All that Jazz: Zuerst kommt das Fressen, dann der Jazz?

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9 Minuten Lesedauer

In den letzten Tagen habe ich mich viel mit Jazz beschäftigt. Nicht nur, weil ich das ohnehin tue. Sondern auch, weil ein Musiker, der sein Projekt „Flying Lotus“ genannt hat, gerade eine Platte auf den Markt gebracht hat, die angesagt ist. Sehr angesagt sogar. Auf dieser operiert er mit den Versatzstücken von diversen Spielarten des Jazz. Und plötzlich jubelt nicht nur die Jazz-Presse, sondern auch der geneigte Indie-Hörer. Was ist da passiert? Und was hat das alles mit Innsbruck und dem Café Gritsch zu tun? Das erfahrt ihr in diesem Text. Vielleicht.
Was habe ich mich durch Rezensionen und Kommentare kämpfen müssen. Und bei fast jedem Kommentar wäre mir ein Gegenkommentar eingefallen. Die Quellen möchte ich hier bewusst nicht nennen, weil sie symptomatisch für den Umgang mit Jazz an sich sind. Die Indie-Presse gefällt sich darin, den Jazz keinen Fuß in die Tür bekommen zu lassen. Was auch ihr gutes Recht ist. Doch so ganz verstehen kann ich diese Aversion nicht.
Was wurde also alles im Zuge der Veröffentlichung der Flying Lotus Platte über Jazz behauptet? Unter anderem zum Beispiel, dass Jazz ein konservatives Genre sei, vielleicht sogar noch konservativer als Rock. Auch dass es mit dieser Platte endlich mal eine Veröffentlichung gäbe, die mit Jazz-Elementen operieren würden, die nicht nach New Yorker Avantgarde mit Keller-Charme klänge. Dass Miles Davis im Heute genau so klingen würde und der Jazz endlich wieder aufregend wäre, anstatt nur seichtes Hintergrundgeplänkel zu sein. Ich glaube ich kann jetzt damit aufhören, noch ein paar weitere Aussagen sinngemäß aufzuzählen.

Der Kopf hinter Flying Lotus: Steven Ellison.
Der Kopf hinter Flying Lotus: Steven Ellison.

Wie cool kann Jazz eigentlich sein?
Denn: Wer sich schon einmal in seinem Leben mit modernen Jazz beschäftigt hat der weiß, dass nichts falscher sein könnte. Und dass Jazz ohnehin die einzige Musik ist, die auf die Komplexität der heutigen, in Unordnung geratenen Welt adäquat reagieren kann. Ganz einfach, weil das System Jazz so komplex ist, dass es auch aufnahmefähig und anpassungsfähig bleibt. Das System Jazz kann sogar die Einflüsse von Flying Lotus integrieren, die aus dem Dunstfeld von Hip-Hop oder ganz generell elektronischer Musik stammen.
Kein Problem: Das System kollabiert daran nicht. Nicht mal daran, dass bei seiner Platte eigentlich gar nichts improvisiert ist, sondern lediglich zum Teil mit „normalen“ Instrumenten eingespielte Versatzstücke neu zusammengesetzt und so lange durch den digitalen Fleischwolf gedreht werden, bis etwas Neuartiges, Verdichtetes entsteht. Nicht das Skelett, sondern vielmehr eine an Intensität gesteigerte Form von Jazz. Einfach gesagt: ich bin von der Platte, wie sich vielleicht unschwer erkennen lässt, schwer begeistert. Und es zugleich leid dem Hipster von nebenan erklären zu müssen, dass das sehr wohl Jazz ist. Die uncoolste Musik überhaupt, die er oder sie vorher noch nicht mal mit der Kneifzange angefasst hätte.
Das Wort „Strafjazz“, das Christian Schachinger vom Standard geprägt hat, greift hier gut. Jazz hören, vor allem auch modernen Jazz, der mit Freitonalität operiert, ist für viele eine Strafe. Bei Flying Lotus wird klar, wie aufregend Jazz im Heute sein könnte, wenn er auch die Hörgewohnheiten einer breiteren Masse für sich vereinnahmt und mit diesen kreativ umgeht, ohne dass er dadurch seicht und Pop wird. Jazz im Heute muss mit der vollen Komplexität seiner musikalischen Mittel operieren und dabei zugleich die größtmögliche Offenheit bewahren.
Gestern im Café Gritsch in Innsbruck musste ich hingegen erleben, welcher Jazz von einer breiteren Masse heute gehört werden möchte und in welche Funktion dieser gesetzt wird. Die Musiker waren dabei technisch ganz und gar nicht zu bemängeln. Aber für mich bestätigt hier die Funktion des Jazz das Problem, das viele Leute damit haben. Jazz wird hier zur Hintergrundmusik, zur Beschallung für Essen und Trinken.
Der „richtige“ Jazz im Café Gritsch: Bitte klatschen!
Zuerst kommt das Fressen, dann erst der Jazz. Und wenn man möchte, muss man dem live gespielten Jazz überhaupt keine Aufmerksamkeit schenken und kann gemütlich und nett beschallt sein zweites oder drittes Bierchen kippen und sich dazu einen recht akzeptablen „Gritsch-Burger“ genehmigen. Wichtig dabei: Die Musik darf nicht wehtun oder gar verstören. Sie muss gut gespielt sein, mit einzelnen Musikern die ihre Soli spielen und dafür auch mal Szene-Applaus ernten dürfen.
Der "Gritsch-Burger", oder: Zuerst kommt das Fressen, dann der Jazz?
Der „Gritsch-Burger“, oder: Zuerst kommt das Fressen, dann der Jazz?

