Aus dem Tagebuch eines Waldbewohners (2)

8 Minuten Lesedauer

Montag

Die neunte Woche. Am Vormittag stellt Pepi den Elektrozaun auf; morgen wird er seine Kälber bringen, die auf unserer Wiese bleiben, bis sie weiter auf die Arzler Alm kommen. Dort, jedenfalls im untersten Teil gleich über dem Rosnerweg, ist das Gras schon hoch genug. Wird es zu hoch, fressen sie es nicht mehr. Danach kommen dann zu uns die ganz jungen, die für die Alm noch zu klein sind und die den Sommer über bei uns bleiben. Wir betätigen uns als Teilzeit-Hüterbuben, passen auf, daß keines ausreißt und daß sie genug Wasser haben; gelegentlich bekommen sie als Leckerli, wie der Schweizer sagen würde, etwas von der „Schleck“ aus dem Kübel im Stadel, den Pepi entsprechend auffüllt. Ich lege noch den Schlauch von unserem Wasserhahn zur alten Badewanne, die wie auf allen ordentlichen Almen im Land hier als Tränke dient.

Martin, der junge Bauer, der eigentlich bei der Marktgemeinde arbeitet, hat jetzt die Verantwortung für den gesamten Fuhrpark übernommen und noch mehr zu tun als bisher. Pepi ist seit drei Jahren in Pension (er war Mechaniker bei den IVB) und rast den ganzen Tag herum, daß er die Bauerschaft einigermaßen dertut. Eine Welt, in der Bauern mit einem mittelkleinen Hof sich nicht neben einem Vollzeitjob totarbeiten müssen, damit sie die Bauerschaft halten können, würde mir schon besser gefallen. Davon ist wahrscheinlich weniger die Rede, wenn jetzt gerade die Welt neu erfunden werden soll, nach dem Motto „die Welt nach Corona wird eine ganz andere sein als vorher“.

Dienstag

In der Nacht hat es geregnet, mit 24 Stunden Verspätung, wenig, aber immerhin. Heute früh hat es nur mehr 2°C. Die Kälte tut nichts, und die Nässe ist willkommen.

„Das Abendland, vor Angst gestorben“, titelt „Le Causeur“. Das ist die Zeitung, aus der ich papierlos meine französischen Nachrichten und Kommentare beziehe. „Die Corona-Krise hat nicht nur Grenzen in einer Zivilisation wiedererstehen lassen, in der diese Grenzen als letzte Bastionen der Xenophobie galten. Es ist unsere widersprüchliche Beziehung zum Tod, die sichtbar geworden ist und die im Rest der Welt als vordergründiges Zeichen unseres Zusammenbruchs wahrgenommen wird. Noch nie haben die Okzidentalen eine Angst gezeigt, die ihr kollektives Leiden auf eine so drastische Weise offenlegt. Mit einem Mal erscheint die reichste und mächtigste Zivilisation des Planeten zerbrechlich, schwach, traumatisiert von einer Realität, die doch Teil des Lebens ist. Der König des Universums erscheint plötzlich nackt wie ein Wurm auf der vergoldeten Bühne seiner Desillusion.“ (Jérôme Blanchet-Gravel, L’Occident mort de peur)

Gegen abend bringt Martin zwei Kalbinnen. Das immergleiche Drama, bis sie rutschend übers Holzbrett aus dem Anhänger ins Freie gekommen sind und mit hoch erhobenem Schweif losstürmen: in ihre Sommerfreiheit.

Bei der Badewannen-Kuhtränke hat sich herausgestellt, daß – wahrscheinlich durch den Frost im Winter – die Abflußdichtung gesprungen und jetzt undicht ist. Das Wasser, das ich am Nachmittag eingefüllt habe, ist ausgeronnen. Als Ersatz muß das verzinkte Eisenschaff herhalten, das seit Urzeiten zu unserem Hausinventar gehört. Darin haben wir als Kinder, als wir noch winzig waren, im Sommer gebadet, wovon irgendwo ein Foto existiert. Für unsere Kinder gab es dann eine Reihe von aufblasbaren Kunststoffbehältnissen, die meistens kaputt waren, bevor sie für die Badebedürfnisse sowieso zu klein geworden wären.

