Brauchen wir eine neue Aufklärung?

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Lange war die Aufklärung nicht so sehr in Mode. Was sie an Gutem bringen konnte, hat sie geleistet: Im Großen und Ganzen ist die europäische Gesellschaft demokratisch, die Menschenrechte achten wir, wenn wir sie auch nicht einhalten, jeder, der will, darf sich bilden – und wer nicht will, muss trotzdem. Staat und Kirche schütteln sich maximal noch in Tirol die Hände, aber wenn es um die Wahrheit geht, dürfen wir uns getrost auf die Wissenschaften verlassen.
Und doch läuft etwas schief. Weil sehr viele in diesen offenbar aufgeklärten Gesellschaften viel lieber wieder Verantwortung abgeben wollen, an politische oder sonstige Autoritäten. Weil das Leben doch irgendwie zu hart ist, wenn man dann auch noch selbst denken muss. Also braucht es wohl eine Auffrischung. Eine neue Impfung gegen die Unmündigkeit. Eine neue Aufklärung also.  Freilich angepasst an unsere postmodernen Bedürfnisse.
Denn wäre die Welt mündig – jeder und jede für sich und dann alle gemeinsam – wären wir nicht an diesem Punkt. Nicht in Europa, nicht in den USA.
Überhaupt ist diese Aufklärung eine europäische Sache; die Amerikaner täten gut daran, das Spiel „Wer hat Angst vor Rationalität?“ aufzugeben und ein wenig Religionskritik zuzulassen – wenn sie schon die Weltherrschaft für sich beanspruchen, heißt es. Interessanterweise fruchtet die Idee auch in den USA, obwohl sie dort häufig einen merkwürdig esoterischen Beigeschmack bekommt.


Wo sich die Eliten austoben…


So eine Idee kann nur von einer Elite kommen. Und von einer Elite aufgegriffen werden. Von unserem Tiroler Vorzeige-Bildungsgemauschel, dem Forum Alpbach, etwa.
Denn natürlich sind wir aufgeklärt, gebildet und informiert. Nur die da unten, der Pöbel, der óchlos, der demnächst regieren wird, bedient sich seines Verstandes nicht ordentlich. Stattdessen lässt er sich von Algorithmen und Mark Zuckerberg vorschreiben, was er zu denken hätte.
Es ist natürlich leicht Facebook (als Repräsentant) die Mitschuld zu geben, wie das unser Haus- und Hofphilosoph Konrad Paul Liessmann in einem Essay zum Forum Alpbach tut. Es ist auch naheliegend. Aber trotz allem ist ein Medium ein Medium und nur so gut und schlecht wie die zwei (oder zwei Milliarden) trotz allem denkenden Subjekte die vor ihren Rechnern sitzen und kommunizieren.
Denn eines ist Facebook ohne Zweifel: Es ist demokratisch. Vielleicht weniger als wir gedacht haben, weil die Zensurmechanismen manchmal sehr willkürlich sind. Aber jeder, der seine Klappe aufreißen will, kann das problemlos machen. Und jede kleine Banalität von einer Meinung kann Anerkennung und Zustimmung aus allen Richtungen ernten.
Das gab es zu Professor Kants Zeiten jedenfalls nicht. Weil die Mittel dazu fehlten, die Monarchien noch stark waren, den meisten Menschen der Zugang zu jedweden Medien verwehrt war – sogar zu Professor Kants eigenen Büchern.


… und die anderen ohne Perspektive bleiben


Analogien zu diesem speziellen Abschnitt der Weltgeschichte herzustellen ist einfach ein unseriöses Unterfangen. Dann schon eher zum Vormärz – immerhin, Biedermeier sind wir fast alle. Oder zu den frühen 1930ern. Nein, ich meine nicht die vielbemühte Hitler-Analogie. Ich meine vielmehr die alten liberalen oder republikanischen Staaten Europas, in denen schon vor 80 Jahren schwache, charakterlose Politiker den von einer Wirtschaftskrise verunsicherten Massen keine Perspektive mehr bieten konnten.
Eine wichtige Erkenntnis aus genau dieser Zeit kommt oft als Gegenposition zum New Enlightenment: Die Aufklärung ist dialektisch. Meinten die alten Marxisten Horkheimer und Adorno. Kein Hitler ohne Aufklärung. Aber die Unmündigkeit hängt nicht nur an äußerer Herrschaft, sie ist eine Frage der inneren Unfreiheit, der Selbstunterdrückung. Das ist die Schattenseite der Vernunft.
Und tatsächlich ist politisch sehr vieles vernünftig, sprich: zweckrational rechtfertigbar. Vieles, was unschön, problematisch, vielleicht ungerecht ist. Das ist auch in Ordnung. Politik ist nicht identisch mit Ethik. Zwischen den beiden klafft ein tiefer Graben. Als „öffentliche Menschen“ sollen und müssen wir differenziert und vernünftig sein. Und akzeptieren, dass Politik uns nicht selig machen wird.
Aber natürlich ist Politik nicht nur Realpolitik. Denn wir leben als Menschen nicht nur aus pragmatischen Gründen in Familien, Institutionen oder Staaten miteinander. Nicht nur, weil es praktisch ist und für alle Vorteile hat.
Der Mensch ist das soziale Tier – vermutlich das einzig durch und durch soziale Tier, das auf dieser Erde sein Unwesen treibt. Und mir scheint, dass es das ist, was zunehmend in Vergessenheit gerät. Auch politische Mitsprache, auch Bildung und Einübung darin, sich unseres Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen, können das nicht wesentlich ändern.


