(c) Walter Klier

Wir bauen einen Ofen!

3 Minuten Lesedauer

Einst, in der Waldorfschule seligen Angedenkens, gab es (glaublich in der 3. Klasse) die „Hausbauepoche“, in der die Kinder unter der kundigen Anleitung eines oder mehrerer Erwachsener irgendwo irgendetwas bauten. Was das Irgendetwas war, hing von den jeweiligen Möglichkeiten und Umständen ab. auf Deutsch: welche Eltern aus der jeweiligen Klasse hoben als erste die Hand, wenn die schicksalsschwere Frage im Raum hing, wo man bauen würde und eben, was? Das waren einmal die drei großen Bienenhotels, einmal ein Freiluft-Pizzaofen, und einmal, als wir es waren, die die Nerven verloren, ein „Spielhaus“, das seither unser Grundstück ziert und mit anderen Nebengebäuden zur allmählichen Verhüttelung der ganzen Gegend beiträgt. Doch davon ein andermal.

Heute jedenfalls war der dritte Tag, an dem ich als ungelernte Hilfskraft (in Personalunion mit dem Bauherrn) beim Bau eines neuen gemauerten Ofens mitarbeitete. Das ist etwas, was dieser, unser, Ofenbauer seiner Kundschaft anbietet. Einerseits wird der Ofen dadurch für die Kundschaft marginal billiger, andererseits stärkt das im Sinne einer neueren Konsumphilosophie (vgl. meine Glosse „Die neue Kreissäge“ vom vergangenen Herbst) die Bindung des Käufers an die erworbene Ware in einem erheblichen Maß.

Diese moderne Art des Konsums zählt freilich zu den anstrengenderen Arten der Freizeitgestaltung. Am ersten Tag haben wir im wesentlichen den alten dort stehenden Ofen abgerissen und eine Tonne Schutt in der bereitstehenden Mulde deponiert. Seither war ich im wesentlichen damit beschäftigt, Schamottsteine nach den Angaben des Chefs zuzuschneiden und dazwischen diverse kleine Handlangerdienste zu leisten (das Bild am Kopf dieser Seite stammt vom Morgen des zweiten Tages). Der Chef, bzw. die zwei Chefs machten derweil die eigentliche Arbeit.

Heute nachmittag ging es allmählich ans Aufräumen und Säubern der Baustelle, in der wir ja demnächst wieder wohnen werden. Schon den dritten Tag bin ich abends das, was man gerne als „rechtschaffen müde“ bezeichnet. Zwar habe ich – wie damals die Waldorfkinder – nicht viel mehr getan, als einem größeren Plan und mir manchmal nicht unmittelbar einsichtigen Anordnungen zu folgen und ziemlich einfache Dinge zu machen, weil man für die anderen ja eben nicht ungelernt, sondern gelernt sein müßte, aber auch diese geringe Arbeit hat mir, für den Augenblick, eine große und runde Zufriedenheit geschenkt. Und ohne Zweifel werde ich den Ofen in Zukunft mit anderen Augen anschauen, schon allein deshalb, weil ich weiß, wie er innen ausschaut!

Walter Klier, geb. 1955 in Innsbruck, lebt in Innsbruck und Rum. Schriftsteller und Maler.
Belletristik, Essays, Literaturkritik, Übersetzungen, Sachbücher. Mitherausgeber der Zeitschrift "Gegenwart" (1989—1997, mit Stefanie Holzer). Kommentare für die Tiroler Tageszeitung 2002–2019.
Zahlreiche Buchveröffentlichungen, u.a.: Grüne Zeiten. Roman (1998/Taschenbuch 2014), Leutnant Pepi zieht in den Krieg. Das Tagebuch des Josef Prochaska. Roman, 2008. Taschenbuch 2014). Der längste Sommer. Eine Erinnerung. 2013.
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