(c) Helmuth Schönauer

Verbales Design

4 Minuten Lesedauer

Es gibt Berufe, die sind in der Pension genauso aufregend wie in der aktiven Performance. Während einer Pandemie nämlich werden Aktivitäten und Passivitäten ziemlich ähnlich. Wenn dir also jemand ungefragt erzählt, was er gerade im Home-Office so alles macht, dann hat er meist ein schlechtes Gewissen, weil er in Kurzarbeit ist und (fast) nichts tut. Hier gilt generell: Alles ist eine Frage des verbalen Designs!
Ein sehr rätselhafter Beruf ist in dieser Hinsicht jener des Bibliothekars. Da sich bei ihm alles in der Lebenserfahrung und im Kopf abspielt, ist von außen nicht ersichtlich, ob er in Arbeit, Kurzarbeit oder Pension ist.
In allen drei Körperzuständen ist freilich seine Aufgabe ungebrochen wichtig. Ein guter Bibliothekar nämlich ist ein Ombudsmann für seine Leser.
So ist es kein Wunder, wenn ihm immer wieder rätselhafte Fälle herangetragen werden, die weder die Hotline des Bundeskanzleramts noch die Schwarmintelligenz von Wikipedia ausreichend beauskunften können.
Aus der Cloud von Fragestellungen der letzten Wochen sind hier drei Fälle herausgegriffen.
Jemand fragt, ob es einen Zusammenhang zwischen Leichen und Genitalien gibt. Anlass für diese skurrile Vermutung ist ein Doppelgesetz, das jüngst im deutschen Bundestag beschlossen worden ist. Demnach ist es bei hoher Strafe verboten, Leichen nach Verkehrsunfällen und Genitalien im Upskirt-Modus zu fotografieren. Die Antwort könnte auf Basis des Grundgesetzes lauten: Wenn man davon ausgeht, dass die Abgeordneten nach bestem Wissen und Gewissen entscheiden, muss es auch einen Zusammenhang zwischen Genitalien und Leichen geben, denn sonst würden die Abgeordneten kein solches Gesetz beschließen. (Ob österreichische Abgeordnete genug Wissensstand für ein solches Gesetz hätten, bleibt bei der generell schlichten Informationslage in Österreich offen.)
Eine andere seltsame Anfrage kommt aus dem Reich der Orthografie. Bekanntlich ist seit dem Wirken einer „schwarzen“ Unterrichtsministerin („Pudern statt Partys!“) die sogenannte Rechtschreibung ziemlich außer Kraft gesetzt. Das geht so weit, dass heutzutage selbst Gesetze in einer verstümmelten Selfie-Sprache formuliert sind. In der Folge muss der Verfassungsgerichtshof mittlerweile fast alle Gesetze aufheben, weil sie keine Rechtschreibung und somit keinen Rechtsinhalt haben. Ein besorgter Leser verweist auf das orthografische Beispiel „Affro-Amerikaner“ und meint, dass dieser Ausdruck wohl herabwürdigender sei als der frühere Ausdruck Neger.
A popo Negro, das dritte Fallbeispiel kommt aus der Literatur. Seit diese bei der Zentralmatura gecancelt worden ist, empören sich immer mehr Nichtleser über Franz Kafka. Dieser nämlich lässt im Naturtheater von Oklahoma (Der Verschollene) seinen Karl Roßmann unter den Namen „Negro“ in eine Liste eintragen, auf der Arbeiter und Künstler streng von einander getrennt sind. Ermuntert durch die Republik Österreich, die freihändig ihre Bundeshymne geschändet hat, indem sie das Kunstwerk gegendert hat, verlangen diese Leser nun eine Umschreibung des Werkes von Franz Kafka. Da dieser mit seinem Wunsch, es anzuzünden, nicht durchgekommen ist, besteht jetzt die Chance, es durch Umschreibung zu vernichten.
Je allumfassender das Wissen wird, umso erbärmlicher wird der Wissensstand eines Bibliothekars. Selbst wenn dieser in der passiven Zeit aktiv bleibt, reicht ein Leben nicht aus, um auch nur eine Seite des großen Buches zu lesen.
Beinahe täglich kommt es zum tröstlichen Seufzer: „Ich weiß nicht.“

Geboren 1953. Ist seit Gerichtsverfahren 1987 gerichtlich anerkannter Schriftsteller, bis 2018 als Bibliothekar an der ULB Tirol. Als Konzept-Schriftsteller hält er sich an die These: Ein guter Autor kennt jeden Leser persönlich.

Etwa 40 Bücher, u.a.:
* Tagebuch eines Bibliothekars | Sechs Bände (2016-2019)
* BIP | Buch in Pension (2020)
* Nie wieder Tirol | Kampf-Roman (2018)Verniedlichte Höhe | * Das verflossene Jahr ist ein Gedicht mit abgehockten Nistplätzen (2020)

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