(c) Helmuth Schönauer

Der Morgenmoderator (4)

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Seit der Morgenmoderator jede Menge Zeit hat, um ordentlich zu verschlafen, liegt er die halbe Nacht wach, um zu überlegen, was sie wohl ohne ihn in „Weck-Tirol“ der senden werden.

Diese Aufwach-Sendung hat er unter dem Künstlernamen „Afta Grins“ ein Vierteljahrhundert gestaltet. Er hat noch Schilling zum Euro gesagt und EG zur EU. 

Aber das Thema ist immer das gleiche gewesen: Heraus aus den Federn, die Piste ruft! Mit was anderem kann man die Tiroler nicht zum Aufstehen bewegen, das ist ihnen in Schi und Stock übergegangen. Selbst der Landeshauptmann hat in der größten Pandemie gerufen: Bleibst zu Hause, außer ihr gehts auf die Piste!

Wie immer, wenn Afta Grins schlecht geschlafen hat, ist auch die Morgensendung schlecht und lieblos. Nach dem „No-Milk-Today“, das immer pünktlich um Viertel nach aufgespielt wird, flacht die Sendung ab, und mündet in einen Wetterbericht, der mit dem ordinären Hausmeister-Ton „Hamma hamma – Gemma gemma!“ ausgestoßen wird. In Imst hamma fünf Grad, in Reutte hamma sechs Grad, ….. 

Niemand erträgt auf Dauer diese Lieblosigkeit. Auch Menschen, die mit einem seriösen Beruf in Pension gegangen sind und nicht als aufgekratzter Morgenmoderator, schlagen das Ei zu Boden, wenn sie gerade beim Frühstück sind, oder wechseln den Sender, wenn sie eine Hand frei haben.

Aber heute gibt es gleich zwei Überraschungen in der Morgensendung, die wohl die gesamte Zuhörerschaft von Weck-Tirol aufhorchen lässt, während sie auf den Aufgang der Pisten-Sonne wartet. 

Die Nachrichtensprecherin bricht um Punkt halb weinend vor dem Mikro zusammen. Es sind nicht die schlechten Nachrichten, die sie quälen, sondern das Programm, das den Zugriff verweigert, so dass man keine schlechten Nachrichten senden kann. Sie fuchtelt mit der Studio-Maus über ein Pad, das das Logo von Weck-Tirol trägt, sie seufzt und zischt, man hört das Klicken der beiden Maustasten, mit denen irgendein Programm geöffnet werden soll, aber der Bildschirm bleibt stumm, die Nachrichtensprecherin weiß nicht mehr, was sie will, soll der Bildschirm sprechen oder ihr einen Text zeigen, den sie sprechen kann. 

Erst jetzt sieht die Hamma-Frau, die eben noch das Wetter über die Bühne gebracht hat, dass die Nachrichten-Frau in Schwierigkeiten ist. 

„Gestern hatten wir eine Blackout-Übung im Haus, und heute ist er schon in Wirklichkeit!“Sie ist ziemlich stolz, dass sie diese Kurve so fein hingekriegt hat, nämlich heraus aus der Realität, hinein in die Erinnerung, und dann Gleichschritt zwischen Simulation und Realität.

 „Jetzt spielen wir nochmal „No-Milk-Today“ und denken Sie daran, dass Nachrichten nichts anderes als Milch sind.“ 

Während Afta Grins vom Frühstücksfenster aus sieht, dass die Sonne irgendwo eine Piste erreicht hat, fragt er sich, wie sie die Tantiemen für den Milchsong wohl abrechnen, denn alle Musik im Studio wird nicht nur pauschal gespielt, sondern pauschal abgerechnet. 

Aber es soll noch eine zweite Überraschung geben. Man hört im Hintergrund wie bei einem Felix-Spiel eine Tür knarren und weiß, jetzt heißt es Achtung machen wie ein Murmeltier, es kommt etwas Wichtiges. 

Tatsächlich stellt sich eine Stimme als neue Intendantin des Studios vor und geht gleich zur Sache. Ich werde aufräumen! Das Motto des heurigen Jahres heißt Jugend, die durch die Seuche verschreckt worden ist. Die gilt es vor die Lautsprecher und in die Kopfhörer zu holen! 

Als der Morgenmoderator sich schon ans Herz zu fassen beginnt, weil er den Tod seiner Lebenssendung befürchtet, gibt es eine gute Nachricht für ihn. Für die Alten werden wir die Sendungen in Zukunft stumm schalten, weil sie ohnehin nichts mehr hören. So ersparen Sie sich unnötigen Ärger, der bei unseren Sendungen stets mitprogrammiert wird. 

Es handelt sich wohl um ein echtes Felix-Spiel. Denn mit dem gleichen Geräusch, mit dem die Intendantin in die Sendung gekommen ist, verschwindet sie auch wieder. 

Und dann ist es still und Weck-Tirol ist für heute aus.

STICHPUNKT 22|05, geschrieben am 07.01. 2022

Geboren 1953. Ist seit Gerichtsverfahren 1987 gerichtlich anerkannter Schriftsteller, bis 2018 als Bibliothekar an der ULB Tirol. Als Konzept-Schriftsteller hält er sich an die These: Ein guter Autor kennt jeden Leser persönlich.

Etwa 50 Bücher, u.a.:
* Tagebuch eines Bibliothekars | Sechs Bände (2016-2019)
* BIP | Buch in Pension | Drei Bände (2020-2022)
* Nie wieder Tirol | Kampf-Roman (2018)
* Antriebsloser Frachter vor Norwegen | Austrian Beat (2021)
* Outlet | Shortstorys zum Überleben (2021)

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