Manche gesellschaftliche Regeln sollten uns am A…

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Foto (c) Mateus Almério, Filtro Solar, flickr.com

Wenn es um Burkas geht, muss ich w.o. geben. W.o. geben kommt übrigens aus dem Englischen. Genauer gesagt von englischen Pferderennstrecken. Wenn bis auf einen, alle Sprintgäule aufgaben, musste dieser eine nur noch gemütlich in Richtung Ziel spazieren und wurde zum Sieger erklärt. Die anderen hatten ihm einen sogenannten „walk over“ ermöglicht. Bei Burkas bin ich definitiv kein Rennpferd, sondern ein lahmes Zirkus-Pony. Faxen machen geht, wirklich Stellung beziehen nicht. Dafür sprintet ansonsten alles, was sich irgendwie auf allen Vieren halten kann. Kaum nimmt jemand das Wort Burka in den Mund, haben sieben Ungefragte blitzartig eine Meinung. Lokale Stammtischgrößen, werden zu Religionsexperten und Free-the-Nippel-Feministinnen zu Verhüllungszauberern.
Ganz ehrlich? Als Mann, Ende zwanzig, in Europa lebend, traue ich mir bei diesem Thema einfach keine Meinung zu. Wenn ich einen Stegmayr sehe, wie er in seiner Montagskolumne mir nichts, dir nichts und durchaus nachvollziehbar erklärt, welche (sexuellen) Codes transparente Strumpfhosen vermitteln und wieso Burkas uns Westler irritieren, kann ich nur anerkennend Beifall klatschen. Mir fehlt dazu der Mut. Bin ich gegen Burkas, könnte man das islamfeindlich verstehen, dafür aber als zutiefst feministisch. Bin ich für Burkas, bin ich zwar multikulturell und tolerant, irgendwie aber auch ein Frauenhasser und zu wenig Patriot. Eine verdammt verzwickte Lage.
Gut, dass ich in guter alter westlicher Tradition, ein verstandesorientierter Mensch bin. Ich krame einfach im Fundus meiner Erinnerungen, suche eine ähnliche Situationen und schon habe ich eine Lösung parat. Das letzte Mal als sich jemand verhüllt hat und das nicht hätte tun sollen, war im Fußballstadion. Damals gab es ein großes Polizeiaufgebot, Abmahnungen und Stadionverbote. Das bringt uns auch nicht weiter. Die andere Erinnerung spielt im Schwimmbad anno 2003. Obwohl unsere hochpubertäre Gang sich damals vehement für die textile (Entscheidungs)Freiheit des weiblichen Geschlechts eingesetzt hat, waren wir am Ende die Verlierer und zogen mit geröteten Wangen von dannen.
Im Kinderzimmer durfte man sich nirgends verstecken, damit die Eltern sicher sein konnten, dass man noch atmet. Wenn dir am 5. Dezember ein Vermummter mit Glocken an den Hüften entgegengelaufen ist, blieb dir das Herz stehen. Prinzessin Jasmin aus Aladdin wird am Markt verhaftet, weil sie die Gesetzeshüter – aufgrund ihrer Verhüllung – nicht erkennen. Egal wie lange ich Nachdenke, sobald es um Verhüllungen geht, folgen Verbote oder andere unangenehme Konsequenzen. Mir will partout keine Haltung einfallen, mit der ich mich wohl fühlen und nach außen gehen kann.
Verdammt komplizierte Geschichte. An das letzte Mal, als Kleidungsvorschriften mein Leben und mein Denken noch nicht beschnitten haben, kann ich mich schon gar nicht mehr erinnern. Da bin ich – einjährig – nackt durch den Garten gerannt. Niemand hat sich daran gestoßen. Glaube ich jedenfalls. Kann mich ja nicht mehr erinnern. Der ganze Mist hat jedenfalls kurz darauf begonnen, als meine Eltern sich – für mich – gewünscht haben, dass ich ein guter Mitbürger werde und mir all die Dos and Don’ts dieser Gesellschaft beigebracht haben. Das war der Anfang vom Ende.
Vielleicht ist ja das die Lösung aller Probleme. Einfach mal drauf sch… und nackt durch den Garten rennen. Wenn das ein jeder tut, löst das sicher etwas aus. Gleich mal ausprobieren.
So. Bin wieder da. Aktionismus ist verdammt anstrengend. Ich leg mich mal wieder hin. (Foto) Und hey. Nur weil jemand eine Glatze trägt, muss er nicht automatisch ein Macho oder Burka-Gegner sein.

Ein Leben zwischen Schreibmaschine und Fußballplatz. Eigentlich Betriebswirt. Heute mal Autor, mal Sportmanager. Hat das ALPENFEUILLETON ursprünglich ins Leben gerufen und alle vier Neustarts selbst miterlebt. Auch in Phase vier - "Diskursplatz für Selbstdenker" - aktiv mit dabei und fleißig am Schreiben.

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