Sehr geehrter Herr M.

2 Minuten Lesedauer
Foto (c) dpa

Ein Mann schreibt an einen Autor. Nach und nach ergibt das Geschriebene Sinn. Nach und nach baut sich eine Geschichte auf. Nach und nach lüftet sich ein Geheimnis. Nach und nach wird es spannend. Dann das abrupte Ende. Sichtwechsel, Schichtwechsel. Wieder braucht man als Leser einige Seiten, um zu verstehen über wen hier gesprochen wird, aus wessen Sicht erzählt wird. Wieder kommt Spannung auf. Wieder der Bruch. Eine neue Sicht, eine neue Geschichte beginnt.
Herman Koch, dieser gewiefte niederländische Autor, legt mit „Sehr geehrter Herr M.“ einen Roman vor, der in wellenartigen Bewegungen vor sich hinrollt und einen mitreißt. Dabei schafft er es eine Spannung aufzubauen, die einem Thriller gleichkommt. Es fehlt zwar das aichnersche Tempo, der offene Mund, die vor Staunen aufgerissenen Augen, der stockende Atem, das alles gibt es aber auch hier.
Gleichwohl sich die knapp 400 Seiten lange Erzählung wie ein Thriller lesen lässt, so liegt unter den augenscheinlichen, menschlichen Abgründen und den morbiden Gedanken noch eine weitere Schicht verborgen. Herman Koch erzählt die Geschichte eines alternden Autors, dessen Zenit längst überschritten ist. Er erzählt aber auch die Geschichten eines Lehrers, der spurlos verschwindet und zweier verliebter Gymnasial-Schüler, die irgendetwas wissen oder getan haben.
Bis zu den letzten Seiten, fast bis zum letzten Absatz glaubt man immer wieder die Zusammenhänge zu verstehen, nur um dann erst recht wieder im Dunkel zu tappen. Erst in den Schlusszügen wird der Leser erlöst. Ein Buch über die Liebe, den Tod, den harten Alltag an einer Schule und den aberwitzigen, feindseligen, egoverseuchten Kulturbetrieb Amsterdams. Eine Erzählung, die fesselt, die einen beschäftigt und bis zur letzten Seite Spannung birgt und dabei überrascht viel Tiefgang bietet. Man kann, muss das Buch nämlich nicht wie einen Thriller lesen.


9783462047387 Kiepenheuer & Witsch
Titel der Originalausgabe: Geachte heer M.
Aus dem Niederländischen von Christiane Kuby und Herbert Post
ISBN: 978-3-462-04738-7
Erschienen am: 05.03.2015
400 Seiten, gebunden

 

Ein Leben zwischen Schreibmaschine und Fußballplatz. Eigentlich Betriebswirt. Hat das ALPENFEUILLETON ursprünglich ins Leben gerufen und alle vier Neustarts selbst miterlebt. Auch in Phase vier aktiv mit dabei und fleißig am Schreiben.

1 Comment

  1. Gute Idee, im Afeu eine Serie über Bücher einzuführen. Und natürlich, passend zum Gastland bzw. der Gastsprache der heurigen Frankfurter Buchmesse, mit einem niederländischen Buch zu beginnen.
    Man darf auf die nächsten Bücher gespannt sein.

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.