Gregory Porter in Imst: Der selbstsichere Jazz-Riese

9 Minuten Lesedauer

Musik hat immer auch eine Funktion. Diese Funktion steht abseits von der eigentlichen immanenten Funktionsweise der Musik selbst. Ich kann die Struktur der Musik erfassen, ich kann definieren und klären, wie sie mich anspricht und wie sie mich emotional oder intellektuell fangen und begeistern will. Das alles erklärt aber nicht, ob die Musik für mich funktioniert. Es gibt immer auch Aspekte, die nicht in einer sachlichen und analytischen Betrachtung aufgehen. Musik ist immer auch mehr, geht darüber hinaus.
Es gibt gelungene und misslungene Prozesse der Identifikation, die wenig mit der Musik an sich zu tun habe. Gregory Porter ist für mich ein solcher Fall. Obwohl ich seine Songs auf „Liquid Spirit“ für brillante Vocal-Jazz-Soul-Gospel-Pop-Songs halte, gibt es selten Momente, in denen mich diese wirklich direkt ansprechen. Sie klingen für mich eher wie Songs aus einer vergangenen Zeit, die wenig mit mir zu tun hat.
Das gestrige Konzert von Gregory Porter war der Versuch, seiner Musik und seiner Haltung näher zu kommen. Mich mehr mit seinen Songs zu identifizieren und sie nicht nur in einer eher kühlen, intellektuellen Weise strukturell und kompositorisch eindrucksvoll zu finden. Wer ist dieser Mann, der auf seinen Aufnahmen lautstark davon singt, dass er nicht einverstanden ist und diese Musik von heute nichts für ihn ist? Wer ist dieser Hüne, der es sich erdreistet, sich in die Tradition der großen Jazz-, Blues, Gospel- und Soulsänger zu stellen?
Denn das ist der Punkt: Hier imitiert nicht jemand die gute alte Tradition, hier stellt sich jemand in die Tradition und behauptet eine Bruchlosigkeit dieser Tradition. Wenn er in einem Lied fragt, was Nat King Cole sagen würde, dann stellt er sich wenige Takte danach hin und fordert die Zuhörer auf, ihm (also Porter) zuzuhören. So ist es jedenfalls gestern bei seinem fulminanten Konzert in Imst beim „TschirgArt“ geschehen. Bescheidenheit sieht definitiv anders aus. Aber: Seine Stimme ist derart großartig und seine Songs derartig essentiell und makellos, dass er sich tatsächlich in diese Reihe stellen darf.

Gestern in Imst zu hören: Gregory Porter, mit unglaublicher Stimme und grandioser Live-Band.
Gestern in Imst zu hören: Gregory Porter, mit unglaublicher Stimme und grandioser Live-Band.

Amerikanische Jazz-Magazine überschlagen sich regelmäßig, wenn es um seine Stimme geht und hieven ihn Jahr für Jahr in die Spitzenposition. Dass er aber nicht nur im Jazz Bereich populär ist, sondern auch regelmäßig Pop-Hörer von den Stühlen reißt und auch schon mal kurzerhand bei „The Voice Of Germany“ auftritt macht ihn zu einer singulären Erscheinung.
Als Jazz-Hörer hat man hier tatsächlich das Gefühl: Da geht was, da passiert gerade etwas Außergewöhnliches. Das hier ist nicht nur eine weitere großartige Vocal-Jazz-Erscheinung, die außerhalb der Nische niemanden wirklich interessant. Das hier ist ein großer Sänger und Songwriter, der Genre-Grenzen kurzerhand suspendiert, niederreißt und Menschen direkt anspricht, unabhängig von ihren musikalischen Vorlieben.
Ein Phänomen jedenfalls: Trifft Gregory Porter damit ins Schwarze, die Vergangenheit ins Heute zu holen und ganz einfach neue und großartige Songs zu schreiben, die sich wie alte Songs anhören? Ist es die Form von Gegenwartsbezogenheit und zugleich Vergangenheitsverhaftung, die so viele Menschen begeistert? Sind viele Menschen, genau wie Porter, nicht mit dem musikalischen Heute einverstanden? Vereint er die musikalisch Frustrierten, die wieder „echte“ und handgemacht Musik hören wollen, vorgetragen von einer fantastischen Band mit einer Stimme zum Niederknien?
Es mag sein, dass es genau diese Fragen sind, die mich daran hindern, Gregory Porter hemmungslos zu verehren. Ich bin nicht sicher, ob seine Haltung berechtigter Größenwahn ist, sich in die Reihe der großen Meister einreihen zu wollen. Oder ist seine Haltung vielmehr eine Gegenwartsverweigerung und eine Vergangenheits-Verklärung? Das alles könnte egal sein, zumal ja die Songs die aus seiner Haltung heraus entstehen im allerbesten Sinne solche Kategorien transzendieren.
Gregory Porter: In der Tradition der ganz Großen der Jazz-Geschichte!
Gregory Porter: In der Tradition der ganz Großen der Jazz-Geschichte!

