(c) Helmuth Schönauer

Alpensack

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4 Minuten Lesedauer

In loser Folge stellt das Alpenfeuilleton Ereignisse, Schicksale oder Gegenstände vor, die das Zauberwort „Alpen“ genetisch in sich tragen. 

Auf der Suche nach derben Wörtern, die das Grobe der Alpen für den Alltagsgebrauch herunterbrechen, stößt man immer wieder auf seltsame Fügungen, die am Ende das Gegenteil von dem bewirken, was man ins Auge gefasst hat. Auf der Suche nach Drecksack in den Alpen wird man zwangsläufig auf die eingetragene Marke „Alpensack“ verwiesen. 

Die Heimat des Alpensacks ist die Schweiz und beweist, dass die ganze Schweiz letztlich als Sack in den Alpen liegt und im Dunkeln des Innensacks allerhand Geheimnisse birgt. (Die Geheimnisse liegen immer im Innern eines Gebietes, so gilt etwa der Kanton Innerrhoden als der geheimnisvollste im Kosmos von Helvetia.) 

Menschen von außerhalb Europas bringen mit dem Kultur- und Gebirgszug Alpen vorerst die Schweiz in Verbindung. Wenn man einem Ami sagt, dass auch Österreich und insbesondere Tirol in den Alpen liegen, so wird er mit Heidi antworten, die spielt doch in der Schweiz, oder? Für einen Ami haust offensichtlich Heidi im Alpensack, wie könnte er diese Filmfigur sonst so stark mit dem Sack konnotieren. 

Auf der lange gesuchten Homepage ist dann alles klar zu sehen: 

„ALPENSACK.CH ist auf diversen Märkten in der Schweiz präsent! Wir verkaufen ausschliesslich Produkte aus den Schweizer Alpen und Bergregionen, für bäuerliche Kleinbetriebe und deren Manufakturen, weshalb wir nur kleine Mengen anbieten können. Die Produkte stammen aus Tierartgerechten, hygienisch einwandfreien Haltungen, so dass Geschmack und Qualität erhalten bleiben. Mit Ihrem Einkauf, unterstützen sie diese Berg-Bauernfamilien, und erhalten so auch die Schweizerische traditionsreiche Kultur.“ 

Die Rechtschreibung ist ziemlich alemannisch, wie man oberflächlich sagen würde, überall ist das scharfe S substituiert und lässt erahnen, was einst der Unterrichtsministerin Gehrer, ebenfalls eine Semi-Alemannin, bei der verunglückten Rechtschreibreform vorgeschwebt ist.

Das Auge gewöhnt sich erstaunlich schnell an den Alpensack im Netz, schon nach ein paar Absätzen liest man die Dinge wie ein alter Sack-Insasse.

„Geniessen Sie bei uns am Stand das frische LANDEI- Sandwich – „äs het solang’s no het“. Wir kommen auch zu Ihnen, für Anlässe, Firmen und Hochzeiten, als Blickfang und Attraktion für kleines Geld.“ 

Der Alpensack ist offensichtlich die perfekte Antwort auf Amazon. Statt Weltprodukte über die Welt auszustreuen und prekär zuzustellen, werden hier prekäre Produkte mit dem Gestus des Weltgeistes ausgeliefert. Der Alpensack liefert mitten ins Herz der Menschen, die ihn aufsuchen. 

Den Tirolern als Nachbarn des zentralen Heidi-Kults ist es meist egal, was die Schweizer in ihrem Mittelpunkt der Alpen so treiben. Die einzige Verbindung mit Relevanz ist der Railjet, der stündlich in die Schweiz fährt, wo man sich in einen Sterbeklinik begeben kann, wenn einem zuhause nicht mehr geholfen werden kann.

Ob der Alpensack auch die Phiole zur Sterbebegleitung zustellt, geht aus der Homepage nicht hervor. Passen würde es, denn wenn jemand für Taufen, Hochzeiten und Tierartgerechte Würste zuständig ist, kann er wohl auch beim erlösenden Sterben in den Alpen helfen. 


STICHPUNKT 22|06, geschrieben am 8. 1. 2022

Geboren 1953. Ist seit Gerichtsverfahren 1987 gerichtlich anerkannter Schriftsteller, bis 2018 als Bibliothekar an der ULB Tirol. Als Konzept-Schriftsteller hält er sich an die These: Ein guter Autor kennt jeden Leser persönlich.

Etwa 40 Bücher, u.a.:
* Tagebuch eines Bibliothekars | Sechs Bände (2016-2019)
* BIP | Buch in Pension (2020)
* Nie wieder Tirol | Kampf-Roman (2018)Verniedlichte Höhe | * Das verflossene Jahr ist ein Gedicht mit abgehockten Nistplätzen (2020)

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