Plattenzeit #21: Radiohead – Ok Computer

8 Minuten Lesedauer

„Ok Computer“ – Das Album


Über „Ok Computer“ von Radiohead wurde schon alles gesagt. Dieses Album sei ein absoluter Meilenstein. Habe unzählige Bands beeinflusst. Es sei gar eines der besten Alben aller Zeiten. Wegweisend sei auch, wie hier mit ruhiger Hand komplexe Songs dank unfassbarer Musikalität in die Massentauglichkeit überführt würden. Dazu höre man nur einmal „Paranoid Android“, das damals, aus heutiger Sicht unvorstellbar, bei einem sehr bekannten Musiksender lief und weit oben in den Charts stand.
Womöglich steht diese Platte sogar auf einer Stufe mit „Nevermind“ von Nirvana. Nicht was den musikalischen Einfallsreichtum, denn da ist sie „Nevermind“ haushoch überlegen, sondern was die punktgenaue Entsprechung und Thematisierung des Lebensgefühls einer ganzen Generation betrifft.  „Ok Computer“ ist in Musik gegossene Angst, Verunsicherung, Zweifel und Verzweiflung einer heranwachsenden Generation, die sich im post-industriellen und spät-kapitalistischen System nicht zurechtfindet.
Ganz  vortrefflich ließe sich auch ausführlich darüber schreiben, dass diese Platte ihre Kraft und Großartigkeit daraus gewinnt, dass sich die Texte eben nicht an Kollektive richtet, sondern an den Einzelnen und an die Vereinzelten. Es ist eine Platte der irreversiblen Entfremdung von Gesellschaft, Sozialität und Menschen generell. Wer die „Leit“ nicht mag, hat in diesem Album seinen ultimativen Partner für isolierte Stunden in den eigenen vier Wänden gefunden.


Die eigene Geschichte


Vor allem aber betrifft diese Platte mich. Als jetzt Erwachsenen, der damals mit achtzehn zur Zeit der Veröffentlichung dieses Albums ein verzweifelter, verängstigter, vereinzelter Jugendlicher war.
Der Text muss folglich aus der eigenen Betroffenheit heraus einige Erzählungen etablieren und damit von einer Überlappung berichten. Die Gefühlswelt dieser Platte waren damals mit der eigenen Gefühlswelt gleichsetzbar. Durch die Möglichkeit der Abstraktion und der Teilhabe an der verwüsteten und doch merkwürdig intakten Innenwelt des Sängers Thom Yorke wurde ein Leben gerettet. Schmerz wurde bei ihm zu Kunst. Das Leiden war damit nicht umsonst und es hatte dadurch eine Art von Notwendigkeit erhalten.
Das knapp 18-jährige „Ich“ befindet sich damals gerade in der schwierigsten Phase der Adoleszenz. Es ist zweifelnd, schüchtern. Es leistet seinen Grundwehrdienst und kann schon seit Tagen nicht mehr schlafen. Damit verschwimmt und verschwindet die Welt und die Realität ringsum jeden morgen ein bisschen mehr. Nach anfänglicher morgendlicher Müdigkeit gibt es kein wirkliches Erwachen . Die Müdigkeit wird zum Normalzustand. In den Tag mischen sich zunehmend Klarträume und surreale Elemente aus kurzen Traumphasen, die sich ihren Platz in der Wachheit gesucht haben.
Textfragmente kommen ihm immer wieder in den Sinn. „The breath of the morning/ I keep forgetting/ The smell of the warm summer air.“  Es sollte schreiben. Musik machen. Sich nicht von sich selbst befreien, sondern von den auf absurde Weise funktionierenden Menschen, die es umgeben. Allmachts-Phantasien: „When I am king you will be first against the wall.“ Die Hölle, das sind die anderen.
Diese anderen, die kein gutes Wort für einen finden und die sich über körperliche Unzulänglichkeiten zunehmend jeden Tag ein bisschen mehr lustig machen. Die einem Nachts auflauern und damit drohen, dass sie sich später, wenn man schon Frau und Kinder hat, wieder melden. Sich in das dann geführte Leben, das in weiter und unerreichbarer Ferne zu sein scheint, einmischen werden. Ihre Schläge schmerzen weniger als der Verlust jeglichen Wohlempfindens. Jeglicher Rückzugsorte. Keine Wärme, nur mehr immerwährender Morgen. Der Atem des Morgens ist eisig, erschreckend.
„You can laugh/ A spineless laugh/ We hope that your rules and wisdom choke you“. In der Wiederholung wird diese Textstelle zu einer wunderschönen und nach Erlösung rufenden Forderung: „We hope that you choke/ That you choke/ We hope that you choke/ that you choke“. Am Ende des Songs klingt Thom Yorke selbst als ob er ersticken würde. Trotzdem liegt eine Entschlossenheit in seiner Stimme. Hoffnung. „Wake from your dreams/ the drying of your tears/ today we escpape/ we escape//“.
Es gibt noch einen Ort. Wenn schon nicht im Hier und Jetzt, dann im Später und in der eigenen Imagination. „Sucha pretty house/ Such a pretty garden/ No alarms and no surprises/ No alarms and no surprises/ No alarms and no surprises – please//“. Die Kunst, vornehmlich die Musik, wird zum Zufluchtsort. Dieser ist bei „Ok Computer“ keine verlogene, glatte Idylle, sondern ein Ort, an dem Intensität, Empfindungen der Trauer und suizidale Gedanken Platz haben. Man macht jedoch nicht Schluss, sondern baut sich sein eigenes kleines Imperium auf, in dem man traurig-glücklich sein darf und sich den gesellschaftlichen Dogmen und Erwartungen entzieht.


Fazit


Es ist keine Übertreibung dieser Platte lebensrettende Wichtigkeit zuzuschreiben. Ganz nebenbei hat sie auch Musik-Türen aufgestoßen und das damals 18-jährige „Ich“ in eine ganz neue Musikwelt hinein gestoßen, die aus weit mehr als nur „Metal“ oder Artverwandtem bestand. Von hier war der Weg hin zu Progressive-Rock, Jazz, Alternative-Rock oder ähnlichem angenehm logisch und wie vorgezeichnet.
Obwohl die Platte im nächsten Jahr zwanzig Jahre alt wird kann sie das zweifellos immer noch leisten. Sie berührt wie beim ersten Hörkontakt. Die damalige musikalische Zäsur, sowohl für die Band als auch für die Hörerinnen und Hörer, ist noch immer wahrnehmbar.
Vor allem aber lehrt sie, wie man mit der ganzen Fülle, Komplexität und Widersprüchlichkeit der eigenen Gefühle umgehen kann. Wie man, trotz temporärer Ausweglosigkeit, am Leben festhalten kann. Diese Platte ist tieftraurig und zugleich lebensbejahend. Diese Platte ist mir persönlich unglaublich wichtig. Und hat außerdem für alle Zeiten, völlig zu Recht, einen Platz im Kanon der Musikgeschichte gefunden.

Hier geht es zu der vorhergegangenen Folge von "Plattenzeit".

Zum Reinhören




Titelbild: (c) Pennie Smith / EMI, Bearbeitung: Felix Kozubek

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

1 Comment

  1. iaz los makko hearsch ma au do mit m ummablärrn, jedr woass das sell a creep bisch da brauchsch a itta drüber schreibn odr eppa itta galling no amol eini. geah liebr mit zum freiwild konzert in meran dann tua ma oan hebn do konnsch gift drau nehmn galling no amol eini

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

*

code