(c) Walter Klier

Alles Rassismus? Oder was?

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Während die Empörten aller Länder sich über die USA und die dort stattgehabte Ermordung (wenn die Gerichte denn auf dieses Delikt erkennen) eines Schwarzen durch Polizisten empören, empören und noch einmal empören, lassen sie die Missetaten, die nicht in, sondern von einem anderen, dem zweitmächtigsten Staat der Welt begangen werden, völlig kalt, mehr noch, wie Rod Liddle im letzten „Spectator“ sich ausdrückt, „never gave a monkey’s  about that“ (Rod Liddle, No one loves a despot, The Spectator, 11 July 2020). Weil es dort so praktisch zusammengefaßt wird, möchte ich den betreffenden Absatz aus dem genannten Artikel kurz referieren.

China rasselt nicht nur an der Grenze zu Indien in Ladakh mit dem Säbel, ganz nebenbei bedroht es währenddessen auch das kleine, hierzulande gerne romantisierte Bhutan, es drangsaliert seine südostasiatischen Nachbarn wegen der Spratly- und Paracel-Inseln, die es beansprucht, es hat seine diktatorische Macht nun für alle sichtbar auf Hongkong ausgedehnt und kündigt ziemlich offen an, daß dem freien, demokratischen Taiwan bald das selbe blühen wird. China verübt in seiner autonomen Region Sinkiang etwas, was man ohne Übertreibung als Genozid an der uigurischen Bevölkerung bezeichnen kann, es hat Tibet seit 1954 völkerrechtswidrig unter seine Kontrolle gebracht und unterdrückt die Tibeter, die außerdem durch die verbrecherische Siedlungspolitik längst in der Minderheit sind, und verteilt diplomatische und sonstige Fußtritte an jedermann, der es wagt, mit dem Dalai Lama irgendwie offiziell in Kontakt zu treten, es verübt weltweit Cyberangriffe auf Länder, die sich nicht brav und ordentlich benehmen, wie kürzlich Australien, und darüber hinaus werden daheim die eigenen Leute so behandelt, wie es in einer Diktatur der Fall zu sein pflegt, also nicht gerade nett.

Und wen beißt das? Genau niemanden. Nun können sich, ebenso wie alle anderen, ja auch die Gutmenschen nicht um alles kümmern, aber es scheint mir hier doch eine auffällige Differenz zu bestehen, die man in der guten alten Zeit mit der Redewendung „mit zweierlei Maß messen“ verdeutlichte. Diese Differenz wird auch nicht weiter begründet und geht in der allgemeinen George-Floyd-Erregung unter. Sie bleibt aber, wie man es dreht und wendet, schließlich in der Moralbilanz als Minus stehen, und die kurze und unangenehme Erklärung kann freilich nur sein, daß es sich bei allen diesen George-Floyd-Fachleuten um Rassisten handelt, für die nur der weiße Mann etwas wert ist und demnach Untaten auch nur dann, wenn der weiße Mann sie beging, die meist kleinwüchsigen Schlitzaugen dort weit im Osten hingegen können so oder so treiben, was sie wollen, sich mit ihnen zu befassen, ist unter unserer Würde.

Zeitweise beschleicht einen der Verdacht, daß dieses allgemeine närrische Treiben unter dem Motto „Wer ist der/die/das Moralischeste im ganzen Land?“, das vorrangig auf Universitäten und in Redaktionen aller Art zu beobachten ist, neuerdings in die Phase des manifest Irrsinnigen übertritt. So hat kürzlich die in Cambridge englische Literatur lehrende Dr Priyamvada Gopal getweetet „White Lives Don’t Matter“, worauf sie einerseits Beschimpfungen und Gewaltandrohungen einheimste, ihr andererseits aber von der Uni, von wegen der Meinungsfreiheit, eine Professur verliehen wurde. Letztes Jahr hatte man in China Xu Zhangrun, einen ausgesprochenen Kritiker von Parteichef Xi Jinping und Professor an der mit der Uni Cambridge verpartnerten Tsinghua-Universität, seiner Professur entkleidet und hat ihn nun, nach einem Jahr Hausarrest, ins Gefängnis geworfen. In diesem Fall hörte man aus Cambridge keinen Pieps zu dem Umstand, daß es sich bei der freien Rede um etwas Verteidigenswertes handeln könnte.

So fragt man sich langsam, wo sie (die freie Rede nämlich) überhaupt noch existiert – vielleicht in kleinen windstillen Ecken wie der Internetseite, auf der Sie sich gerade befinden. Aber wie kann man auf lange Sicht darauf hoffen, seine Ruhe zu haben? Gar nicht. Vor Erreichen der Friedhofsruhe werden die rasenden Rechthaber nicht ruhen, wenn man ihnen nicht Einhalt gebietet.

Walter Klier, geb. 1955 in Innsbruck, lebt in Innsbruck und Rum. Schriftsteller und Maler.
Belletristik, Essays, Literaturkritik, Übersetzungen, Sachbücher. Mitherausgeber der Zeitschrift "Gegenwart" (1989—1997, mit Stefanie Holzer). Kommentare für die Tiroler Tageszeitung 2002–2019.
Zahlreiche Buchveröffentlichungen, u.a.: Grüne Zeiten. Roman (1998/Taschenbuch 2014), Leutnant Pepi zieht in den Krieg. Das Tagebuch des Josef Prochaska. Roman, 2008. Taschenbuch 2014). Der längste Sommer. Eine Erinnerung. 2013.
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