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Die Nachrichten vom 16.3.

6 Minuten Lesedauer

Heute ist Jahrestag des Zugesperres, das allgemein cool-hochtrabend „Lockdown“ genannt werden möchte, welchen Gefallen ich ihm aber nicht tun werde. Dieses Englische-Wörter-Gehummel gehört zu den Zeiterscheinungen, die mir außergewöhnlich auf den Wecker gehen. Es war wohl ungefähr zugleich mit meinen Jugendtagen, ich weiß noch, wie einst im „Spiegel“ die Wendung „es macht Sinn“ auftauchte, und danach gab es kein Halten mehr. Ein halbes Jahrhundert also, daß dieser Fimmel über uns hereinbrach, und mit meinem eigenen Fimmel, was England und die englische Literatur betrifft, habe ich mein Scherflein beigetragen, wie zu allem, was in jenen fernen siebziger Jahren der Zeitgeist für uns mitgebracht hatte und was dann nach und nach ausgepackt wurde: Da, Kinder, schaut, was für schöne Sachen! Es war halt, wie es war, und jetzt ist es, wie es ist. Wir ertragen es – in der gelungenen Formulierung von Konrad Paul Liessmann – nach Möglichkeit mit interesselosem Mißfallen, solang es die Nerven derpacken.

Aber wenn man dann im Radio so einen Steinblöden hört, der schon kein Deutsch kann, welche Un-Sprache er dann mit einem Gatsch aus Englisch verrührt, das dann noch irgendwie deutsch abgewandelt und zum Drüberstreuen pseudo-amerikanisch ausgesprochen werden muß (wir haben uns committed, oder committet?)… das schönste Beispiel der letzten Tage, ich habe es fast noch im Ohr, aber leider ist es mir entfallen und kommt wohl nicht wieder. Wie sehr man sich vornimmt, sich über Zeiterscheinungen aller Art weniger aufzuregen, weil es dem eigenen Wohlbefinden nur schadet, hat man dieses Glossistenknie mit dem entsprechenden Reflex, und wenn die eine oder andere Nachricht wieder einmal präzise trifft – dann gibt es eben eine Glosse.

Schon bei den Morgennachrichten werden, jubiläumsbedingt, neue Versuche zu neuen Schauer-Szenarien dem geneigten Publikum präsentiert, irgendwas mit Umweltschutz, Klimakrise, Wildtieren, die auf Märkten landen und wo dann weitere, neue, also jetzt noch gar nicht bekannte Super-Horror-Viren auf die Menschheit losstarten. Nicht zu vergessen, die Zecken, die wie alle Jahre im Gebüsch lauern, dazu Hühnerpest und Schweinegrippe e tutti quanti.

A propos der China-Labor-Theorie, von der an dieser Stelle schon einmal die Rede war: inzwischen ist unter etlichen anderen (wie dem HIV-Entdecker und Nobelpreisträger Luc Montagnier) auch der hamburger Physikprofessor Roland Wiesendanger zu der Vermutung gelangt, daß das beliebteste Virus der Saison aus einem chinesischen Labor stammen könnte. In diesem Zusammenhang stellt er sinnvollerweise die Frage, ob die Verschwörungstheorie nicht jene sei, die mit Anfang Corona sofort in die Welt hinaus wanderte, nämlich die von den Fledermäusen oder Gürteltieren auf dem Tiermarkt von Wuhan. Tatsächlich fragt sich, wieso die Verschwörungstheorie partout immer die sein soll, die von den Querulanten kommt, und nicht die, die denen in den Kram paßt, die das Kommando haben.

Dann ein medialer Kurzbesuch in Vorarlberg, wo die Wirte unter gewissen Einschränkungen ihre Etablissements öffnen dürfen und die Stimmung teils tapfer ist, teils nicht, insgesamt eher mau.

Dann spricht der „Simulationsexperte“ zu uns, an den jetzt offenbar auf österreichischer Führungsebene die Kompetenz übertragen wurde, die allgemeinen und besonderen Gefahren für unser Wohl und Wehe zu beurteilen. Er meint unter anderem, die Intensivbetten seien voll. Ich war, aufgrund anderer Nachrichten, der Meinung, sie seien zurzeit überhaupt nicht voll. Darüber Klarheit zu gewinnen, scheint zu den Unmöglichkeiten in dieser unmöglichen Zeit zu gehören. Sind sie voll, wie voll, werden sie voll, wie schnell etc.

Auch über die Gefährlichkeit oder Nichtgefährlichkeit der englisch-schwedischen Impfung sind sich die europäischen Länder uneins, die Engländer impfen wie blöd, Deutschland und Frankreich und ein paar andere haben den Einsatz vorübergehend ausgesetzt wegen Nebenwirkungen, die von anderen wieder für unerheblich bzw. statistisch insignifikant gehalten werden. Könnte es sein, daß die EU, so mehr unbewußt, nur auf die Engländer sauer ist von wegen weil sie ausgetreten sind und jetzt so forsch und fix impfen, während das auf dem Kontinent doch eher wie ein allgemeines Kuddelmuddel ausschaut. Dann und wann hört man noch das Wort „evidenzbasiert“; das war schon einmal beliebter, als es noch einfache, strategisch klare Ziele gab, wie etwa die schurkischen Homöopathen endlich zu besiegen. Der jetzige Kampf scheint insgesamt in ein etwas unübersichtliches Getümmel ausgeartet zu sein. Von wegen evidenzbasiert: „As European governments and scientific organisations scuffle over claims and counter claims about the AstraZeneca vaccine, the current format of ‘evidence-based science advice’ is facing a momentous crisis of credibility and public trust.“ schreibt Dr Peiser heute aus London.

Apart scheint mir der Umstand, daß die Auswirkung dieser Impfung, unerwünschte Blutgerinnsel, identisch ist mit einer möglichen Auswirkung („Nebenwirkung“) unseres Virus.

Der russische Impfstoff heißt Sputnik und hat ein eigenes Twitter-Konto, von dem er Botschaften in der ersten Person verschickt: Ich, Sputnik, Retter der Menschheit.

Vielleicht könnten sich die Experten noch darauf einigen, ob es „der“ oder „das“ Virus heißt, dann wäre immerhin etwas erledigt.

Walter Klier, geb. 1955 in Innsbruck, lebt in Innsbruck und Rum. Schriftsteller und Maler.
Belletristik, Essays, Literaturkritik, Übersetzungen, Sachbücher. Mitherausgeber der Zeitschrift "Gegenwart" (1989—1997, mit Stefanie Holzer). Kommentare für die Tiroler Tageszeitung 2002–2019.
Zahlreiche Buchveröffentlichungen, u.a.: Grüne Zeiten. Roman (1998/Taschenbuch 2014), Leutnant Pepi zieht in den Krieg. Das Tagebuch des Josef Prochaska. Roman, 2008. Taschenbuch 2014). Der längste Sommer. Eine Erinnerung. 2013.
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