Warum der Tod in unserer Gesellschaft keine Rolle mehr spielt

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Ein Anruf am Vormittag. Ein Mitglied des erweiterten Familienkreises ist tot. Es sei besser für sie gewesen. Immerhin war sie schon alt und hat den Tod sterben dürfen, den sie sich gewünscht hat. Einfach eingeschlafen sei sie. So schnell könne es gehen. Nein, kümmern müsse man sich um nichts. Alles sei schon am Laufen.
Zum Glück gibt es in der Stadt ein Unternehmen, das einem alle Unannehmlichkeiten abnimmt. Sogar Behördengänge. Bei den Kränzen kann man sich zwischen mehreren Varianten entscheiden. Auch einige Trauer-Sprüche stehen zur Auswahl. Selbst die passende Musik steht schon parat. Wer sich im Heute noch Gedanken über die genaue Musikwahl macht, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen. Der lebt nicht in Zeiten der professionellen Dienstleitungen im Trauer-Segment. Längst sind Lieder und Musikstücke vorausgewählt worden, zu denen sich besonders gut trauern und weinen lässt.
In der Leichenhalle kommt man dem Tod ebenfalls nicht allzu nahe. Der Sarg steht hinter Glas. Die Tür zum Raum ist verschlossen. Der Tod als Inszenierung: Ein Sarg mit Schnitzereien, Blumen ringsum, dazu Kerzen. Hier ist der Ort, an dem die Trauer gebündelt wird. Gebündelt werden soll. Bitte trauern Sie hier, damit die Trauer nicht auch noch maßlos und irrational mit in den Alltag geschleppt wird.
Der Tag des Begräbnisses ist angebrochen. Beileidsbekundungen. Ich kann emotional kaum an diese Worte anschließen. Bereits im Vorfeld hatten viele Leute an uns gedacht. Mit Worten, die nicht die ihren waren. Es ist ihnen nicht zu Lasten legbar. Auch für sie ist der Tod ebenso weit weg wie für mich. Wir kennen nicht den tatsächlichen Tod, haben die Leiche nicht gesehen. Wir kennen nur die Inszenierung und die Rituale, die mit dem Tod einhergehen. Auf diese reagieren wird. In diesem Kontext der Inszenierungen agieren und kommunizieren wir. Andere Worte, Handlungen und Formulierungen würden auf provokante Weise behaupten, dass es noch einen realen, unfassbaren Tod jenseits dieser symbolischen Ordnung gäbe.
Auch die kirchlichen Rituale bewahren und tradieren Ordnungen. Sie benutzen liturgische Formen um Schmerz und Trauer zu mildern und zugleich hervorzulocken. In Verbindung mit der absolut passenden Musik werden Gefühle abgerufen. Ein geliebter Mensch ist nicht mehr. Ich kann nicht weinen. Nicht weil ich nicht trauern würde. Sondern weil meine Trauer hier keinen Platz findet.
Ich habe einen folgenschweren Fehler gemacht. Ich habe nicht darauf bestanden, die Tote noch einmal zu sehen, bevor das Reale des Todes durch Institutionalisierung, Ritualisierung und Inszenierung abgemildert und ins Symbolische überführt wurde. So finde ich zu keinen Emotionen, die mir echt erscheinen. Es wirkt so, als ob die jeweiligen Situationen ganz konkrete Gefühle verlangen würden. Alles wirkt gut gemacht und gemeint, aber unecht.
Der Tod ist weit weg. Sogar im Augenblick des Todes eines geliebten Menschen.
Doch wie anders trauern? Wie den Tod anders erleben? Wie anders darüber sprechen und schreiben? Felix meinte kürzlich in seinem Kommentar, dass einiges in der Literatur verhandelt wird. Das macht die Literatur zum Sammelbecken und Reservoire für dasjenige, das in unserer fein-säuberlich durchstrukturierten Welt keinen Platz findet. Wenn das stimmt, und ich denke das, dann können wir in guter Literatur andere Worte finden. Gezielte, kleine Provokationen, die ein reales und unerhörtes Ereignis hinter dem abgeschwächten Ereignis der ritualisierten Trauer-Bewältigung behaupten und darüber sprechen können.
Diese Worte und Argumentationslinien könnten ein Riss in der Ordnung der Dinge sein. Ein Riss, durch den wir einen Blick darauf erlangen, dass der Tod grausam ist. Unerbittlich. Und dass er auch uns bevorsteht.
Das mag wenig tröstend sein. Dafür aber echt, authentisch, unvermittelt und unverstellt. Es täte unser Gesellschaft gut, wenn sie mehr solcher Wahrheiten zulassen würde. Jenseits der Inszenierungen und der Abschwächung. Es wäre den Menschen zumutbar. Der Tod mitten unter uns in unverfälschter Sprache täte uns gut.

Titelbild: flickr.com, tanekken

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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