Wer hat Angst vor Solidarität?


Denn auch in den linksten Kreisen dieses doch über lange Strecken sozialistisch geprägten Landes (und Kontinents) schert sich um die Solidarität eigentlich keiner mehr.
Sie war vielleicht einmal die große Idee, auf die sich wertekonservative Christen und atheistische Sozialisten irgendwo einigen konnten. Vielleicht die einzig wirklich christliche Idee, die Marx stehen lassen konnte. Aber verdammt, die Religionen sind schließlich mitschuldig an dem ganzen Elend – die werden wir sicher nicht nach neuen oder auch altbewährten Werten fragen (meint K. P. Liessmann).
Wir sind außerdem so sehr damit beschäftigt, für unsere Brötchen zu schuften, dass wir ganz sicher keine Zeit für etwas so Unpraktisches wie Solidarität haben. Das ist etwas, das aus unserem Work-Life-Raster einfach herausfällt: Sich anderen Menschen zuzuwenden, nicht weil sie begehrenswert, unterhaltsam oder intelligent sind. Nicht weil wir uns mit ihnen identifizieren können, weil wir auf dieselbe Art gendern wie sie oder mit ihnen im selben Diskursanalyse-Seminar sitzen. Einfach, weil sie Menschen sind.
Aber verdammt – K. P. Liessmann hin oder her – es ist nicht nur Bundespräsidentenwahl, es ist auch Advent. Die Solidarität allein wird Europa nicht retten. Aber sie war in ihren verschiedensten Formen zumindest in den letzten 2000 Jahren eine Komponente des Kitts, des common ground, der ein grausames, kaltes, blutiges Europa doch irgendwie zusammengehalten hat und der uns jetzt offenbar verloren geht.  Denn zumindest in einem Punkt muss man Liessmann recht geben: Die Aufklärung betont das Sehen – das klare Sehen von Dingen, die sich bislang nicht in unserem Blickfeld, unserem perzeptiven Lichtkegel befanden. Aber wir dürfen nicht auf das Hören vergessen – dessen, was andere zu sagen haben, was sie für Nöte und Bedürfnisse, für Hoffnungen und Werte haben.


Auch mal einfach reden


Wir schreien danach, dass es mehr politische Mündigkeit und Verantwortung braucht, mehr selbstständiges politisches Urteilen. Aber wenn wir gar kein Gefühl mehr dafür haben, was dieses „Politische“ eigentlich ist, was es neben dem Ökonomischen für einen Zweck erfüllt, wird das allein wenig ändern. Es scheint etwas zu sein, das uns ganz persönlich betrifft, und zwar als ganze Personen. Facebook ist insofern ein geschützter Raum, als wir dort nicht als ganze Personen auftreten.
Aber das wäre die Voraussetzung für einen echten politischen Diskurs, meint zum Beispiel die große Hannah Arendt: „Dies Risiko, als ein Jemand im Miteinander in Erscheinung zu treten, kann nur auf sich nehmen, wer bereit ist, in diesem Miteinander auch künftig zu existieren, und das heißt bereit ist, im Miteinander unter seinesgleichen sich zu bewegen, Aufschluß zu geben darüber, wer er ist, und auf die ursprüngliche Fremdheit dessen, der durch Geburt als Neuankömmling in die Welt gekommen ist, zu verzichten.“
Wenn wir also (hoffentlich) am Sonntag wählen waren, müssen wir nicht, brave Biedermeier, die wir sind, sofort nach Hause rennen und warten, bis wir das Wahlergebnis auf Facebook posten/liken/haten/kommentieren können. Wir könnten stattdessen ganz schlicht mit den Leuten reden, die uns begegnen – in der echten, nicht der virtuellen Öffentlichkeit. Und im Wissen, dass sie trotz allem vielleicht nicht so anders sind als wir selbst.

Titelbild: (c) Dominick Reuter

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