Später kommen Pepi, Martin und Sebastian, sein Bub, nochmals und bringen die zweiten zwei Kälber. In der beginnenden Dämmerung stehen wir vor dem Haus und leeren jeder eine Dose Bier zur Feier des gelungenen Almauftriebs. Die moderne Kuh marschiert nicht mehr auf die Alm, sondern reist im Anhänger.

Die Luft ist kalt, das Bier ist kalt, und davon bekomme ich wie meistens einen Schluckauf. Man redet ausnahmsweise nicht von der Seuche, sondern von anderen Sachen, von den Eltern, den Kindern, der Gemeinde und dem berühmten Gerichtsurteil in Sachen der tödlichen Kuhattacke im Pinnistal im Jahr 2014. Das Oberlandesgericht Innsbruck hatte letztes Jahr das Ersturteil aufgehoben und eine Mitschuld der ums Leben gekommenen Frau festgestellt. Nun hat der Oberste Gerichtshof dieses Urteil bestätigt. Nachdem das erste Urteil in der Sache für die Gesamtheit der Bauern offenkundig untragbar war, bleiben auch nach dem zweiten, wie es in der Journalistensprache heißt, „extreme Ängste“ in bezug darauf, was man jetzt wirklich auf der Alm mit den Kühen machen soll. Das Urteil ist nach wie vor ganz einfach existenzbedrohend, wenn nicht -vernichtend. Heutzutage hat die Naturferne und generelle Verblödung der Stadtler so weit zugenommen, daß man auf nichts mehr zählen kann und mit allem rechnen muß, wenn da irgendwo ein Wanderweg durch eine Weide führt, auf der eben naturgemäß die Kühe herumstehen. Schließlich war die Weide vorher da und wurde in der Folge zum Augenschmaus der Wanderer, die wegen solchem Naturschauspiel überhaupt hergekommen sind. Sonst könnten sie sich ja eine Kuh garantiert gefahrlos im Fernsehen anschauen.

Es ist durchaus einzusehen, daß die Justiz sich in Maßen dem jeweiligen Zeitgeist, also der gesellschaftlichen Entwicklung anzupassen hat, also der endgültigen Entfernung der Stadtler von der ländlichen Lebensweise. Nur, wo bringt uns das hin? Denn diese Lebensweise ist ja buchstäblich der Boden, auf dem auch wir wachsen, ob wir jetzt intellektuelle Stadtler sind oder nicht. Gerade hat die Einreisesperre für die Leute, die die Früchte von unseren Feldern klauben, die extreme Verwundbarkeit unserer Lebensform klargestellt, heute teilen uns die Nachrichten mit, daß 13 % unserer Medikamente in China produziert werden. Zeigt sich schon bei der EU, daß sie wohl eher für die Schönwettertage konstruiert war, dann erweist sich das, im größeren Maßstab, auch für die Globalisierung. So abstrus die Vorstellung mancher unserer Grün-Alternativen erscheint, ein Land wie Tirol könne von seiner eigenen Landwirtschaft leben, ohne dabei in Armut zu versinken, so weltfremd ist wohl die gegenteilige Vorstellung, die sich mit der Vokabel „globales Dorf“ in der Bedeutung „Liebe und Grießschmarn“ verbindet. Die Welt ist halt ein bißchen komplizierter als ein Dorf, das auch schon kompliziert genug ist.

Walter Klier, geb. 1955 in Innsbruck, lebt in Innsbruck und Rum. Schriftsteller und Maler.
Belletristik, Essays, Literaturkritik, Übersetzungen, Sachbücher. Mitherausgeber der Zeitschrift "Gegenwart" (1989—1997, mit Stefanie Holzer). Kommentare für die Tiroler Tageszeitung 2002–2019.
Zahlreiche Buchveröffentlichungen, u.a.: Grüne Zeiten. Roman (1998/Taschenbuch 2014), Leutnant Pepi zieht in den Krieg. Das Tagebuch des Josef Prochaska. Roman, 2008. Taschenbuch 2014). Der längste Sommer. Eine Erinnerung. 2013.
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1 Comment

  1. So, hoppla, wo bleibt denn Teil 3? Es ist Freitag, ich hatte bereits die
    Waldtagebuchlektüre zum Freitagsritual erklärt gleich in der ersten
    Woche, weil es mir viel verspricht. Wie sieht’s aus auf der Alm und im
    Wald? Das interessiert den Flachlandgroßstädter in Preußen. Erbitte
    Nachlieferung!

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