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Internationaler Frauentag 2022 oder: Frauen und Tyrannen

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Wladimir Wladimirowitsch Putin suhlt sich in seinem Medienauftritt zum Internationalen Frauentag, ganz ohne meterweiten Abstand, inmitten eines Harems ausgesuchter Model-hübscher (Flug?)Hostessen, die reglos gebannt seinen Ausführungen zu lauschen haben. So stellt sich der Tyrann also sein Verhältnis zu den Frauen vor. Wenn er sich bloß nicht täuscht!

Zwar lassen sich Tyrannen schwer aus ihren Sesseln jagen, haben sie sich einmal festgesetzt. Egal ob es sich dabei um den schlagenden Ehemann oder einen wahnsinnig gewordenen Präsidenten handelt. Beider Machtmittel ist die Angst. Widerstand kann nur entstehen, wenn man entweder die Angst zu überwinden vermag oder völlig verzweifelt ist. Und ängstlich und verzweifelt sollen vor allem die Frauen sein, die der scheinbar unbesiegbare, machtstrotzende Mann terrorisiert.

Sorry für die Verallgemeinerung, liebe unschuldige Männer! Ich weiß, 99,999 Prozent von euch sind nicht so. Aber, wenn es bisher jemand zum Diktator eines Großreiches schaffte, dann war es eben immer ein Mann. Einer Frau gelingt allein schon die nötige Selbstüberhöhung nicht, ohne dabei ins Lächerliche oder Mitleiderregende zu kippen. Man denke nur an die zarten Versuche einer Maggie Thatcher mit ihrem Handtäschchen …

Machen wir ein diesbezügliches Gedankenexperiment: Stellen wir uns Putin einfach mal als Frau vor. Setzen wir ihm eine blonde Monroe-Perücke auf, applizieren wir ein bisschen Lippenstift und lackieren seine Nägel. Ist er da nicht mit einem Schlag bemitleidenswert und lächerlich, wie er aus übergroßer, ängstlich eingehaltener Distanz vor steinern nickenden Generälen seine Parolen vom Stapel lässt? Sobald uns dieses Bild gelingt, kann er nicht mehr imponieren. Satire und Lachen als Allheilmittel gegen Angst hatte ja schon Charlie Chaplin wirkungsvoll eingesetzt. Die weltweit beste Anti-Autokraten-Kampagne aller Zeiten war sein „Großer Diktator“.

Wie lächerlich erscheinen uns doch heute auch die realen Auftritte der Tyrannen Hitler und Mussolini! Sie sind durch Chaplins Film zu Parodien ihrer selbst geschrumpft. Trotz der Millionen Toten, die sie zu verantworten hatten, ist das Dämonische dadurch als billiges Film-Makeup enttarnt. Und nichts wäre heutzutage lächerlicher als eine Madame Putin, die von steifen Gardisten flankiert aus vergoldeten Türen tritt. Allein durch diese Vorstellung wird der großspurige Präsident so auf seine menschliche Zniachtl-Größe zurückgestutzt. Leider funktioniert diese mentale Kampfmethode gegen die Tyrannei aber nur in den Anfängen eines Terrorregimes, weil Autokraten ebenso wie der kleine Haustyrann genau wissen, dass sie ihren Opfern als Erstes das Lachen und die Fantasie austreiben müssen.

Vielleicht ist es aber für Russland noch nicht ganz zu spät und man könnte noch satiretaugliches Material einschmuggeln? Man müsste nur den letzten Unterwerfungsknicks rausschneiden, dann wäre zum Beispiel die berüchtigte Tanzszene mit Frau Kneissl durchaus als Gegenpropaganda brauchbar.* Da schunkelt der Möchtegern-Weltenherrscher entlarvend taktlos und bäurisch zum Walzer, rechtes Bein, linkes Bein, rechtes Bein, linkes Bein. Man sollte sich dieses Filmchen in Dauerschleife immer wieder ansehen, dann weiß man, dass Putin der Welt vor allem aus Unfähigkeit auf die Füße tritt. Allerdings erreicht man in Youtube bestenfalls die internetaffine städtische Generation junger Russen, und auch die nach Abschaltung aller westlichen Quellen inzwischen schon nicht mehr. Man hätte also schneller sein müssen mit der Gegenpropaganda. **

Also bleibt als Letztes nur noch die direkte Methode, wie Frauen sich ihrer Tyrannen erwehren können: indem sie, man weiß nicht wie, über den Schatten der Angst springen und sich offen auflehnen. Mit dem Mut der Verzweiflung, wie zu allen Zeiten, wenn verbohrte Männer den Karren gegen die Wand gefahren hatten und die Frauen diesen wieder aus dem Dreck ziehen mussten. Oft waren es in der Weltgeschichte gerade die Frauen, die sich tollkühn gegen übermächtige Gegner und sinnlose Kriege auflehnten. Manchmal sogar erfolgreich. Man erinnere sich an die Frauen in Nordirland, die dem Bürgerkrieg ein Ende machten. Am Maidan und im Gezi-Park standen sie in erster Reihe, wo sie geschlagen, verhaftet und beschossen wurden.  Die Mütter in Mexiko und Südamerika fordern unermüdlich die korrupten Regime und Drogenkartelle heraus. Und demnächst schlägt wohl die Stunde der russischen Mütter, wenn Herr Putin ihre Söhne reihenweise im Krieg verheizt.***

Meine Prognose: Falls sich in Russland gegen diesen Krieg und Putins Terrorregime noch irgendjemand offen auflehnen wird, dann werden es Frauen sein. Es ist nicht nur am Internationalen Frauentag, wenn wir in aussichtslosen Situationen auf den Mut der Verzweiflung der Frauen setzen müssen: im privaten Küchenkrieg ebenso wie in der Ukraine, in Russland wie in Afghanistan. Die Frauen werden es nicht ganz alleine schaffen. Aber sie werden heldenhaft voran marschieren und die Tyrannen klein aussehen lassen.

  • * So käme Frau Kneissl sogar unbeabsichtigt noch die Ehre zu, letztlich zu Putins Demontage ein ganz klein wenig beigetragen zu haben.
  • ** Man sollte es sich allerdings für alle Zukunft vormerken, sollte es eine solche mit Putin überhaupt noch geben. Sollte er jemals wieder nach Wien kommen, könnte man ihm als Gastgeschenk eine Gratis-Walzertanzstunde spendieren, bei der ihm die Tanzlehrerin, wie nicht unüblich, bei jedem falschen Schritt lächelnd den Stöckel in die Zehen rammt.
  • *** Putin fürchtet sie schon jetzt. Nicht umsonst erließ er für die Angehörigen der Getöteten und Verwundeten ein Redeverbot.

Geboren 1954 in Lustenau. Studium der Anglistik und Germanistik in Innsbruck Innsbruck. Lebt in Sistrans. Inzwischen pensionierte Erwachsenenbildnerin. Tätig in der Flüchtlingsbetreuung. Mitglied bei der Grazer Autorinnen und Autorenversammlung Tirol, der IG Autorinnen Autoren Tirol und beim Vorarlberger AutorInnenverband. Bisher 13 Buchveröffentlichungen.

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