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Gefahrenstufen

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Aus den alljährlichen Lawinenstatistiken wissen wir, dass bei Stufe 3, erhebliche Gefahr die meisten Opfer zu beklagen sind. Jedenfalls mehr als bei Stufe 4, große Gefahr. Daran sieht man wieder einmal, wie wichtig es wäre, dass Menschen ihre Sprache bis in alle Feinheiten beherrschten — oder dass zumindest Katastrophengremien sprachpsychologisch geschickter vorgingen. Kommunikation ist alles, das haben wir in der Pandemie gelernt bzw. hätten die maßgeblichen Leute besser frühzeitig lernen sollen. Und zwar nicht im Sinne von manipulativem Sprachgebrauch. Den beherrschen die Mächtigen perfekt. Nein, im Sinne von Klarheit und Verständlichkeit.

Die vielen Alpinunfälle bei Stufe 3 liegen, egal wie sehr die Lawinenexperten das auch leugnen, tatsächlich zum Gutteil an der Formulierung, da die Bedeutung von erheblich nicht allen Menschen geläufig ist. Es ist kein gängiges Wort der Umgangssprache, vielmehr ein Begriff, der fast nur noch in der gehobenen Sprache, in Administration und in Wirtschaftsbelangen verwendet wird. Taucht dieses Wort etwa jemals in der Sportberichterstattung, bei der Wetteransage oder im Horoskop oder im Romanheftchen auf? Auch in die hierzulande vorherrschenden Touristensprachen kann man Gefahrenstufe 3, wenn man den Schnee oben verführerisch glitzern sieht, je nach Laune bloß mit signifikant oder bemerkenswert übersetzen. Das schreckt nicht wirklich ab.  Erheblich klingt eben bei Weitem nicht so gefährlich wie Stufe 4: große Gefahr. Erst mit Klartext verstehen alle, dass die Lage tatsächlich ernst ist.

Auch die Nummerierung ist unglücklich. Küstenbewohner z.B. lieben Windstufe 3, ein angenehmes Lüftchen, grad ideal zum Segeln. Und auch seit der Schule weiß ein jeder: ein 3-er ist ja sogar befriedigend. Jedenfalls kein Grund, sich aufzuregen.

Die Lawinenexperten weisen zwar unermüdlich auf Eigenverantwortung (Auch hier! Lernt man denn nie aus früheren Fehleinschätzungen?) und darauf hin, dass man eben die Zusatztexte zu den Stufen und die örtlichen Lawinenberichte genau lesen müsse. Darin würde alles ausführlich erklärt. Aber ehrlich: Wie viele Leute gibt es, die mehr als Überschriften lesen? Und wie viele alpine Einheimische gibt es, die immer alles besser wissen als die Experten (Vgl. Corona)? Von diesen Nicht-Lesern und Besser-Wissern werden dann eben etliche von Lawinen (und anderen erheblichen Gefahren, wie etwa Viren) alljährlich verschlungen, was aber weder das allgemeine Sprachbewusstsein zu heben, noch die Unfallzahlen durch fortschreitende Erkenntnis zu senken scheint.

Doch das Dilemma mit unklarer Gefahreneinschätzung findet sich auch abseits der Alpen. Alle Welt fragt sich derzeit: Wo steht die Ukraine? Welche Gefahrenstufe herrscht dort? Ist die Kriegsgefahr erst erheblich oder schon groß?  Im beiderseitigen Muskelspiel zwischen Putin und Nato befindet man sich bereits allzu lange auf der extrem unsicheren 3-er Stufe, d.h. in der erheblichen Gefahr, dass mit einem einzigen weiteren Schritt etwas losgetreten wird, was dann unaufhaltsam abgeht. Man ist, trotz aller Warnungen, in einen Steilhang eingefahren und alle Welt bangt nun, dass bloß keine Wechte am Weg liegen möge. Eine einzige falsche Bewegung derer da oben kann eine riesige Lawine mit unabsehbaren Folgen auslösen.

Es wäre also vielerorts besser, wir lassen die allzu beruhigend klingende Stufe 3 endlich beiseite und schauen gleich der großen Gefahr offen ins Auge. Denn nur das Ausrufen von hoher und höchster Gefahrenstufe hält den Leichtsinnigen – manchmal — ab.

Geboren 1954 in Lustenau. Studium der Anglistik und Germanistik in Innsbruck Innsbruck. Lebt in Sistrans. Inzwischen pensionierte Erwachsenenbildnerin. Tätig in der Flüchtlingsbetreuung. Mitglied bei der Grazer Autorinnen und Autorenversammlung Tirol, der IG Autorinnen Autoren Tirol und beim Vorarlberger AutorInnenverband. Bisher 13 Buchveröffentlichungen.

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