Plädoyer fürs Feierabendglaserl

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Wer hart arbeitet, hat sich ein Bier verdient. Dieses Sprichwort hat sich zwar noch nicht offiziell durchgesetzt, sollte aber genauso zur kollektiven Routine werden, wie das Händewaschen nach dem Klogang. Dass sich das Feierabendglaserl dabei aber längst nicht auf den goldigen Hopfensaft mit weißer Wolkenhaube beschränken muss, sollte ohnehin klar sein. Als verdienter Trunk nach getaner Arbeit eigenen sich viele Dinge. Der süße Saft der Traube genauso, wie stärkere Stoffe und gewagtere Mischungen. Das Feierabendglaserl sollte jedenfalls so fix zum beruflichen Alltag gehören, wie der cholerische Chef und die viel zu freundliche Sekretärin.
Gute Gründe gibt es dafür viele. Der After Work Drink erfüllt gleich mehrere sinnvolle Funktionen. Wer in der Arbeit gestresst ist und sogleich nach Hause rennt, wird den Stress zwangläufig mitziehen, wie einen unangenehmen Geruch, der einfach nicht verfliegen will. Die logische Konsequenz. Aus dem wohligen Heim wird ein Schauplatz der Nörgeleien und der Unzufriedenheit. Es empfiehlt sich also zwischen Arbeitsende und Nachhause kommen noch einmal kurz Inne zu halten, den Rachen zu benetzen und Abstand zum Alltagsstress zu finden.
Eine weitere positive Funktion des Freizeit-Achterls – die Möglichkeit mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Egal ob gemeinsam mit Arbeitskollegen oder alleine. Wer nicht alleine sein möchte, muss es nicht. Das Feierabendglaserl bietet die ideale Möglichkeit, um sich auszutauschen, die Arbeitskollegen besser und neue Menschen überhaupt erst kennen zu lernen. Nebenbei verbessert man auch noch seine Skills in Sachen Smalltalk, Spontanität und Schlagfertigkeit. Auch das kann sich im wahrsten Sinne des Wortes schnell bezahlt machen.
Des Weiteren ist das Glaserl dopo di lavoro die preisgünstigste Alternative, um sich in Urlaubsstimmung zu versetzen. Ein herrliches Glas vino und die toskanische Sonne ist nahe. Ein großes Helles und die bayrische Gemütlichkeit fährt einem in die Glieder. Ein rauchiger Whisky und die schottischen Highlands scheinen nicht weit entfernt. Wer also unter chronischem Fernweh leidet, soll sich diesen Text zu Herzen nehmen.
Überhaupt ergeben sich dank des Feierabendglaserls oft die schönsten Geschichten. Unromantische Ehemänner, greifen plötzlich zum Telefon und entführen die eigene Frau zum Nobel-Italiener. Traurige Single-Ladys schöpfen Mut und quittieren das Zwinkern des Barkeepers mit einem Lächeln. Gestresste Eltern lassen die große Schwester Babysitten und finden für eine Stunde Ruhe. Ideen zu spontanen Kurzurlauben oder Theaterbesuchen entstehen. Denkblockaden lösen sich. Grenzen verschwimmen.
Ach, es gäbe noch so viele wunderbare Beispiele, wieso ein Feierabendglaserl eine absolute Notwendigkeit darstellt. Aber irgendwann ist eben Dienstschluss. Das Leben ruft. Prost!

Hier geht es zu zur vorherigen Folge von "Kleingeist und Größenwahn".

Ein Leben zwischen Schreibmaschine und Fußballplatz. Eigentlich Betriebswirt. Hat das ALPENFEUILLETON ursprünglich ins Leben gerufen und alle vier Neustarts selbst miterlebt. Auch in Phase vier aktiv mit dabei und fleißig am Schreiben.

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