Helmuth Schönauer privat

Volk! Schau! Spiel! – Klamauk in Telfer Nazigässchen

Essays im Doppelpack - von Helmuth Schönauer.

8 Minuten Lesedauer

Normalerweise erkennt man den Wert von etwas dann, wenn es fehlt. So gesehen sind die Telfer Volksschauspiele ziemlich wertlos, denn sie gehen niemand ab.

Nicht einmal ein Loch tut sich auf in der Erinnerung, man muss schon alte Programme durchblättern, um zu sehen, was da seit der Jahrhundertwende in dem kleinen Marktflecken abgeht, der vor allem für seine Umbauten und sein allgegenwärtiges Aluminium bekannt ist.

Diese Umbauten sind auch das Thema der Schauspiele, wenn diese überhaupt ein Thema haben. In halb abgebrochenen Optionshäusern werden Optionsstücke gespielt, das heißt, Personen rennen schreiend durchs Gelände oder zitieren aus einem Abbruchfenster heraus einen Zeitungsartikel.

Das Publikum ist begeistert, seit man ihm gesagt hat, dass das Dauer-Stück von Felix Mitterer ist. Dieser ist nämlich ein Meister des historischen Tweets und kann Zeitgeschichte zu Schlagzeilen aufblasen und in die Luft schreien lassen. Umgekehrt hat man die Garantie: So, wie etwas Felix Mitterer erzählt, ist es garantiert nicht gewesen.

Das Stück „Verkaufte Heimat“ ist vor allem darauf angelegt, dass man es mehrere Jahre hintereinander spielen kann, ohne dass das Publikum merkt, dass eigentlich nichts passiert. Und später beim After-Dinner fragen sich die Leute gegenseitig, wer ist das eigentlich, der Herr Option?

Heuer also gibt es virusbedingt kein Felix-Stück in Telfs, dafür hat dieser den Roman „Keiner von euch“ auf den Markt geworfen. Dieser Schinken über einen sogenannten Exoten, der am Wiener Hofe als Rarität gehalten und schließlich ausgestopft wird, ist selbst dem ORF zu viel. In einer Rezension schreibt Paula Pfoser über den über Jahrzehnte fix gebuchten Theatermacher von „papierenem Geschichtsklamauk“.

Aber auch die Marktgemeinde Telfs bleibt nicht untätig, um das Loch, das keiner merkt, mit Zeitgeschichte zu füllen. In einer Gemeinderatssitzung wird beschlossen, zwei Gassen umzubenennen, die nach deklarierten einheimischen Nazis benannt sind. „Ehrensache“, dass die blauen Mandatare dagegen sind, weil der Termin für die historische Nachjustierung des Bewusstseins so knapp gesetzt worden ist.

Jetzt kommen ein verstorbener Maler und eine verstorbene Intendantin zum Zug. Das Wort verstorben ist in diesem Zusammenhang wichtig. Denn zur Naziideologie gehört es auch, Straßen und Plätze nach lebenden Parteimitgliedern und -gängern zu benennen.

Und tatsächlich, Telfs hat zwar zwei Gässchen entnazifiziert, nicht aber die Methode, Gässchen nach lebenden Ideologen zu benennen. Seit Jahren schon gibt es in Telfs einen Felix-Mitterer-Weg, der die Ideologie der Volksschauspiele das Jahr über besingen soll, wenn sonst gerade kein Stück aufgeführt wird.

Zu dieser Ideologie passt es auch, dass die schauspielernden Patrioten gegenüber dem Virus sich mit der Parole äußern: „Zammhalten“. Dem göttlichen Jedermann-Darsteller Tobias Moretti fällt nichts anderes ein, als alle politischen Ungereimtheiten im Zusammenhang mit der Virusausbreitung unter den Teppich zu kehren und als ehemaliger Andreas-Hofer-Darsteller einzufordern, die Gosche und die Haxen zammzuhalten.

Patrioten erkennt man übrigens daran, dass sie von Zeit zu Zeit die Brust herausstrecken, damit man ihnen ein Keks anheften kann. Das wird heuer in Telfs als einziger Mangel empfunden, dass niemand während der abgesagten Spiele ein Keks kriegen kann.

