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Vom Schummeln und Lügen 2 – Gedanken beim Vorüberflimmern von Fernsehwerbung

4 Minuten Lesedauer

Werbung muss per definitionem schummeln, darf aber per legem nicht lügen. Ist also die ideale Spielwiese für Schummler.

Ich dagegen bin Wahrheitsfanatikerin (meistens), und deshalb ein Reklame-Trottel. Manche Fernsehwerbung verstehe ich einfach nicht. Trotz täglich dreifacher Wiederholung über Wochen hinweg. Können Sie mir vielleicht erklären, warum beim Anpreisen eines Mittels gegen Reizdarm am Ende einer enthusiastisch hintennach „Pro!“ in die Kamera ruft? Ist das Mittel nun für oder gegen Reizdarm? (Überhaupt scheint der Verdauungstrakt inzwischen ein vorrangiges Problem in unserer Gesellschaft zu sein, wie diverse Mittelchen für zu viel oder zu wenig Darmtätigkeit sich zuletzt werbemäßig in den Vordergrund gedrängt haben.)

Und dann gibt es in anderen Werbespots Autos, die auf der ganzen Welt über leere Brücken und Highways und durch unbelebte Stadtschluchten brettern. Auch zu einsamen Bergfahrten auf Panorama-Kurvenrouten verlockt uns jeder Werbeblock.  Bitteschön, wo findet man heutzutage noch solch gänzlich unbefahrene Straßen, auf denen man teure PS ungehemmt ausleben kann? Wie schaffen die überhaupt, sowas auch nur zu filmen? Sperren sie die Golden Gate für die Aufnahme oder ist alles bloß Fake und Computer-generiert? Vielleicht gibt es ja nicht einmal die Autos wirklich …?

Demnächst werden sowieso nicht mehr die Allrad-SUVs, sondern nur noch Elektro- und Hybridfahrzeuge die Werbelandschaften bevölkern. Da wird man dann von allen Seiten Klimaschutz in der Werbung serviert bekommen, bis einem Hören und Sehen vergeht. Bereits jetzt will ja nicht nur die ÖMV, sondern auch Amazon klimaneutral werden (bis 2040! Sonst waren die doch schneller?!). Das beweist das Bild eines (1!) Elektrolieferwagens mit Amazon-Logo. Davor steht ein Mitarbeiter (1!) und erzählt (in der Vergangenheitsform!), wie stolz sie darauf seien, das mit einem langen Atem hingekriegt zu haben. Den verschlägt es einem bei dieser Chuzpe ja wirklich!

Das Einzige, was ich in der Werbung verstehe, sind die schönen mathematischen Angaben: Wenn ein Bodenwischer „bis zu 99% vom Schmutz entfernt“, dann heißt das zumindest ganz klar, dass er möglicherweise null, aber niemals den ganzen Schmutz wegkriegt. Oder wenn „x Prozent“ der befragten Käufer sehr zufrieden sind mit dem Produkt und vielleicht sogar einen „spürbaren Unterschied“ nach Anwendung einer Gesichtscreme bemerken, dann weiß ich keineswegs, ob eine oder zwei oder hundert Personen dazu befragt wurden. Aber es klingt gut, besonders wenn es noch ganz wissenschaftlich als Fußnote daherkommt. Apropos Gesichtscreme: Es fasziniert mich immer wieder, wie sich in der Werbung kaum siebzehnjährige Mädchen mit allen Mitteln und Mittelchen gegen Falten wappnen und daneben — schon gefühlt hundertjährige — Ex-Filmstars mit perfekt operierter und fotogeshoppter Visage ihren rosa Teint vorführen, der angeblich auf eine rosa gefärbte Creme zurückgeht. Glaubt das denn wirklich jemand?

Wobei wir wieder bei der Verstopfungs- und Reizdarm-Problematik wären, die ich mir heute nun schon zum vierten Mal beim Warten auf den nächsten Programmpunkt ansehe und immer noch darüber grüble. Ich spüre nur, dass mir die geist- und humorlose Werbung langsam dezidiertes Unwohlsein beschert. Womöglich ist das der Sinn, der dahintersteckt? Meinen Darm so lange zu reizen, bis ich bereit bin, auf die intelligenteren Sendungen, welche zwischen den Werbeblöcken laufen, zu verzichten oder eben alles zu schlucken? Bis mir endgültig davon schlecht wird und ich zur nächsten Apotheke renne …?

Geboren 1954 in Lustenau. Studium der Anglistik und Germanistik in Innsbruck Innsbruck. Lebt in Sistrans. Inzwischen pensionierte Erwachsenenbildnerin, tätig in der Flüchtlingsbetreuung und im Gemeinderat Sistrans. Mitglied bei der Grazer Autorinnen und Autorenversammlung Tirol, der IG Autorinnen Autoren Tirol und beim Vorarlberger AutorInnenverband. Bisher 13 Buchveröffentlichungen.

1 Comment

  1. Volltreffer! Chapeau!
    Allerdings vermute ich, dass die Gelenkscremewerbung (die ich besonders hasse) und die ganzen Darmpflegemittel sich vor allem in Werbespots tummeln, die zwischen 17 und 20:15 ausgestrahlt werden. Da zappen sich Menschen unseres Jahrgangs vielleicht gerade im Vorabendenergietief durch die Kanäle. Nach 21 Uhr dominieren gefühlt die Snack-/TK-Pizza- und Autowerbespots, wohl auf eine andere Zielgruppe abgestimmt.

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