Alles im richtigen Rahmen, alles voll von Konventionen. Das anwesende Publikum weiß, wenn es klatschen darf und soll. Vielleicht ist es das, was den Jazz elitär werden lässt: Eine Runde von Eingeweihten weiß, was gut oder schlecht ist und die breitere Masse ist von diesem Wissen ganz einfach ausgeschlossen. Die Konventionen der Reaktionen und des Hörens des eingeweihten Publikums verstellen dabei paradoxerweise das wirkliche und genaue, lustvolle Hinhören. Wer nicht an der richtigen Stelle klatscht und lieber hinhört, wer lieber nur hört anstatt auch noch nebenbei zu essen und zu trinken hatte am gestrigen Abend eh schon verloren.
Jazz im Gritsch: In welcher Funktion steht der Jazz hier?
Jazz im Gritsch: In welcher Funktion steht der Jazz hier?

Das gestrige Gespräch mit einem Bekannten, nennen wir ihn E., brachte ein Problem auf den Punkt. Real Book beherrschen ist ja schön und gut. Aber letztlich reicht das irgendwie auch nicht mehr. Außer halt für ein Publikum, das an Konventionen gewöhnt ist und ihren Jazz bitte schön genau so serviert bekommen möchte. Und irgendwie sei das symptomatisch für Innsbruck, in dem es alles irgendwie gäbe. Aber halt meist nicht besonders gut umgesetzt oder besonders atmosphärisch. Innsbruck ist eine Stadt der Verkrampftheit, in der nicht mal lässig Genre- und Szene-Grenzen niedergerissen werden, sondern in der diese immer und immer wieder bestätigt werden.
Vielleicht ist es das, was das aktuelle Album von Flying Lotus so eindringlich und radikal macht, vor allem wenn man es mit der Innsbrucker-Jazz-Szene vergleicht: Der Mann geht leichtfüßig, unverkrampft und zugleich mit einer solchen Intensität daran Genre-Begrenzungen, die es ohnehin nie gab, nieder zu reißen, dass es eine wahre Freude ist. Jazz schaufelt sich sein eigenes Grab, wenn er sich beschränkt.
Schlimmer noch: Er widerspricht seiner eigenen Intention, dass eben alles Jazz ist und Jazz werden kann. Jazz ist ein komplexes Verarbeitungssystem von Akkorden, Skalen, Harmonien, Sounds und Stilen. Jazz ist eine Anleitung, ganz genau hinzuhören. Und genau eine solche würde ich mir in Innsbruck wünschen. Für möglichst viele Menschen.

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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