(c) Helmuth Schönauer

Eine motorisierte Liebesgeschichte

3 Minuten Lesedauer

Als wir noch nicht gendern mussten, haben wir uns, wenn uns die Geliebtinnen wieder einmal verlassen hatten, so lange auf die Motorräder gehockt und sind herumgefahren, bis wir an einer Bar die Stumme Übertragung eines Formel-1-Rennens sehen konnten. 

Immer, wenn der österreichische Mann mit den abgesengten Ohren und der andere Österreicher mit dem ausgeschlagenen Auge stumm zu uns sprachen, fühlten wir uns verstanden.
Dann setzten wir uns abermals auf die Maschinen, um später zu Hause die Geliebtinnen um Verzeihung zu bitten für unsere schlechten Hormone.

Später waren wir schon während der Woche allein mit unseren Körpern, die wir in der Arbeit malträtierten, damit sie fit wären fürs Wochenende, wo wir mit unserer Maschinen ausreiten konnten. 

Viele von uns hatten die Geliebtinnen vollends verloren, manche hatten noch gemeinsame Kinder am Hals, die meisten aber wussten nicht, wie ihnen geschah, wenn sie solo die Maschinen bestiegen, Woche für Woche, um den restlichen Saft aus den Eiern zu fahren, der ihnen noch geblieben war.
Unsere Lieblingsstrecke war während des Sommers das Ruhegebiet Hahntennjoch, wo wir voll angasen konnten, um oben auf einer Formel-1-Wall vielleicht Niki und Marko zu sehen. 

Einige von uns haben mit der Zeit Gliedmaßen verloren, dumme Stürze allenthalben, gegen die auch Tätowierungen nichts nützten. So manchem musste mit dem Bein auch seine Tätowierung abgenommen werden. 

Zeitgleich mit verschiedenen Fahrverboten, die sich gegen über-phonetisierte Maschinen richteten, wurde einigen von uns der Schwanz abgenommen, der durch das lebenslange Aufschlagen am Tank zwischen den Beinen seine Konsistenz verloren hatte. 

Wir wurden immer weniger auf unseren Maschinen, und als dann noch die Elektrifizierung unserer Bikes ausgerufen wurde, gab so mancher von uns sein Gerät am Timmelsjoch ab, wo die Scheiber-Brothers ein Depot für alte Maschinen errichtet hatten.

Den Verlust unsere Geliebtinnen haben wir anstandslos verschmerzt, die Abgabe unserer Bikes aber macht uns traurig, als ob wir gerade gestürzt wären, und von einer Leitplanke aufgeschlitzt ins Jenseits hinaussegelten.
Viele von uns haben deshalb Sender im Helm eingebaut, freilich wissen wir nicht, ob „drüben“ das 5-G-Netz schon in Betrieb ist. 

STICHPUNKT 22|34, geschrieben am 10.04. 2022

Geboren 1953. Ist seit Gerichtsverfahren 1987 gerichtlich anerkannter Schriftsteller, bis 2018 als Bibliothekar an der ULB Tirol. Als Konzept-Schriftsteller hält er sich an die These: Ein guter Autor kennt jeden Leser persönlich.

Etwa 50 Bücher, u.a.:
* Tagebuch eines Bibliothekars | Sechs Bände (2016-2019)
* BIP | Buch in Pension | Drei Bände (2020-2022)
* Nie wieder Tirol | Kampf-Roman (2018)
* Antriebsloser Frachter vor Norwegen | Austrian Beat (2021)
* Outlet | Shortstorys zum Überleben (2021)

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

*

code