Plattenzeit #52: Sade – Love Deluxe

6 Minuten Lesedauer

Sex


Wer sich mit der Sängerin Sade beschäftigt braucht nun wirklich nicht lange, um auf das Thema Sex zu stoßen. Eine Bemerkung zu ihrer Stimme lautet etwa, dass sie wohl vor einiger Zeit einen gewaltigen Orgasmus gehabt haben muss und sich seither davon erholt. Ein weiterer Kommentar stellt die These auf, dass höchstwahrscheinlich sehr viele Menschen die jetzt etwa Anfang bis Mitte zwanzig sind zu ihrer Musik gezeugt wurden.
Die Reduktion auf Sex tut der Platte nicht unbedingt gut und wird ihr auch nicht gerecht. Dennoch ist die Platte natürlich unfassbar sexy und die Stimme von Sade, mit vollem Namen Helen Folasade Adu, strahlt eine kühle Erotik aus, die andeutet aber nichts endgültig verspricht. Als Mann weiß man intuitiv, dass sich Sade ein paar Klassen über einem befindet. Gerade in diesem Spannungsverhältnis von Begehren und Unerreichbarkeit ensteht die Faszination der Person Sade.
Nun sollte Vorsicht geboten sein. Musik vom Sex und vom Begehren her zu „lesen“ kann gefährlich sein. Doch bei Sade funktioniert es auf basaler Ebene, zumal die Musik ähnlich angelegt ist. Bereits beim ersten Lied „No Ordinary Love“ macht Sade ihr Programm und ihr Konzept klar. Sie hätte all ihre Liebe gegeben und sogar mehr als sie könne. Und der Geliebte hätte sie einfach genommen. Man weiß natürlich sofort, dass die gute Frau Adu auch Liebe zurückbekommt. Wer könnte einer solchen Stimme und einer solchen Frau schließlich widerstehen?
Das Video dazu legt noch ein Schäufelchen drauf. Sade sitzt im Clip zum Hit am Meeresgrund. Natürlich als Meerjungfrau. Der Geliebte kommt unverhofft und umso stärker ist die Liebe. Den Rest kann man sich vorstellen, wenn man ein bisschen Phantasie hat und sich in der Märchen-Logik auskennt.
Dazu wummert und tänzelt der Bass so, als habe er zu viel Trip-Hop inhaliert. Überhaupt ist „Love Deluxe“ kein lupenreines Charts-Pop-Album, sondern flirtet mit allen möglichen Stilen als ob es kein morgen gäbe. Der Teufel liegt im Detail. Das Album ist brillant arrangiert und ausmusiziert. Gar weltmusikalische Rhythmen sind hörbar, zum Beispiel bei „Feel No Pain“. Auch textlich kümmert sich Sade, entgegen der Annahme dass es nur um Liebe, Sex und Zärtlichkeit ginge, um die Welt. Eine Frau aus Somalia spielt beispielsweise eine Rolle. Außerdem schaut der Smooth-Jazz bei mehr als nur einem Track verwegen und lasziv um die Ecke.
Die Musik kann sich also mehr als nur hören lassen. Dennoch bleibt „Love Deluxe“ eine „Sex-Platte“. Nicht, weil es sich dabei um eindimensionales Gesäusel mit musikalisch geringem Anspruch handelt, das sich locker neben der schönsten Nebensache der Welt hören lässt ohne dass man von zu lauten E-Gitarren irritiert und zu allzu großen Höchstleistungen angestoßen wird. Es ist eine „Sex-Platte“ im weiter oben beschriebenen Sinne. Sade gibt sich nicht mit zu wenig oder Mittelmaß zufrieden. Ihr Liebster gibt ihr nicht nur einen ganz netten Kuss, sondern den „Kiss Of Life“.
Wenn sie von Liebe singt, dann nicht von irgendeiner Liebe, sondern von der außergewöhnlichen Liebe. Wenn es um die Liebe an sich geht merkt Sade an, dass sie gar nicht mehr lieben könne. Sie verausgabt sich, geht aufs Ganze, sucht die perfekte Liebe, den perfekten Augenblick, das ganz und gar Außergewöhnliche.
Das ist wohl auch das Wesen der Liebe schlechthin. Man strebt nach Perfektion und Besonderheit, erreicht sie aber nicht immer. Man wünscht sie außergewöhnliche Situationen und Romantik pur, bekommt aber allzu oft Alltag und Überforderung. Sade zeigt, wie es richtig gemacht wird und führt eine wunderbar-sinnliche und erotische Welt vor, die in Sekundenbruchteilen Wirkung auf die Hörerinnen und Hörer entfaltet. Ein paar Takte ihrer Musik oder, noch besser, ein paar Zeilen von ihrer Stimme vorgetragen und schon sieht man sich mit seiner Liebsten oder seinem Liebsten weltvergessen im Bett mit schönen, sinnlichen Körperdingen beschäftigt.


Fazit


„Love Deluxe“ ist eine kompromisslose Platte. Radikal in der Thematik, ansprechend in der musikalischen Ausführung. „Love Deluxe“ ist ein Klassiker, den man sich wieder auflegen sollte. Nicht nur euer Liebesleben, sondern euch eure Ohren werden davon profitieren. Ihr werdet euch wundern, welche Musik noch vor wenigen Jahrzehnten dazu in der Lage war die Charts aufzurollen.


Zum Reinhören


Titelbild: (c) N!noska, flickr.com, Bearbeitung: Felix Kozubek

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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