Ist Thomas Bernhard gescheitert?

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Drei Herren bestreiten den Abend im K2 des Landestheaters. Sie sind keine „Alten Meister“, aber sie bewegen sich zwischen ihnen. Das gesamte Stück spielt im Kunsthistorischen Museum. Als Zuschauer sitzt man mitten drin zwischen den Bilderrahmen, beinahe selbst auf der Bühne. Meine Güte, so nahe wollten wir Bernhard dann doch nicht kommen. Weil er in diesem seinem Buch, das zwar als „Komödie“ untertitelt ist, aber eigentlich ein Prosatext ist, sudert und geifert wie kaum je vorher oder nachher.
Viele seiner größten Sätze stammen aus den „Alten Meistern“, viele seiner wüstesten Beschimpfungen wiederholt er hier ein ums andere Mal, bis man sich fast körperlich daran erinnern kann. Es geht gegen die Kunsthistoriker, „die eigentlichen Kunstvernichter“[i], die Lehrer „mit ihrem perversen Flötenspiel und ihrem perversen Gitarrengeklimper (…), diese sentimental-pathetischen Staatshandlanger mit erhobenem Zeigefinger“[ii], den „perversen katholischen Glaubensinfantilismus“[iii] der europäischen Kunst… Es ist ein einziges großes Fest des Zynismus, das Bernhard seinem alten „Privatphilosophen“ Reger (herovrragend: Andreas Wobig) in den Mund legt. Seine beiden Jünger hängen ihm an den Lippen, aber er selbst ekelt sich fast vor der eigenen Bildung. „Wer nicht?“, möchte man fragen.


Scheitern als Zeitvertreib


Die titelgebenden „Alten Meister“ sieht sich dieser Reger jeden zweiten Tag an, auf einer Bank im Kunsthistorischen Museum sitzend, ständig auf der Suche nach Fehlern im Gemälde, nach dem Scheitern des Schöpfers. Das ist radikal, vielleicht sogar blasphemisch, vor allem wenn es, Gott bewahre!, gegen des Österreichers Lieblinge, Mozart, Bruckner oder gegen Regers liebsten Prügelknaben Stifter geht.
Aber es trifft auch einen Nerv des so sehr verachteten Bildungsbürgertums, das sein Allerbestes tut, Kunst zu etwas existenziell völlig Uninteressantem zu machen, zu einem Luxus, den man sich leisten können muss. Und so sind wir auch, mit tatkräftiger Unterstützung der Kunsthistoriker, unfähig, einen Künstler als Subjekt, als leidendes und scheiterndes Subjekt zu sehen.
Und wenn wir uns diese Perspektive verwehren und uns lieber dem Geniekult hingeben, verlieren wir ohnehin jeden Bezug, denn die Alten Meister sind nichts im Vergleich zu einem lebendigen Menschen – meint Reger, der ja in Wirklichkeit nur so sudert, weil in die Sehnsucht nach seiner toten Frau zerfrisst. Und wenn uns die Kunst in unserer tiefen Verzweiflung nicht helfen kann, scheitert sie.
Der Künstler in „Am Ziel“ (derzeit im Kellertheater zu sehen), ein blutleerer Dramatiker, hat sich an das Scheitern gewöhnt. Die Größe der Kunst besteht darin, es doch immer wieder, entgegen alle Erwartungen zu versuchen, meint er. Und wenn sie nichts verändert, dann ist es auch nicht tragisch, solange der Künstler selbst „am Ziel“, also am Zenith seines Erfolges ist. Johannes Gabl spielt ihn mit Haartolle und zerstreuter Arroganz.
In diesem Zustand wird der junge Dramatiker von einem grotesken Gespann, einer alten Mutter (genial: Eleonore Bürcher) und ihrer alternden Tochter (Bernadette Heidegger) aufgegabelt. Die eine verehrt ihn, die andere vereinnahmt ihn.
Mehr noch als ein Stück über die Kunst ist es eine über einen Generationenkonflikt, eine schmerzhaft ungesunde Mutter-Tochter-Beziehung. Die Junge hat nichts von der Eloquenz und Souveränität der Alten geerbt, sie ist unterdrückt, handlungsunfähig – und nicht zuletzt selbst schuld. Sie steht, scheint es, für eine ganze Generation, die nichts wagt. Die Mutter schreit nach der Revolution – „das ist, wie wenn man ein Kind in die Welt setzt – alles explodiert!“ – und zwingt die Tochter in die Untätigkeit. Das ist nicht unbedingt überkommen, kein historisches Zeugnis.