Einfach gesagt: Das Konzert gestern war makellos. Die Vocals von Porter waren vielleicht das Beste, was ich jemals in diesem Bereich hören durfte. Und dennoch bleibt eine Kluft, die sich eben genau zwischen der enormen musikalischen Qualität und meinem eigenen Potential zur Identifikation mit dieser Musik auftut.
Als ich gestern mit „Liquid Spirit“ im CD-Player nach Imst gefahren bin, die Sonne schien noch, herrliches Wetter, war meine Begeisterung schier grenzenlos. „No Love Dying“ hat mich angerührt. Vielleicht in seiner Wahrhaftigkeit, die mich dann in solchen Fällen begeistert. Die Tatsache, dass Gregory Porter keinen Zweifel daran lässt, dass er seine Musik spielt und singt. Er diese Musik liebt. Seine Haltung ist nicht die eines Zweiflers, sondern die es eines zutiefst überzeugten Menschen. Er weiß, dass er mit diesen musikalischen Formen und Strukturen seine „Seele“ und seine Gefühle zum Ausdruck bringen kann.

Ich hingegen bin ein Zweifler. Ich schwanke zwischen musikalischen Formen, Ausdrucksmitteln, Genres. Als ich nach dem langen Konzert gestern nach Hause fuhr, war ich froh im Radio nicht Porter, sondern Anton Webern hören zu können. Seine Musik weist hin auf die Gegenwart, auf eine explodierte, pluralistische, kaum mehr fassbare Gegenwart, die sie eigentlich nur in Ausschnitten und in Fragmenten zum Ausdruck bringen und musikalisch beschreiben lässt.
Es ist also möglicherweise die Bruchlosigkeit in der Musik von Gregory Porter die mich stört, während ich immer mehr Musik voller Brüche, Widersprüche und disparater Elemente zu schätzen beginne. Es ist wunderbar, wenn jemand klar weiß, welche musikalischen Einflüsse er in seinen Sound inkludiert und welche er exkludiert. Das ist bewundernswert. Ich hingegen kann es nicht. Es mag sein, dass an einem Tag Gregory Porter das Maß aller Dinge ist, am nächsten Tag ist es Wolfgang Rihm. Ich differenziere nicht zwischen Genres, dulde keine Hierarchien.
Es geht darum, wie mich die Musik anspricht. Auf welchem Fuß sie mich erwischt. Ob sie meine Seele berührt. Das Problem ist nur: Ich scheine mehrere Seele zu haben, mehrere Füße. Musik, die mich gestern berührt hat, kann mich morgen schon absolut kalt lassen. Wer bin ich eigentlich? Und wenn ja, wie viele?
Gregory Porter ist offenbar einer. Eine Person, die eine ganz konkrete Sprechposition einnimmt. Die sich ganz konkret und dezidiert einreiht und die von einem ganz bestimmten Ort aus spricht und singt. Vielleicht beneide ich ihn. Aber ich weiß auch: Ich werde die Musik von Gregory Porter aus genau den beschriebenen Gründen nie lieben können, immer nur schätzen und bewundern. Es mag aber sein, dass genau das den Reiz der Musik von Porter ausmacht: Musik, vorgetragen von einem selbstsicheren, sanften Riesen, der Haltung bezieht. Seine Musik könnte das Gegengift zu der postmodernen Pluralität und Beliebigkeit sein. Und das ist ja schon mal nicht nichts.

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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