(c) Helmuth Schönauer

Über den Schreibtisch gehen

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Für einen Österreicher gibt es nichts, wofür nicht Niki Lauda eine Leitfigur sein könnte. Allein schon beim Autofahren, beim Fliegen, beim Geldanlegen. In allen Bereichen gilt es, das System auszureizen, die Physik bis ans Limit herauszufordern, und das Leben als kommoden Spaziergang an der eigenen Borderline zu inszenieren. 

Millionen von Österreichern hat Niki Lauda damit aus der Seele gesprochen und sich in ihre Herzen versenkt, weil es ja darum geht, die Menschheit ein Stück inniger an die Klimakatastrophe heranzuführen und somit straff an die Grenzen der Menschheit zu gelangen. 

Neben tausenden Bildern, wie etwa dem vom Überleben als Airline-Besitzer, der einen Crash im Dschungel begutachten muss, bis hin zum legendären Feuerunfall, aus dem er erwacht, als der Priester bereits die letzte Ölung vornimmt, neben diesen heroischen Bildern hat eine ganze Generation von Beamten und Staatsschriftstellern vor allem die Szene mit dem gläsernen Schreibtisch beeindruckt.

Etwa in der Mitte der 1980er Jahre posiert Niki Lauda in der Mitte eines japanisch minimalistisch gehaltenen Raums hemdsärmlig mit Krawatte vor einem gläsernen Schreibtisch. Für die Kamera hält er einen Kugelschreiber, weil man damals noch keine Maus hat. – Und dann dieser Satz voller Ordnung für die Jahrhunderte: „Links kommen die Sachen herein, rechts gehen sie hinaus. Das heißt, etwas geht über meinen Schreibtisch.“

Nach dieser Szene haben alle Beamte am nächsten Arbeitstag ihre Büros ausgeräumt, die Akten wurden verräumt, egal ob bearbeitet oder nicht, eine Ordnung stellte sich ein, die als Effizienz verkauft wurde. 

Kam es zu einem Parteienverkehr, war die Kundschaft die einzige Störung im Raum, die gleich wieder hinausbegleitet wurde. „Gehen Sie ruhig heim, es liegt nichts gegen Sie vor! Und alles, was Sie begehren, ist schon erledigt.“ 

Ähnlich erging es Schriftstellern, die sich jeden Tag an ihre gläsernen Schreibtische setzten und etwas aus dem Kopf heraus formulierten, was bald einmal in ein Staatsstipendium umgemünzt werden konnte. Die Romane aus jener Epoche sind alle heute noch gläsern und transparent, oft aber so dünn, gleichsam gläsern, dass man durch den Roman in einem Ansatz durchblickt, weil auch das Cover durchsichtig ausgefallen ist.

Die Zeitgenossen aus der digitalen Welt ahnen schon, was jetzt kommt. Die gläserne Platte vom Niki Lauda wurde einfach am Schreibtisch senkrecht aufgestellt, und schon hatte man einen Laptop. 

Seit den Nuller Jahren arbeiten alle luzide im Geiste Nikis an der Nachhaltigkeit ihrer Werke. Die Beamten bearbeiten im Home-Office eine Cloud, aus der in sekundenschnelle Bescheide herausfallen, die der Kundschaft zugestellt werden, noch ehe diese ein Begehr hat. 

Und die Schriftsteller haben ein Schreibprogramm, das ihnen in Sekundenschnelle das auswirft, was der Literaturmarkt so gerne hat: Etwas Dünnes, Luzides, Gegendertes, wenn möglich, etwas mit Migrationshintergrund, das überall am Kontinent verkauft werden kann. 

Hat das Schreibprogramm einmal eine Story ausgespuckt, die auf die große Ungerechtigkeit auf der Welt hinweist, muss dieses File noch zweimal bearbeitet werden. Einmal mit dem Rechtschreibprogramm, das aber sehr tolerant ist, weil es alle Buchstabenkombinationen als gleichberechtigt wertet. Und zum zweiten mit dem Genderprogramm. Damit wird alles bearbeitet, was männlich ist und keine weibliche Form ausgespuckt hat.Aus dem Wallnöfer-Platz wird eine Wallnöfa-Plätzin, aus einer feministischen Preisträgerin, deren Namen auf „-er“ endet, ein Name mit der Endung „-a“ (Andrea Hofa). 

Ab und zu freilich muss der stromlinienförmige Autor noch aufpassen, dass ihn nicht die Wirklichkeit überholt.Als er die Geschichte schwarzweiß auf einen Konflikt um den aktuell berühmten weißen rassistischen Polizisten zusammengeschnürt hat, taucht eine seltsame Meldung im Netz auf: 

„Eine weiße Polizistin hat soeben einen Afroamerikaner bei einer Verkehrskontrolle erschossen, weil sie den Teaser mit der Pistole verwechselt hat.“ 

Wie nun? Muss man die Bösewichtin auch gendern? Und was ist mit dem Teaser?

STICHPUNKT 22|04, geschrieben am 06.01. 2022

Geboren 1953. Ist seit Gerichtsverfahren 1987 gerichtlich anerkannter Schriftsteller, bis 2018 als Bibliothekar an der ULB Tirol. Als Konzept-Schriftsteller hält er sich an die These: Ein guter Autor kennt jeden Leser persönlich.

Etwa 50 Bücher, u.a.:
* Tagebuch eines Bibliothekars | Sechs Bände (2016-2019)
* BIP | Buch in Pension | Drei Bände (2020-2022)
* Nie wieder Tirol | Kampf-Roman (2018)
* Antriebsloser Frachter vor Norwegen | Austrian Beat (2021)
* Outlet | Shortstorys zum Überleben (2021)

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