(c) Helmuth Schönauer

Zusammenschisse im Westen

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Ein Rentner aus dem Bereich öffentliches Verkehrswesen notiert nach dem täglichen Rundgang die Zusammenschisse (ZS), ehe er in den Keller geht, um an seiner Kleinbahnanlage weiterzubauen.

Er unterteilt die Ereignisse, die ihm während des täglichen Auslaufs ohne Hund widerfahren sind, in aktive und passive.

In einem aktiven ZS geht er beispielsweise hinter einem fremden Kulturträger hinterher und macht ihn schließlich darauf aufmerksam, dass er seine Mandarinenschalen vielleicht in den Abfallkorb werfen könnte. Dann müsste nicht ein Kollege von ihm, der bei der Straßenreinigung angestellt ist, seine Mandarinenreste aufkehren.

Der fremde Kulturträger erschrickt, denn er hat noch nie einen solchen Gedankengang rund um eine Mandarine entfaltet gesehen.
Eine Rentnerin freilich, die gerade an der Zusammenschissstelle vorbeigeht, brummt vor sich hin, „wie ein Schwein, das den Gehsteig entlang grunzt“.

Jetzt erschrickt der fremde Kulturträger abermals, denn das Schwein hat in seiner bisherigen Biographie als ausgesprochen unreines Tier gegolten, er möchte selber nie eines sein. 

An anderer Stelle wird der Rentner selbst von einem Bofrost-Fahrer zusammengeschissen, er soll vom Gehsteig verschwinden, weil er einparken muss, um die Garnelen zuzustellen, ehe sie auftauen.
Gerade als sich der Vertriebene sammelt und auf den Gehsteig zurückkehrt, entschuldigt sich der Bofrost-Beifahrer:

„Wir stehen unter Stress, in der Pandi fressen alle Garnelen und wir kommen mit dem Zustellen nicht nach.“ 

Man muss nur reden, dann ist alles paradiesisch im Land!
Auch das Sterben könnte leicht sein, wenn man es dem komatösen Opfer auf der Intensivstation nur gut erklärt.

„Es wird alles wieder gut, wir werden dir den Schlauch herausziehen und alles wird gut sein.“

An der Ostseite der Anlage klemmt es freilich noch immer, die Ausweiche ist zu eng nach einer Kurve gesetzt, sodass es das Krokodil jedesmal hinausfetzt, wenn man auch nur ein bisschen Strom gibt.

„Wenn ich jetzt die Anlage zusammenscheiße, wird mir vielleicht besser, aber ich muss die Kurve dann dennoch neu ausrollen.“ 

Der Westen der Stadt liegt unter einer permanenten Anspannung, die bei Heilpraktikern sogar für etwas Gesundes gehalten wird. 

STICHPUNKT 21|12, geschrieben am 14.02. 2021

Geboren 1953. Ist seit Gerichtsverfahren 1987 gerichtlich anerkannter Schriftsteller, bis 2018 als Bibliothekar an der ULB Tirol. Als Konzept-Schriftsteller hält er sich an die These: Ein guter Autor kennt jeden Leser persönlich.

Etwa 50 Bücher, u.a.:
* Tagebuch eines Bibliothekars | Sechs Bände (2016-2019)
* BIP | Buch in Pension | Drei Bände (2020-2022)
* Nie wieder Tirol | Kampf-Roman (2018)
* Antriebsloser Frachter vor Norwegen | Austrian Beat (2021)
* Outlet | Shortstorys zum Überleben (2021)

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