir so intensiv nie leben werden. Darin ist Rihanna richtig, richtig gut und glaubwürdig.
Irgendwie ist „Anti“ somit ein Kompromissalbum. Für Menschen, denen das ganze Black-Power-Gehabe ein wenig auf die Nerven geht und die lieber gute Songs als politische Botschaften mögen. So sexy und Porno wie andere Pop-Sternchen ist Rihanna darüber hinaus auch nicht. Ihre Sexiness ist mittlerweile fast schon erotisch konnotiert. Rihanna muss nicht mehr alles zeigen, sondern darf und will auch manchmal verbergen und andeuten. Das ist für einen Pop-Star mit ihrer Vergangenheit schon ziemlich mutig und abenteuerlich. Herausgekommen ist jedenfallls ingesamt ein wunderbar hörenswertes, leicht verschrobenes Album für eine breitere Masse. Und daran ist ja bitteschön überhaupt nichts auszusetzen.


Zum Reinhören




Titelbild: (c) per otto oppi christiansen, Bearbeitung: Felix Kozubek

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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