 Kein alter Meister, und am besten auch kein Klassiker…


Es wirft nämlich auch die interessante Frage auf, was eine (auch sehr untätige) Generation, die Bernhard selbst nicht mehr miterlebt hat, aus ihm macht.
Das Durchschnittspublikum in beiden Stücken ist jedenfalls definitiv eher Bernhards eigene Generation; und der Künstler ist unter der Erde, da kann man entzückt über seine Boshaftigkeit lachen und dann guten Gewissens nach Hause schleichen.
Und wir Generation Y mit unserem kritischen Geist? Sind wir aufgeklärt genug, um keinen Bernhard mehr zu brauchen? Oder haben wir selbst genug neue Probleme, und der Alte gehört überdies auch schon längst zum Establishment? Und wie weit sind wir denn um Himmels Willen gekommen, Bernhard auf die Literaturliste im Gymnasium zu setzen? Das ist mit Abstand der beste Weg, ihn demnächst massiv ungelesen zu machen. Und es käme einem ganz hässlichen Scheitern gleich.


… und auch kein Podest für Bernhard


Natürlich können wir nun, fast 30 Jahre nach seinem Tod, auch Bernhard zu einem Mythos machen, ihm sein Podest unter den anderen Alten Meistern zuweisen und ihn in großkotzigen Kritiken wie dieser zu einem verehrungswürdigen Genie stilisieren. Es ist viel härter, der Person Bernhard zu begegnen, wohl in einer Ecke des Herzens über seine Tiraden zu lachen, sich aber in einer anderen Ecke davon schockieren und beleidigen zu lassen. Ganz ernsthaft und ohne davon auszugehen, dass ja nur die anderen gemeint sind. (So spießig, so katholisch, so braun können wir ja gar nicht sein.)
Wir haben allesamt, auch und sogar – das würde er wohl als erster zugeben – Bernhard selbst, nur wenig davon Ahnung, was Kunst ist und was sie sein kann; was die Alten Meister waren, bevor sie zu Alten Meistern wurden; und was, im Vergleich dazu, der lebendige Mensch ist.
Vielleicht müssen wir sogar, um das zu verstehen, andauernd nach seinen Fehlern zu suchen, mit böser Ironie darin herumzustochern – und ihn doch dafür zu lieben. Damit hatte bislang wohl fast jede Generation ihre Probleme. Es wird Zeit, dass wir üben – im Theater, aber vor allem außerhalb.


Infos


Beide Stücke sind hervorragend gespielt, mit jeweils starken und gut harmonierenden Trios. Wer den politischen Thomas Bernhard besonders liebt, möge sich die „Alten Meister“ zu Gemüte führen, wem das Psychologische eher liegt, der ist „Am Ziel“ sehr gut aufgehoben.
Für die „Alten Meister“ sind nur mehr für zwei Aufführungen (18. März und 26. März) Karten (Link: http://www.landestheater.at/info/karten/online-karten/theater-karten/alte-meister-1022 ) zu haben. Man hofft allseits auf eine Verlängerung der Spielzeit.
„Am Ziel“ ist ähnlich beliebt, wird aber noch häufiger aufgeführt. Für zwei Termine im Januar und alle Termine im Februar (jeweils Dienstag, Mittwoch, Freitag und Samstag, zusätzlich der 27.) und März (1.-4.) sind noch Karten (Link: https://www.kellertheater.at/online-reservierung/am-ziel/) erhältlich. Für Mütter und Töchter, die gemeinsam erscheinen, gibt es eine Ermäßigung. „Wie bürgerlich!“, würde Bernhard sagen.
 
[i] Thomas Bernhard, Alte Meister. Komödie. Suhrkamp 1988, S. 34
[ii] ebd., S. 55
[iii] ebd., S. 306

Titelbild: (c) Landestheater

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