Burkas, Bikinis, Strumpfhosen und kulturelle Codes

5 Minuten Lesedauer

Die Burka ist ein Kleidungsstück. Im Gegensatz zur Offenbarungs-Tendenz vieler „westlicher“ Kleidungsstücke deckt sie aber zu, verschleiert, verhüllt, lässt mögliche begehrende Blicke abprallen.
Ein Symbol für die „westliche“ Art der Kleidung ist, unter anderem, die transparente Strumpfhose bei Frauen. Sie verhüllt nichts, sie macht es begehrenden Blicken leicht. Das wäre nicht weiter bemerkenswert. Sie hat aber noch eine andere Funktion. Sie gleicht einer „zweiten Haut“, macht die weiblichen Füße und Beine zu erotisch aufgeladenen Orten und Zonen. Sie überführt Natur in Kultur.
Sie bringt das (männliche) Begehren nach diesen „Zonen“ zwar nicht hervor, aber sie forciert es. Sie ermöglicht die Überschreibung der „natürlichen“ Codes mit kulturellen Zeichen, die offen sind für Zuschreibungen und Konnotationen.
Damit ist gesagt, dass Kleidung Codes und Zeichen aussendet und für den kulturell Gebildeten „lesbar“ ist. Für den „Lesenden“ ist es nicht essentiell, ob der „Sender“ diese Codes und Zeichen bewusst oder unbewusst sendet. Im Kontext möglicher Burka-Verbote ist die Beschäftigung damit aber unumgänglich.
In Diskussionen wurde immer wieder das Thema Freiwilligkeit in den Mittelpunkt gestellt. Es sei nur schwer vorstellbar, dass eine Frau freiwillig Burka oder Burkini trage. Dem entgegen wurde unsere „westliche Kultur“ gestellt und die implizite Annahme, dass Frauen an den „westlichen“ Stränden dieser Welt voll und ganz freiwillig viel Haut in ihren Bikinis zeigen würden.
Die Muslima in ihrem Burkini trage diesen nicht nur höchst unfreiwillig, sondern würde von ihrer anti-aufklärerischen Religion förmlich dazu genötigt. Das alles rückt sie in die Nähe einer nicht näher bestimmbaren, undifferenzierten Masse an möglichen Terroristen oder zumindest anti-westlichen Anti-Aufklärern.
Bei der „westlichen“ Frau im Bikini verhält es sich gänzlich anders. Sie wird nicht in die Näher von vehement freizügigen und zeigefreudigen Gruppierungen einer aufgeklärten Gesellschaft gerückt, sondern sie steht an sich und für sich als Individuum im Mittelpunkt der Betrachtungen. Sie nimmt sich die von den „westlichen Werten“ bereitgestellte Freiheit und bringt sich, ihre Körperlichkeit und Sinnlichkeit mit diesem Kleidungsstück individuell zum Ausdruck.
Vor diesem Hintergrund lohnt es, die Diskussionen der letzten Zeiten zu betrachten. Während von feministisch-linker Seite zum Teil die Behauptung kam, dass man ja als Frau wohl Burka tragen könne, wenn man wolle wurde von anderer Seite ein mögliches Verbot von Burka und Burkini als eine progressive und explizit aufklärerische Handlung definiert.
Bei alldem hilft uns ein In-Bezug-Setzen unserer Leseweise von kulturellen Codes und Zeichen. Der „westliche“ Blick ist es gewohnt, Zeichen zu interpretieren, nach Intentionen zu fragen und Ironie zu erkennen.
Wir sind es gewohnt, dass Mode auch ironisch getragen wird und deren Bedeutung anders zu bestimmen ist als wird es völlig ohne Kontextwissen täten. Kitsch wird zu Mode, wenn sie im Ironie-Modus „Camp“ getragen wird. Wir sind es außerdem gewohnt, dass Bedeutungen fluktuieren und Holzfäller-Hemden im Heute auf gänzlich andere Sinnebenen verweisen als noch vor 20 Jahren.
Die Burka und der Burkini sind also, ob gewollt oder ungewollt, Provokationen und Irritationen für unseren „westlichen“ Blick. Mehr nur als die Frage nach Freiwilligkeit und Unfreiwilligkeit bei den Trägerinnen dieser Kleidungsstücke müssen wir uns die Frage nach den Bedingungen und Bedingtheiten unseres Blickes stellen.
Burkas und Burkinis verhüllen mögliche erotische Reize und verunmöglichen den begehrenden Blick auf den weiblichen Körpern, der ansonsten durch die Kleidung mit erotischen Codes überzogen ist. Das irritiert unseren an Freizügigkeit und omnipräsente Erotik gewöhnten Blick.
Diese Kleidungsstücke irritieren uns aber auch noch aus anderen Gründen. Wir können sie nicht „lesen“, kaum in Beziehung setzen.Wir kennen deren kulturelle Entwicklung kaum. Sie erscheinen uns fremd, exotisch, in ihrer Bedeutung aber paradoxerweise nur allzu eindeutig. Wir ordnen sie vereinfacht dem politischen, nach Vorherrschaft strebenden Islam zu, weil wir uns mögliche andere Bedeutungsebenen schlicht und einfach nicht vorstellen können und diese gar nicht kennen. Keine Ironie, nirgends. Kein „Camp“. Keine verschobenen und verschiebbaren Bedeutungsebenen. Burka und Burkini sind was sie sind.
Die Diskussion ist komplex. Doch mit den hier etablierten Begriffen und Zugängen könnten wir womöglich einen Schritt weiterkommen.

Eine Replik auf diesen Text findet sich HIER.
 Titelbild: (c) Paul Smith, Flickr.com

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

1 Comment

  1. Mit einem hast du Recht: Die Diskussion ist komplex- so komplex wie du sie darstellst, dann aber auch nicht. Deine Ansicht zu Ironie und Kleidung ist für mich nicht ganz nachvollziehbar. Zwar sagt mir der von dir angeführte „Camp“ Stil nichts- alleine das sagt aber schon einiges über Ironie in der Kleidung. Erstens halte ich einen Vergleich von ironisch getragener Kleidung mit Burkas für widersinnig. Ironie geht irgendwann verloren, wenn man permanent ironisch ist. Darum kann ich mir kaum vorstellen, dass es viele Menschen gibt, die sich permanent ironisch kleiden (man geht nicht jeden Tag auf eine 90er Fete). Zweitens: ich verstehe, dass du Ironie in der Kleidung anführst, um auf andere Deutungsweisen von Kleidung hinzuweisen. Allerdings legst du damit doch nahe, dass man Burkas und Burkinis ironisch sehen könnte, auch wenn du danach explizit sagst, dass das eben nicht der Fall ist. Eine längere Ausführung darüber, warum das Tragen von Burkas und Burkinis (wenn die Trägerinnen gläubige Muslima sind, worum es hier ja geht) keinesfalls ironisch gesehen werden darf, erspare ich mir an dieser Stelle. Leider ist die Conclusio „Burka und Burkini sind was sie sind“, bzw. „die Diskussion ist komplex“ wenig aussagekräftig und erklärt nicht zwangsläufig die vorherigen Ausführungen. Letztes Detail am Rande- große Teile eines meinungsbezogenen Textes im Konjunktiv zu formulieren, ist auch eigenartig, drückt dieser doch entweder aus, dass man andere Meinungen zitiert, oder die Richtigkeit von Aussagen anzweifelt. Dann also doch wieder zurück zur Ironie…

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