(c) Helmuth Schönauer

Der Morgenmoderator (10)

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Die Sendung „Leck Tirol“ muss so einfach sein, dass sie von einer Glühbirne moderiert werden kann!

Jahrelang hat sich Afta Grins dieser Faustregel des Broadcastens unterworfen.

Broadcasten ist einer dieser Begriffe, die nur im Hintergrund verwendet werden dürfen, quasi Backstage, und auch dann nur Off-records.

Kurzum, je schlichter die Sendung, umso aufwändiger das Vokabular drumherum.

Zur Blütezeit des Landesstudios hat man wöchentlich neue Glühbirnen angestellt und sie mit neu erfundenen Sendungen betraut, die alle nur eines im Sinn hatten: Schlicht zu sein wie das Publikum, für das sie gedacht waren.

Die durchschnittlich Tirolernden haben meist einen durchschnittlichen Schlaf mit mittelmäßigen Träumen, daher müssen sie mit durchschnittlicher Musik und mittelmäßiger Moderation bei Laune gehalten werden.

Der Zweck der Sendungen ist die schmerzfreie Begleitung beim Aufstehen, Ausscheiden, Verdauen, Kochen und Einschlafen.

Afta Grins ist während seiner Dienstzeit so beliebig geworden, dass er alle Sendungen aus dem Stegreif hat moderieren können. 

Besonders aber hatte es ihm die Morgensendung angetan und er ist in ihr picken geblieben. 

Parole: Wenn ich dieses „Leck Tirol“ auf nüchternen Magen schaffe, schaffe ich den ganzen Tag!

Tag für Tag, selbst jetzt in der Pension, wacht er rechtzeitig zur Morgensendung auf, fiebert mit den Moderatorinnen mit, wenn sie das Wetter ansagen, und die Ansage für No-Milk-Today spricht er sogar laut für sich hin, damit sich die Stimme nach dem Aufstehen an das Tageslicht gewöhnen kann.

Diesen Vorsommer verbringt der Ex-Moderator in einem Villacher Eisenbahnhotel, wo er in der Hauptsache „Leck Tirol“ hört und dann spazieren geht, bis der Tag vorbei ist.

Die Tage in Villach können sehr lang sein, indem einfach die Zeit stehen bleibt, sodass man mehr Urlaub für sein Geld kriegt, wenn nichts los ist außer der Verdauung.

Heute freilich ist ein besonderer Tag, Leck Tirol soll von einer KI (= Künstlichen Intelligenz) moderiert werden, die angeblich wie eine Glühbirne leuchtet.

Afta Grins sitzt wie auf Nadeln in seinem Eisenbahner-Bett in Villach, damit er ja nichts versäumt.

Und da ist sie schon: 

Tamtaratam, Leck Tirol, Guten Morgen, es grüßt Sie Schrammi, Ihre neue Moderatorin.

Freuen Sie sich, dass Sie in Tirol sind und von einer künstlichen Intelligenz geweckt werden!

Die künstliche Intelligenz moderiert sich sofort in die Herzen der Tirolernden hinein. Sie ist ursprünglich dem Schrammi-Ministerium in Wien zugeteilt gewesen, weshalb ihr auch der Kosename geblieben ist. 

Als die Ministerin wieder zurück nach Tirol musste, weil sie was mit einer Plattform verbockt hatte, nahm sie die KI gleich mit und stiftete sie dem Landesstudio, wo sie nun blinkt wie eine Glühbirne, wenn sie sendet.

Na ja, sagt sich Afta Grins und geht zum Entwursten in den Sanitärbereich.

Als er zurückkommt, ist zwar die Sendung schon aus, aber die künstliche Intelligenz der Schrammi wirkt noch lange nach.

Bald wird es den Hotel-Kaffee geben, den Afta Grins während eines Villacher Spaziergangs ausscheiden wird.

Auf dem Koffertischchen liegt groß wie ein Koffer der Lyrik-Band von Jürgen Becker. Gesammelte Gedichte. Elfhundert Seiten dick.

„Nachts steigt der Marder in die Garagen, die sich auf den Wiesen vermehren.“ (S. 867)

STICHPUNKT 22|56, geschrieben am 28.06. 2022

Geboren 1953. Ist seit Gerichtsverfahren 1987 gerichtlich anerkannter Schriftsteller, bis 2018 als Bibliothekar an der ULB Tirol. Als Konzept-Schriftsteller hält er sich an die These: Ein guter Autor kennt jeden Leser persönlich.

Etwa 50 Bücher, u.a.:
* Tagebuch eines Bibliothekars | Sechs Bände (2016-2019)
* BIP | Buch in Pension | Drei Bände (2020-2022)
* Nie wieder Tirol | Kampf-Roman (2018)
* Antriebsloser Frachter vor Norwegen | Austrian Beat (2021)
* Outlet | Shortstorys zum Überleben (2021)

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