STICHPUNKT 20|15, verfasst am 28. Mai 2020


Einfach kaputt

Wenn man als Schriftsteller lange genug in einem Land lebt, in dem Temokratie mit hartem T wie Tourismus geschrieben wird, kommt man mit der Schreiberei immer wieder an Grenzen. Man erörtert ein Thema, schlägt Alternativen vor, bringt die Logik ins Spiel oder schlägt sich in die kabarettistischen Büsche. Alles umsonst, denn ein paar Themen laufen kanalisiert den grünen Bach hinunter bis ins Schwarze Meer.

So ein Thema, das es besonders eilig hat, ungelöst ins Schwarze Meer zu kommen, ist der Rücktritt. Ein paar Mal im Jahr gibt es Situationen, wo jemand aus der stahlharten Gilde entgleist und Sprünge bekommt. Die Frage ist dann immer, ob man diese jetzt hohl klingende politische Glocke noch weiter läuten lassen soll, oder ob man sie abhängt. In einer Temokratie gibt es dafür nur eine Lösung: Turchtauchen mit oder ohne Glocke!

Das Thema Rücktritt stellt sich bei Männern schon gar nicht, weil es im Spiel nicht vorgesehen ist. Von klein auf wird trainiert, dass man nicht verzagen darf, wenn etwas schief geht. Das beginnt beim kleinen Buben, dem beim Spielen die Schaufel des Spielzeugbaggers abgebrochen ist, und der weinend aber unbeirrt weiterspielt, weil erst ein kaputter Bagger den Teppich richtig ausfransen kann.

Wenn das Kind erwachsen und meist deppert geworden ist, verursacht es gerne einen Verkehrsunfall, indem es mit der Karre irgendwo hineinfährt und in Tränen ausbricht, wenn sich die Karosse mangels Vorderachse nicht mehr weiterbewegen lässt.

Als Unfall wird es nach dieser Lesart auch verstanden, wenn man politisch einen Crash hingelegt hat. Wer dabei nicht gerade stirbt, macht weiter, auch wenn er sich nirgendwo mehr sehen lassen kann, weil alles kaputt ist.
Ein besonders markanter Fall für einen ausgelassenen Rücktritt lieferte seinerzeit ein Vizelandtagspräsident aus der Turchhaltepartei. Am Sonntag wurde vom Ministerium gerade mit Niki Lauda eine Antialkoholkampagne inseriert, da fuhr noch in der Nacht der Landesvize angesoffen in den Graben. Der Schaden war beträchtlich, die ganze Lauda-Kampagne des Ministeriums war für die Wäsche und auch der Nicht-Rücktritt des Regional-Heroen erwies sich als Schaden, denn überall wurde er in den nächsten Jahren mit „eins zwei drei gsuffa“ empfangen, was immer er auch sagen wollte.

Was Protagonisten dieses Durchhaltespiels nicht kapieren, ist die simple Tatsache, dass etwa kaputt gehen kann, das man so nicht mehr weiterführen kann. So, wie man nach einem Verkehrsunfall oft die Sitzunterlage wechseln muss, muss man auch die politische Sitzunterlage wechseln, wenn man einen Schaden verursacht hat.

In verminderter Form trifft diese sinnlose Steherqualität auch auf Frauen zu. Eine Tiroler Landesvizin punktet seit Jahren mit stummen Stehvorlagen. Draußen kann die Welt zugrunde gehen, innen kann die Partei schmelzen, diese Lady steht und steht, weil sie schon längst umgefallen ist.

STICHPUNKT 20|17, verfasst am 10. Juni 2020

Geboren 1953. Ist seit Gerichtsverfahren 1987 gerichtlich anerkannter Schriftsteller, bis 2018 als Bibliothekar an der ULB Tirol. Als Konzept-Schriftsteller hält er sich an die These: Ein guter Autor kennt jeden Leser persönlich.

Etwa 40 Bücher, u.a.:
* Tagebuch eines Bibliothekars | Sechs Bände (2016-2019)
* BIP | Buch in Pension (2020)
* Nie wieder Tirol | Kampf-Roman (2018)Verniedlichte Höhe | * Das verflossene Jahr ist ein Gedicht mit abgehockten Nistplätzen (2020)

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